Kreis Pinneberg

Abitur trotz Coronakrise – Schüler schreiben Brandbrief

| Lesedauer: 7 Minuten
Nico Binde
Die große Leere an der Gebrüder-Humboldt-Schule in Wedel soll trotz Coronakrise vom 21. April an für die Abiklausuren vorbei sein – zum Entsetzen der Schüler.

Die große Leere an der Gebrüder-Humboldt-Schule in Wedel soll trotz Coronakrise vom 21. April an für die Abiklausuren vorbei sein – zum Entsetzen der Schüler.

Foto: Joana Ekrutt

Abschlussjahrgänge stemmen sich gegen die Prüfungen. Viele Schüler hätten andere Sorgen, etwa in in Existenznot geratenen Familien.

Wedel. Erst sollten die Tests landesweit wegen der Coronakrise abgesagt werden, doch nun steht der 21. April als Starttermin für die Abiturklausuren fest. Aber: Es gibt Ärger. Denn viele Schüler fühlen sich nicht in der Lage, die Prüfungen zu schreiben. Deshalb hat nun ein Großteil des Abschlussjahrgangs der Gebrüder-Humboldt-Schule in Wedel einen Brandbrief an Bildungsministerin Karin Prien (CDU) geschrieben.

Darin fordern sie die Absage der Prüfungen und folgen dem Beispiel vieler anderer Schüler, etwa aus Elmshorn. Vielerorts fürchten die Abschlussjahrgänge um ihre körperliche Unversehrtheit und eine anständige Vorbereitung. Doch das Bildungsministerium in Kiel bleibt hart. Mehr noch: Der Klausurfahrplan wurde am Donnerstag konkretisiert. Vom 21. April bis 5. Mai sollen sämtliche Prüfungen geschrieben werden.

Schüler sind mit ihrem Widerstand gegen das Abitur nicht allein

Die Wedeler Schüler verlangen dennoch, dass der Abschlussjahrgang ein sogenanntes Durchschnittsabitur erhält, das auf den vorher erbrachten Leistungen basiert. Es sei denn, Schüler haben wie in einigen Bundesländern geschehen, ihre Prüfungen bereits geschrieben. In diesem Fall soll es die Wahl geben, ob die Prüfungsleistungen eingehen.

„Wir als Abiturjahrgang der Gebrüder-Humboldt-Schule fühlen uns nicht verstanden, unsere Sorgen werden nicht ernst genommen“, heißt es in dem Brief aus Wedel. Ein ähnliches Schreiben hatten zuvor schon die Mehrheitsvertreter des Abschlussjahrgangs der Elmshorner Elsa-Brändström-Schule verfasst. Auch dort lautetet die Forderung: Die Abi-Prüfungen müssen abgesagt werden, und zwar nicht nur in Schleswig-Holstein, sondern bundesweit.

Mit ihrem Widerstand sind die Schüler aus dem Kreis Pinneberg nicht allein. Weil etwa 350.000 Schüler bundesweit in einer ähnlichen Situation stecken, haben zwei Hamburger Abiturienten eine Online-Petition mit der Losung „Keine Abitur-Klausuren in 2020!“ gestartet. Fast 1400.00 Menschen unterstützen dieses Begehren bereits.

Abi-Prüfungen psychologisch in der Coronakrise nicht zu verantworten

Die Hauptargumente der Schüler aus dem Kreis sind, erstens, gesundheitlicher Art. Denn viele Prüflinge für fünf Stunden auf engem Raum könnten reichen, um die Epidemie fortschreiten zu lassen. Zweitens seien Klausuren psychologisch nicht zu verantworten. Denn viele Schüler hätten neben dem Lernen für die Prüfungen gerade andere Sorgen, etwa die in Existenznot geratenen Familien. Zudem seien die Vorabiklausuren abgesagt worden, der Onlineunterricht chaotisch, denn Computer müssten oft mit Geschwistern geteilt werden.

Nicht zuletzt führen die Schüler ihre gesellschaftliche Aufgabe ins Feld: „Viele von uns leisten gerade zu Hause einen Beitrag. Wir beschäftigen kleinere Geschwister, facetimen mit den Großeltern, gehen einkaufen, organisieren Dinge und unterstützen unsere Eltern und Nachbarschaften.“ Währenddessen herrsche auf Bundes- und Landesebene beim Abi ein ständiges Hin und Her. „Diese Unsicherheit wirkt sich negativ auf unsere Psyche, Leistungsfähigkeit und Konzentration aus.“

Viele Schüler wollen die Prüfungen aber auch schreiben

Der Wedeler Schulleiter Joachim Feldmann hat durchaus Verständnis für das Ansinnen seiner gut 75 Abiturienten. Denn gerade für Schüler in beengten familiären Verhältnissen oder mit wenig Unterstützung der mit sich selbst beschäftigten Eltern sei die Vorbereitung schwierig. Gleichwohl bezweifelt er, dass alle Schüler den Brandbrief unterstützen. „Denn ich weiß von vielen Schülern, die die Prüfungen schreiben wollen.“

Zudem werde erst nach Ostern, wenn sich die weitere Entwicklung der Pandemie abschätzen lasse, final über das Stattfinden der Klausuren entschieden. „Fest steht schon jetzt, dass wir die Klausuren wohl in mehreren Räumen mit jeweils wenigen Schülern organisieren müssen“, so Feldmann. Diese Ausnahmesituation sei für auch für alle Lehrer Neuland, so der 65-Jährige.

Prien nennt konkrete Termine für die Abitur-Prüfungen

Bildungsministerin Karin Prien ist aber schon einen Schritt weiter. Nachdem sie sich bei allen Schülern Schleswig-Holsteins für das Durcheinander in der Coronakrise entschuldigt hatte, hat sie nun das Regelwerk für die Prüfungen festgelegt. Zuvor hatte sie selbst eine Absage ins Spiel gebracht, dafür von den anderen Bildungsministern der Ländern aber erheblichen Gegenwind bekommen – mit dem Ergebnis, dass die Klausuren nun am 21. April starten sollen. Darauf hatten sich die Länder verständigt.

Nun schreibt Prien: „Wir schaffen mit den nun festgelegten Regeln einen Rahmen, in dem aus heutiger Sicht die Abschlussprüfungen stattfinden können.“ Ihr Ziel sei, für alle Schüler die bestmöglichen Prüfungsbedingungen in dieser schwierigen Situation sicherzustellen. „Dabei gehen Sicherheit und Gesundheit vor“, so Prien. Ihr Appell lautet: „Sie sind gut vorbereitet. Sie wissen viel, Sie können viel und Sie sind durch die gesamte Oberstufe auf diese Prüfungen vorbereitet worden. Vertrauen Sie auf Ihr Können.“

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Nach dem Willen des Ministeriums sollen die Profilfächer am Dienstag, 21. April, geschrieben werden, am Freitag, 24. April, das Fremdsprachen-Kernfach (außer Französisch). Weiter gehe es am Dienstag, 28. April, mit Französisch, am Donnerstag, 30. April, folgen die Deutschklausuren. Mathematik wird am Dienstag, 5. Mai, geprüft, die Sprachprüfungen in Englisch sind zwischen dem 26. und 28. Mai angesetzt.

Laut Ministerium sei es unverzichtbar, dass alle Bundesländer gemeinsam einen abgestimmten Weg gehen. „Nur so können wir sicher sein, dass die Abiturzeugnisse in ganz Deutschland gegenseitig anerkannt werden.“

Klare Handlungsanweisungen für Schulen und Schüler

Wegen der schwierigen Pandemie-Vorschriften gibt es klare Handlungsanweisungen für Schulen und Schüler. Demnach sollen alle Schüler vor dem Betreten des Gebäudes bereitgestelltes Desinfektionsmittel nutzen, einen Mindestabstand von zwei Metern einhalten und auf mehrere Räume oder eine Aula verteilt werden.

Die Prüfungszettel sollen – vorher unberührt – schon auf den Plätzen liegen. Die Räume und Toiletten müssen nach jeder Prüfung desinfiziert werden. Das gesamte Lehrpersonal, außer die über 60-Jährigen, sollen die Prüfungen überwachen. Schüler müssen das Gelände nach Abschluss ihrer Klausur sofort verlassen. So die Theorie.

Ministerin Prien: „Die Schulleiter stellen vor Ort sicher, dass diese Handlungsempfehlungen umgesetzt werden. Die Schulaufsicht und die örtlichen Gesundheitsbehörden werden bei Fragen selbstverständlich unterstützen.“

Doch die Schüler aus Wedel haben ihre Zweifel und zitieren Dr. Kai J. Bühling: „In einem sieben Meter breiten Raum könnte man in der letzten Reihe maximal drei Abiturienten nebeneinander platzieren. Inder Reihe davor ist das schon nicht mehr möglich, denn jeder Prüfling muss den Prüfungsraum für einen Toilettengang verlassen können, ohne den einzuhaltenden Mindestabstand zu verringern.“ Bedeutet wohl: Es bleibt schwierig.

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