Kreis Pinneberg

Die Corona-Krise als Segen für die Menschen

Marlies Christiane Röbke hatte bis Ende des vergangenen Jahres eine Buchhandlung in Elmshorn. Jetzt bestückt sie noch diverse Büchertische im Kreis und betreibt einen kleinen Online-Shop. Momentan empfiehlt sie „Der Wal und das Ende der Welt“, hier zeigt sie den älteren Bestseller „Sungs Laden“.

Marlies Christiane Röbke hatte bis Ende des vergangenen Jahres eine Buchhandlung in Elmshorn. Jetzt bestückt sie noch diverse Büchertische im Kreis und betreibt einen kleinen Online-Shop. Momentan empfiehlt sie „Der Wal und das Ende der Welt“, hier zeigt sie den älteren Bestseller „Sungs Laden“.

Foto: Kristina Wätzel

Buchhändler aus dem Kreis Pinneberg stellen in Corona-Zeiten in loser Folge vor, was ihnen gefällt. Heute: Marlies Röbke von der Bücherstube.

Elmshorn/Großenaspe. Als Marlies Christiane Röbke (65) im Herbst vergangenen Jahres ihren Laden zuschloss, hatte Elmshorn seine einzige inhabergeführte Buchhandlung verloren – und damit zugleich einen Ort, den es so wohl nur einmal im ganzen Norden gegeben hat. Die Buchhändlerin aus Leidenschaft hatte ihr eigenes Haus am Hainholz 16 jahrelang zum Lesesalon gemacht. Wer dort ein Buch suchte, machte damit auch einen Besuch bei ihr zuhause.

Als sie 65 Jahre alt wurde, gab sie die Buchhandlung auf und zog in das Haus ihrer Eltern nach Großenaspe. Aber so ganz kann sie nicht von der Literatur lassen: „Bücher sind mein Lebensinhalt“, sagt sie. Deshalb macht sie weiterhin Online-Beratung, verschickt den von ihr wärmstens empfohlenen Lesestoff – und bestückt mehrmals im Jahr Büchertische im Café Langes Mühle und in der Elmshorner Waldorfschule: „Ich konnte einfach nicht gleich aufhören. Also mache ich ein bisschen weiter.“

Zu ihren aktuellen Tipps gehört von Katrine Engberg „Glasflügel“ und „Der Wal und das Ende der Welt“ von John Ironmonger. Aber davon später mehr.

„Im Wohnzimmer war mein Laden, da haben viele Schüler gesessen, da habe ich auch Veranstaltungen gemacht“, erzählt sie. Die Bestsellerautorin Katharina Hagena („Der Geschmack von Apfelkernen“) saß bei ihr auf dem Sofa und die Autorin Dörte Hansen, die durch das Buch „Altes Land“ bekannt wurde. „Das war Literatur hautnah zum Fühlen“, sagt Marlies Röbke.

Das hat sie auch Kindern von der nahen Gesamtschule vermittelt, die häufig bei ihr zum freien Lesen zu Gast waren: „Ich habe dann zu bestimmten Themen Bücher herausgesucht und vorgestellt, denn es ist mir ein Anliegen, Kindern und jungen Menschen das Lesen nahezubringen.“

Lesen, das sei doch etwas ganz anderes als vieles im Internet, das den Nutzern komplett fertig vorgesetzt werde. „Es gibt doch nichts Schöneres, als die Welt beim Lesen immer wieder neu zu sehen“, sagt die Büchernärrin.

Ursprünglich hatte Marlies Röbke einen ganz anderen, knochentrockenen Beruf gelernt. Sie war Bilanzbuchhalterin, bis sie eines Tages alles hinschmiss und im April 2003 mit dem anfing, wozu sie tausendmal mehr Lust hatte: Mit Büchern leben und handeln. „Viele meiner Kunden rufen mich immer noch an und bestellen dann bei mir die Bücher. Sie sind mir treu geblieben und sagen mir, wie sehr sie die Bücherstube vermissen.“ Jetzt noch arbeite sie beinahe rund um die Uhr, „ich lese nämlich bis zu 2000 Seiten im Monat.“

Einen ihrer momentanen Favoriten, „Der Wal und das Ende der Welt“, hat der in Kenia aufgewachsene Autor John Ironmonger geschrieben. Ein Buch, das wie die Faust aufs Auge zu der aktuellen Situation passt, aber dennoch weit darüber hinauswächst. „Ein ausdrucksstarker Roman in einer sehr gelungenen Übersetzung“, findet Marlies Röbke. Vordergründig gehe es um mehrere Banken-Crashs und ein böses Virus, das die Menschen dahinraffe. „Aber langsam wird deutlich, dass der Zusammenhalt innerhalb der Dorfgemeinschaft das eigentliche Thema der Geschichte ist“, so die Fachfrau.

In seinem Buch zitiert Ironmonger gleich zu Anfang den englischen Philosophen Thomas Hobbes, der in seinem Hauptwerk Leviathan einen Gesellschaftsvertrag zur Erhaltung des allgemeinen Friedens dem Naturzustand des Menschen gegenüberstellt, der das Recht der Selbsterhaltung an erste Stelle rückt. An die Küste eines Dorfes in Cornwall wird ein nackter Mann gespült – und kurz darauf, die Jona-Geschichte aus der Bibel lässt grüßen, ein Wal, den die Dorfbewohner zu retten versuchen.

Der Mann namens John erwacht und entpuppt sich als einer der Banker, die den Crash mit zu verantworten haben oder das zumindest von sich glaubt. Im Laufe der Geschichte durchläuft John eine Art moralische Läuterung. Sein beträchtliches Vermögen legt er in Lebensmitteln an, die in der Kirche bis in den Turm hinein gestapelt werden, damit möglichst viele in dem abgeschotteten Ort die Krise überleben. Bis er eines Tages selber krank wird...

„In dem Buch ist nicht ständig alles schlimm, sondern die Dorfbewohner packen mit an, kochen einmal am Tag gemeinsam auf dem Dorfplatz für alle, und jeder trägt etwas bei. Die Dorfgemeinschaft wächst immer stärker zusammen“, sagt die Buchhändlerin. „Menschlichkeit und Vertrauen werden im Laufe der Geschichte immer wichtiger.“

In ihrer nunmehr virtuellen Bücherstube geht es letztlich um mehr als um Fachkompetenz, auf die Verlass ist. Es geht um ein persönliches Verhältnis, das über Jahre gewachsen ist und um eine große Leidenschaft fürs Lesen. „Dadurch dass die Buchhandlung so privat war, war jedes Buch ein Stück von mir. Wenn ich eines vorgestellt hatte, hatte ich es auch gelesen.“ So lange wie möglich möchte Marlies Röbke ihren bescheidenen Buchhandel aufrechterhalten, „zur Zeit bin ich dabei, Autorenlesungen im Café Langes Mühle zu planen.“

Wenn sie mal nicht arbeitet, dann, Überraschung, liest Marlies Röbke Bücher. Denn: „Manchmal ist das Lesen ja auch ein schöner Abtaucher.“

Tipps und Kontakt: www.buecher-stube.de