Kreis Pinneberg

„Die Masken könnten sofort geliefert werden“

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Katja Engler
Rentner und SPD-Urgestein Günter Becker aus Hemdingen will mit seinen guten Kontakten dabei helfen, Masken zu importieren.

Rentner und SPD-Urgestein Günter Becker aus Hemdingen will mit seinen guten Kontakten dabei helfen, Masken zu importieren.

Foto: Katja Engler

Ein Hemdinger hilft einem Freund, Schutzausrüstung millionenfach zu importieren. Auf welche Hürden beide dabei stoßen.

Hemdingen.  Wenn Ware, die Menschenleben schützen könnte, nicht dort ankommt, wo sie gebraucht wird, läuft etwas schief. Darüber kann sich der Hemdinger Rentner Günter Becker (71) inzwischen in Rage reden. Becker ist seit 50 Jahren SPD-Mitglied, hat massig Erfahrung in der Kommunalpolitik und ist mittlerweile als Mitglied der Moorreger SPD aktiv. Früher hat er als Sachverständiger für Bauschäden, als Fachbuchautor und Vizepräsident des Dachverbandes der Hausverwalter gearbeitet, momentan setzt er sich gemeinsam mit seinem alten Freund Rüdiger Meyer aus Mülheim an der Ruhr dafür ein, dass Millionen von Atemschutzmasken zügig nach Deutschland kommen. Dorthin, wo sie dringend gebraucht werden. Dorthin, wo sie aber leider bis heute nicht angekommen sind, weil niemand der von ihnen kontaktierten Entscheidern den Ankauf bis heute beschlossen hat.

An dem Geschäft verdient Becker keinen Cent. Er will nur helfen, die Masken unter die Leute zu bringen. „Ich habe stundenlang herumtelefoniert. Olaf Scholz hat im Fernsehen gesagt, es werde angekauft, was zur Verfügung stünde, aber nichts passiert. Darüber ärgere ich mich. Wie viele Wochen wollen die noch prüfen? Man nimmt in Kauf, dass Menschen sterben. Das verstehe ich nicht!“

Verkäufer sind zwei Deutsche in Hongkong

Rüdiger Meyer arbeitet seit 42 Jahren als Rechtsanwalt und kennt Günter Becker seit 1980. Dicke Freunde sozusagen. Weil zwei seiner Mandanten mit ihren Im- und Exportfirmen in Hongkong sitzen, hatten diese ihn kontaktiert und gefragt, ob er nicht den Verkauf der Ware nach Deutschland vermitteln könne. Es geht um Atemschutzmasken des amerikanischen Großkonzerns 3M, die unter anderem in Asien produziert wurden und derzeit in Zolllagern in den Niederlanden, der Schweiz und der Türkei liegen. Lieferzeit: zwei Tage. Preise: 5,90 bis 6,30 Euro. Becker: „Die Masken könnten sofort geliefert werden.“

Konkret handelt es sich um sogenannte FFP 2- und FFP 3-Masken, die laut Meyer alle nötigen Zertifikate besitzen. Leider machen auch Kriminelle mit der Not schnelles Geld und liefern dann die Ware nicht. Damit hier alles korrekt läuft, hat Anwalt Meyer von den Lieferanten verlangt, den Verkauf über ein deutsches Notaranderkonto abzuwickeln. „Das hat mich viel Zeit gekostet. Da gibt es jetzt kein Risiko mehr für den Abnehmer“, sagt Meyer. Im Klartext heißt das, dass erst dann bezahlt wird, wenn die Ware auch abgeliefert wurde. Meyer betont, dass er in der Sache lediglich als Vermittler tätig sei.

Am 25. März erstmals die Behörden kontaktiert

Er sei kein barmherziger Samariter, er mache das für seine langjährigen Mandanten: „Ich lese überall nur von dem Mangel, aber bis jetzt passiert nichts. Das ist doch ein Witz!“ Am 25. März haben nämlich Becker und Meyer zum ersten Mal Kontakt mit behördlichen Stellen, mit Ministerien und Ämtern aufgenommen. Becker ließ seine langjährigen SPD-Kontakte spielen, schrieb alte Genossen wie den SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach und Hamburgs Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher an. „Ich bin im Moment sehr enttäuscht von den SPD-Genossen, die in der Verantwortung stehen“, sagt Günter Becker. An Tschentscher schrieb Becker um den 25. März eine SMS, einige Tage nach Abgabe eines Angebots über fünf Millionen hochwertiger und zehn Millionen einfacherer Masken: „Wenn die 15 Millionen Schutzmasken in ein anderes Land gehen, könnt Ihr euch weiter beklagen, dass es keine Schutzmasken gibt. Was kann ich tun, damit hier geholfen wird?“ schimpfte er in der SMS.

Aus dem Büro des Bürgermeisters und der zuständigen Behörde kam aber rasch eine Antwort. Doch die Mühlen mahlen langsam. Federführend beim Ankauf von Schutzausrüstung ist die Hamburger Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz. „Die Angebote werden bei uns gesammelt und geprüft auf Verwendbarkeit. Dafür sind im Haus die Kollegen der Abteilung Versorgungsplanung zuständig. Wenn ein Angebot brauchbar ist, wird dem nachgegangen“, sagt eine Sprecherin der Behörde. „Wir bekommen Unmengen an Angeboten. Deswegen kann es dauern, bis eine Rückmeldung erfolgt. Die Kollegen sind den ganzen Tag mit nichts anderem beschäftigt, und alles muss noch mit dem Gesundheitsministerium koordiniert werden.“ Auch kämen viele Firmenspenden zusammen: „All das geht nicht verloren.“

Eine erste Lieferung ist in die USA gegangen

Die Angebote, die Rüdiger Meyer unterbreitet, kann er nur etwa zwei Tage aufrechterhalten. Kommt dann keine schriftliche Interessensbekundung, werden die Masken an jemand anderen verkauft. So ging es mit fünf Millionen Stück FFP 2-Mundschutz. Den hatte Meyer auch angeboten, aber „den hat hier niemand gewollt. Die sind jetzt nach New York weggegangen für gut acht Dollar das Stück. Die Amerikaner zahlen fast jeden Preis.“

Über Karl Lauterbach kam immerhin ein Kontakt zur Bundeswehr, dann zum Zollamt zustande, mit dem Rüdiger Meyer weiterhin verhandelt. „Alle Beschaffungsstellen des Bundes arbeiten weiterhin mit Hochdruck am zügigen Einkauf der Schutzausrüstung. Die Generalzolldirektion prüft die Angebote unter Berücksichtigung der sehr angespannten Marktlage und des Beschaffungsdrucks in rechtlicher und technischer Hinsicht“, sagt Sprecher Florian Richter von der Generalzolldirektion in Bonn. „Ich kann Ihnen versichern, dass alles dafür getan wird, die Aufträge so schnell wie immer möglich zu vergeben, um die Versorgungslage in Deutschland zu verbessern.“

Der Packen an ausgedruckten Mails in Sachen Maskenverkauf ist schon fast so dick ist wie ein Buch. Meyer sagt, als Anwalt habe er gelernt, seine Emotionen zu kontrollieren: „Da lernt man, Geduld zu haben.“

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