Coronakrise

Häusliche Gewalt – "Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen“

| Lesedauer: 5 Minuten
Arne Kolarczyk
Der Weiße Ring befürchtet ein Ansteigen der häuslichen Gewalt, weil die Coronakrise die Menschen zum Zuhausebleiben zwingt.

Der Weiße Ring befürchtet ein Ansteigen der häuslichen Gewalt, weil die Coronakrise die Menschen zum Zuhausebleiben zwingt.

Foto: Bodo Marks / picture alliance / dpa Themendienst

Der Weiße Ring in Pinneberg fürchtet einen rapiden Anstieg der Fälle. Sichtbar wird das häufig erst deutlich später.

Kreis Pinneberg.  Es ist ruhig beim Weißen Ring. Unnatürlich ruhig. „Wir haben seit dem 14. März keinen neuen Fall mehr reinbekommen“, sagt Uwe Kleinig, Leiter der Außenstelle Pinneberg der Opferhilfseinrichtung. Doch der 67-Jährige glaubt, dass er und seine Helfer sich bald vor Hilfesuchenden kaum noch retten können – dank des Coronavirus. Kleinig: „Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen.“

Die Coronakrise zwinge die Menschen, Zuhause in der Familie zu bleiben, hinzu würden Stressfaktoren wie finanzielle Sorgen und Zukunftsunsicherheit kommen. „Diese Spannung kann sich in Gewalt entladen“, warnt Kleinig.

In China gibt es seit Corona mehr Hilferufe von Gewaltopfern

Wie groß die Gefahr ist, würden aktuelle Berichte aus China belegen, wo Familien zum Teil bereits seit zwei Monaten in häuslicher Quarantäne leben. In dieser Zeit hätten sich die Hilfegesuche von Gewaltopfern laut der Frauenrechtsorganisation Weiping verdreifacht.

Der ehemalige Kripo-Beamte vergleicht die aktuelle Situation, wo alle Zuhause bleiben müssen, mit den Weihnachtsfeiertagen. „Unsere Opferhelfer kennen das von Festtagen wie Weihnachten: Wenn die Menschen tagelang zu Hause sind und viel Alkohol konsumiert wird, gehen die Fallzahlen in die Höhe. Die Kontaktsperre wegen Corona dauert aber sehr viel länger als Weihnachten, die Stressfaktoren sind auch größer“, so Kleinig weiter.

Die Gewalt wird erst nach der Kontaktsperre sichtbar

Im Januar seien 20 Hilferufe bei der Opferschutzorganisation eingegangen, viele davon Anfang Januar direkt nach Neujahr. „Die Hälfte der Fälle betraf häusliche Gewalt, überwiegend Körperverletzungen“, sagt Kleinig weiter. Auch sexuelle Gewalt sei darunter gewesen.

Bis zum 14. März habe der Weiße Ring im Kreis Pinneberg 38 neue Fälle angenommen, darunter 34 in den ersten beiden Monaten. „Im März waren es vier Fälle, danach ist es abgerissen“, so Kleinig.

Das bedeute jedoch nicht, dass es aktuell zu keinen Gewalthandlungen innerhalb der Familien komme. Im Gegenteil. Kleinig: „Die Gewalt geschieht jetzt – sichtbar wird sie aber erst, wenn die Kontaktsperren aufgehoben sind.“ Das würden die Erfahrungen der Opferhelfer nach den Weihnachtstagen zeigen.

„Betroffene melden sich nicht, solange sie mit dem Täter auf engem Raum zusammensitzen. Erst wenn der Täter wieder zur Arbeit geht, finden die Opfer Zeit, uns zu kontaktieren“, so der 67-Jährige weiter.

Familienmitglieder und Nachbarn sollen aufmerksam sein

Er befürchtet, dass sich das Ausmaß der Gewalttaten, die durch das Coronavirus ausgelöst werden, erst viel später zeigen wird. Kleinig ruft deshalb Familienmitglieder, Nachbarn und Bekannte zu besonderer Achtsamkeit auf. Er und seine Kollegen seien auch während der Coronakrise erreichbar.

150 Fälle haben seine Opferhelfer im vergangenen Jahr bearbeiten müssen. Der Leiter der Außenstelle Pinneberg kann sich vorstellen, dass diese Zahl 2020 übertroffen wird. „Eine persönliche Beratung können wir aktuell natürlich nicht bieten“, bedauert der 67-Jährige. Um seine ehrenamtlichen Mitarbeiter zu schützen, sei der Kontakt zu den Hilfesuchenden aktuell auf Telefon, E-Mail oder Post beschränkt.

Das mache die Arbeit des Weißen Rings nicht leichter. „Vielen Opfern ist es eine große Hilfe, wenn ihnen jemand gegenüber sitzt, zuhört und Trost spendet.“ Auf diese Weise werde auch Vertrauen zwischen Hilfesuchendem und Opferhelfer aufgebaut. Normalerweise finde nur der Erstkontakt telefonisch statt.

„Jetzt muss es aus Sicherheitsgründen erst einmal so gehen“, so Kleinig weiter. Aktuell seien zum Glück nur acht Fälle in der akuten Bearbeitung. Kleinig: „Es gibt Fälle, die sind in zwei Stunden erledigt. In anderen Fällen sind wir ein Jahr oder länger involviert.“

Weißer Ring bietet auch Prozessbegleitung an

Die Opferhilfevereinigung fungiere wie ein Lotse, könne viele Hilfesuchende nach dem Erstkontakt an geeignete Stellen weiterleiten. So erhält jedes Opfer auf Wunsch einen sogenannten Beratungsscheck, der bei einem Anwalt oder für eine psychotraumatologische Erstberatung eingelöst werden kann.

Auch eine direkte finanzielle Hilfe ist möglich, so finanziert der Weiße Ring unter Umständen auch einen Ferienaufenthalt für Opfer und ihre nächsten Angehörigen. Auch eine Prozessbegleitung wird angeboten.

Zehn Opferhelfer sind ehrenamtlich für den Weißen Ring im Kreis Pinneberg tätig, sechs Frauen und vier Männer. „Weitere Reserven habe ich nicht“, sagt der Leiter der Außenstelle. Kleinig hofft, dass sein ehrenamtliches Personal ausreichen wird, den befürchteten Ansturm wegen der Coronakrise bewältigen zu können.

„Besser wäre natürlich, es kommt gar nicht erst dazu“, sagt der 67-Jährige. Wer die Hilfe der Opferschutzorganisation in Anspruch nehmen möchte: Unter der Handynummer 0151/55 16 46 37 ist im Kreis Pinneberg ein Nottelefon für Opfer geschaltet, das rund um die Uhr erreichbar ist.

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