Corona-Krise

Vom Pinneberger Polsterer, der Maskenfabrikant wurde

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Katja Engler
Firmeninhaber Mischa Kersten mit Betriebsleiterin Kerstin Hatje, die ihrem Chef gerade ein paar neue Sicherheitsmasken gegeben hat.

Firmeninhaber Mischa Kersten mit Betriebsleiterin Kerstin Hatje, die ihrem Chef gerade ein paar neue Sicherheitsmasken gegeben hat.

Foto: Katja Engler

Eigentlich rüstet Mischa Kersten Yachten und Wohnmobile aus und stellt Matratzen her. Jetzt beliefert er Krankenhäuser.

Pinneberg.  Auf einem Hinterhof an der Pinneberger Mühlenstraße befindet sich ein Unternehmen, dessen Showroom schicke Holzbetten und Qualitätsmatratzen aus Schweizer Schaumstoff schmücken. In den Regalen stehen außerdem kompliziert gesteppte Polster, die nach Maß angefertigt werden. Momentan läuft dort allerdings aus anderen Gründen das Telefon heiß: Innerhalb kürzester Zeit hat Inhaber Mischa Kersten (42) auf die Produktion von Sicherheitsmasken gegen eine Coronainfektion umgestellt. Die Nähmaschinen rattern von morgens bis abends, 200 bis 300 Masken machen seine zwölf Mitarbeiter täglich fertig. „Wir haben alles andere stehen und liegen lassen. Jetzt geben wir damit Vollgas“, sagt der Chef.

Seit 17 Jahren stellt die Firma Polster für Wohnmobile, Boote und Theater her, außerdem hochwertige Matratzen und Lattenroste. Danach fragt im Moment aber kaum jemand. Stattdessen werden die neuen, handgefertigten Sicherheitsmasken auf unbestimmte Zeit der Verkaufsrenner.

„Wir kommen gerade kaum hinterher“: Darauf hatte Mischa Kersten gehofft, als er vor anderthalb Wochen den Entschluss fasste, mit sofortiger Wirkung möglichst viele Masken zu nähen, weil er das nötige Material ja eh da hat. Die Krankenhäuser, denen er seit Jahren Vorhänge oder Polster liefert, hatten ihm wegen fehlender Sicherheitsmasken sprichwörtlich fast die Bude eingerannt. Die Pinneberger Polsterei ist nämlich einer der wenigen Betriebe im Land, in dem noch Nähmaschinen für die hauseigene Produktion stehen. „Wer näht Ihnen in Deutschland heute noch so etwas?“ fragt Kersten.

Die Stoffe, aus denen seine Arbeitskräfte an den Nähmaschinen die so dringend gebrauchten Sicherheitsmasken fertigen, heißen für die Außenhaut Baumwollpolyester-Mischgewebe, für das Innere Polypropylen. Waschbar sind sie bei 60 Grad. Einziges Problem: Gummilitzen, um die Masken hinter den Ohren zu befestigen, sind Mangelware. Die gehen demnächst zur Neige und kommen, wie inzwischen ja leider fast alles, aus Fernost. Weshalb Kersten beschlossen hat, die vorhandenen Litzen schmaler zu schneiden, damit sie für mehr Masken reichen. Er hofft auf seinen zuverlässigen Lieferanten und erwartet noch diese Woche eine neue Lieferung. Stückpreis pro Sicherheitsmaske: 23,90 Euro, gefertigt in 20 Minuten Handarbeit, denn „maschinell können wir das nicht herstellen“, so Kersten. Eine Visiermaske kostet 22,80 Euro.

Hätte Kersten weiter an seinem sonst gut laufenden Polsterei-Geschäft festgehalten, würden in dem kleinen Betrieb jetzt alle Däumchen drehen oder müssten sich für Kurzarbeit anmelden. „Zuerst sind wir in ein Loch gefallen“: So beschreibt Susann Eickhof die Reaktionen in der Firma auf die sofort spürbaren Folgen der Coronapandemie. „Alles stand still. Und dann jetzt die Hoffnung. Wir sind wieder richtig motiviert!“

Die fleißige Frau mit dem Kurzhaarschnitt arbeitet im Unternehmen, seit Kersten es 2003 gegründet und jetzt aus der Not eine Tugend gemacht hat. An der neuen, wichtigen Aufgabe mitzuwirken erfüllt sie jetzt mit einer tiefen Zufriedenheit.

In ihrer akuten Not setzen die Krankenhäuser derzeit alles daran, um schnell an brauchbare Schutzmasken zu kommen. Um auch die Ärzte und Pfleger gut zu versorgen, hat Kersten mit seinem Raumausstatter Stevan Sremacki in Windeseile eine Visiermaske erfunden -- mit einem langen, voll durchsichtigen, von einem Ohr zum anderen einmal das Gesicht gegen Tröpfcheninfektion abschirmenden Rundumschutz aus PVC.

Zwangsläufig hat Kersten durch die vielen, zunehmend verzweifelten Telefonate auch Einblicke in den Klinikalltag bekommen. Weil die dortigen Ärzte die Masken zurzeit nicht über die üblichen Versorgungskanäle bekommen, bestellen und bezahlen sie sie schon mal auf privatem Weg, „weil der durch das Krankenhaus zu langwierig ist. Das ist Deutschland“, erklärt der Polsterer und hebt die Schultern. Visiermasken hat er inzwischen im dreistelligen Bereich ausgeliefert.

Wer mit Medizinprodukten zu tun hat, weiß, dass deren Zertifizierung Jahre braucht, weil extrem hohe Hürden zu bestehen sind. Zeit, die jetzt, wo das Coronavirus im Land wütet, fehlt. Kersten, der die Not der Krankenhäuser ernst nimmt, hat natürlich keine Zertifizierung. Das ist, wie gesagt, in der kurzen Zeit auch gar nicht möglich. Was er aber hat, sind Stoffe, die zertifiziert sind und die strengen Vorgaben erfüllen.

Im Fachjargon heißt das FFP II und FFP III. Das sind Schutzklassen, die die Durchlässigkeit festlegen. Bei dem FFP-III-geprüften Stoff liegt der Virenschutz bei satten 99 Prozent. „Wenn Ärzte und Pfleger mit Infizierten in Kontakt sind, brauchen sie den FFP-III-Schutz“, sagt Kersten. Als die Nachfrage immer drängender wurde, nähten seine Angestellten einfach aus den zertifizierten Stoffen die ersten Masken, lieferten sie an das betreffende Krankenhaus, „und die haben sie für gut befunden. Man bewegt sich da, denn man muss sich behelfen. Aus Sicht der Krankenhäuser sind unsere Masken einsetzbar und erfüllen ihren Zweck“, sagt Mischa Kersten.

Ist sein Betrieb systemrelevant? „Das weiß ich nicht“, sagt er. Und hat auch keine Zeit, sich um so etwas zu kümmern. Sollte aus seinem kleinen Team jemand Corona bekommen, wird die Ware „zur Not durchs Fenster gereicht oder eben per Post verschickt“.

Nicole Gomes ist die rechte Hand des Chefs. Eine muntere junge Frau, die ständig das Telefon abnimmt. Immer freundlich, nimmt sie Bestellungen auf.

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