Kreis Pinneberg

Der Märchen-Onkel von Tornesch liest auf Youtube

Michael Harbeck liest nicht nur, er erklärt auch. Ihm zuzuhören ist die reinste Freude. Wer auf Youtube „Stadtbücherei Tornesch“ eingibt, findet die Videos.

Michael Harbeck liest nicht nur, er erklärt auch. Ihm zuzuhören ist die reinste Freude. Wer auf Youtube „Stadtbücherei Tornesch“ eingibt, findet die Videos.

Foto: Stadtbücherei Tornesch / Youtube

Weil die Stadtbücherei geschlossen ist, liest Büchereileiter Michael Harbeck jetzt im Internet Geschichten der Brüder Grimm vor.

Tornesch.  Was tun, wenn wegen der Coronapandemie der Kontakt zu den Büchereibesuchern wegfällt? „Setz’ dich doch mal hin und lies was vor“, habe eine Kollegin zu ihm gesagt, erzählt Michael Harbeck, Leiter der Stadtbücherei Tornesch. Gesagt, getan. Harbeck schnappte sich ein Märchenbuch der Brüder Grimm, setzte sich vor eine Kamera und las daraus vor. Das Video stellte er auf den hauseigenen Youtube-Kanal.

Bei einem Clip ist es jedoch nicht geblieben. Innerhalb einer Woche kamen drei neue hinzu. Und in der nächsten Zeit soll täglich ein weiterer folgen.

Mit seinem grauen, an den Enden schwarz gefärbten, nach oben gezwirbelten Schnauzbart, der markanten Brille und der adretten Kleidung – stets mit Hemd und Weste – sieht Harbeck, der in jeder Folge in einem grauen Ohrensessel vor einem Bücherregal Platz nimmt, wie ein richtiger Märchenonkel aus. Seine Mimik und Gestik unterstreichen sein lebhaftes Vorlesen.

Dass vor der Kamera zu agieren für den 54-Jährigen kein Neuland ist, lässt sich leicht erahnen. Neben der Leitung der Stadtbibliothek ist Harbeck Schlagbassist und Sänger der Band Rockabilly Mafia und hat sowohl Bühnen- und Fernseh- als auch Moderationserfahrung. Märchen liegen da nicht unbedingt nahe. „Eigentlich wollten wir aktuelle Werke lesen, aber da hätte es Probleme mit dem Urheberrecht gegeben“, erklärt Harbeck. Um ein Buch auf Youtube vorzulesen, müsse man Lizenzen erwerben. Für Werke die bereits 70 Jahre alt sind, gelte das jedoch nicht.

„Wir mussten uns aber auch eine alte Ausgabe zum Lesen nehmen“, sagt Harbeck und lacht. Unter dem Titel „Herr Harbeck liest Grimms Märchen“ präsentiert der charismatische Bibliothekar jedoch keineswegs die Grimmschen Klassiker. Es gebe ungefähr drei Dutzend Märchen der Brüder Grimm, die jeder kennt, sagt Harbeck in der Pilotfolge. Er habe sich hingegen weniger bekannte Geschichten herausgepickt, „um zu zeigen, dass diese ganze Märchensammlung viel mehr bietet als Frau Holle und Konsorten“.

Das beweisen bereits die ersten Folgen, in denen der Büchereichef die Märchen „Der Geist im Glas“, „Die Kristallkugel“, „Die vier kunstreichen Brüder“ und „Bruder Lustig“ vorliest - Titel, die nicht wirklich Kindheitserinnerungen hervorrufen. Außer auf Youtube postet die Stadtbücherei die Videos auch auf Facebook. Die Idee dahinter? „Wir dachten, wir müssen was machen, um im Netz zu sein, da jetzt alle im Netz sind“, sagt Harbeck. „Die Leute können nicht zu uns kommen, also kommen wir zu ihnen.“

Bringservice: Am ersten Tag schon 140 Bücher ausgeliefert

Da sich die Stadtbücherei und die ihr angegliederten Serviceeinheiten Kreismedienzentrum und Schulmedienverwaltung auf dem Gelände der Klaus-Groth-Schule befinden, das momentan aufgrund der Coronakrise gesperrt ist, haben sich die Mitarbeiter ein weiteres Angebot ausgedacht. Einen kontaktlosen Lieferservice, bei dem die Nutzer sich auf eine Überraschung einstellen müssen, denn bestellt werden kann nur eine ungefähre Auswahl an Medien wie zum Beispiel drei Bücher oder zwei DVDs (wir berichteten). „Wir arbeiten alle unter Volldampf und hoffen, dass keiner krank wird“, sagt Harbeck. Ausgeliefert werden die Pakete vom Chef persönlich. Am Montag war die Premiere. Ganze 140 Bände haben die Mitarbeiter bis zum Ende der Bestellfrist zusammengepackt. „Die Nachfrage ist da, die Menschen haben sich gefreut.“ Für die Auslieferung hat die Stadt der Bücherei ein Elektroauto zur Verfügung gestellt. „Wir verhalten uns ökologisch vertretbar und nach den Regeln der Ausgangsbeschränkungen“, so Harbeck. Dennoch wolle man den Leuten „Vergnügen bringen“.

Das scheint zu funktionieren. Und auch auf die Märchen hat der Diplom-Bibliothekar bereits Feedback bekommen. „Eine Leserin schrieb, dass sie mit ihrer Familie im Garten ein Lagerfeuer gemacht hat, bei dem Stockbrot gegessen und die Märchen gehört wurden.“ Eine weitere habe die Märchen zum Einschlafen gehört. Auch eine Möglichkeit. „Alles was den Leuten die Zeit vertreibt, sei ihnen gewährt.“

Wie viele Märchen er vorlesen möchte, lässt Harbeck offen. Schließlich sei nicht absehbar, wie lange die Ausgangsbeschränkungen noch gelten. Angesichts des Umfangs der Grimmschen Märchensammlung könne er aber versprechen: „100 kriegen wir zusammen.“