Pinneberg

Wie der Lebensmittelhandel Ostern retten will

Jörg Meyer (l.), Inhaber von Meyer's Frischcenter, und Einkaufsleiter Tom Riedemann an der Salattheke, die jetzt das Prisdorfer Goldschätzchen mit seinen Gerichten bestückt.

Jörg Meyer (l.), Inhaber von Meyer's Frischcenter, und Einkaufsleiter Tom Riedemann an der Salattheke, die jetzt das Prisdorfer Goldschätzchen mit seinen Gerichten bestückt.

Foto: Katja Engler

Wie alle Supermärkte muss auch Edeka Meyer in Pinneberg die Coronakrise meistern und die leere Salattheke füllen.

Pinneberg.  Die härtesten Wochen sind vorbei: Jörg Meyer atmet durch. Der tatkräftige Inhaber von Meyer’s Frischemärkten in Pinneberg, Hamburg und auf Sylt hatte bei einer Anfrage des Hamburger Abendblattes vor einer Woche noch „Land unter“ gemeldet, weil die Kunden in Panik vor Versorgungsengpässen seine Läden leer gekauft hatten. Sein Team hält in diesen Tagen zusammen wie Pech und Schwefel, die Kassiererinnen haben ohne Klagen Unmengen an Ware übers Band laufen lassen, obwohl sie erst jetzt eine Schutzscheibe vor der Nase haben. Dieses Schicksal teilt Edeka wohl mit allen Supermärkten. Aber jetzt haben Meyer und sein Einkaufsleiter Tom Riedemann die Lage wieder voll im Griff. „Wir müssen schließlich das Schiff weiter steuern, wir sind systemrelevant und müssen die Leute versorgen.“

Das klappt. Vor den Regalen stapeln sich Nutellagläser, Haferdrinks und Nudeln, „wir hatten ja auch nie ein Versorgungsproblem, sondern nur ein Logistikproblem“, erklärt der Marktchef beim Gang durch das wieder gut gefüllte Lebensmittelgeschäft.

Nur am Toilettenpapier hapert’s noch ein wenig, „aber das ist auch bald behoben“, da ist sich Meyer sicher. 50 Prozent Umsatzplus haben ihm die vergangenen Wochen beschert. Darüber könnte er sich freuen. „Wir haben jetzt aber 30 Prozent weniger Kunden, und Sylt ist momentan ein Totalverlust. Da geht fast nix mehr.“ Kunststück: Wenn keine Touristen mehr auf Hamburgs beliebteste Ferieninsel fahren dürfen, sind natürlich auch die Supermärkte verwaist.

Überhaupt stellt Meyer jetzt insgesamt eine gewisse Zurückhaltung beim Kaufverhalten fest, „schließlich fällt ja auch die gesamte Geselligkeit weg. Für uns ist das hier kein Zuckerschlecken.“ Als Nächstes liegt ihm das kommende Osterfest Mitte April im Magen, wo die Pinneberger im Allgemeinen gern gut kochen und viele Leckereien einkaufen. Wie soll das gehen, wenn die Kunden, wie sonst, mindestens zu zweit die Märkte stürmen und Großeinkäufe machen? Antwort: Das geht gar nicht. Nicht in Zeiten von Corona.

Schon jetzt hat der Markt an der Friedrich-Ebert-Straße, um die Kundenströme zu kontrollieren, nur noch den Eingang geöffnet, der vom Parkplatz aus zugänglich ist. „Nicht mehr als 100 Kunden zugleich“, lautet die Regel, und das wird, wie in anderen Supermärkten auch, darüber organisiert, dass Kunden den Laden nur mit einem vorher und hinterher desinfizierten Einkaufswagen betreten dürfen (wir berichteten).

Diese Regel wird, wenn es so läuft wie sonst, nicht ohne lange Schlangen vor dem Markt durchzuhalten sein. „Das wollen wir aber vermeiden“, sagt Tom Riedemann. Sie hoffen nun, dass die Kunden zu anderen als den üblichen Zeiten zum Einkaufen kommen, und das, auch wenn’s schwer fällt, allein. Meyer will seine Märkte früher öffnen, um sieben oder vielleicht sogar schon um sechs Uhr früh. Wann genau, soll von heute an auf der Website www.meyers-frischemarkt.de stehen. Einen Teil des österlichen Großeinkaufes lasse sich ganz leicht auch schon Dienstag oder Mittwoch vor Karfreitag erledigen, schlägt Jörg Meyer vor. „So können wir unsere Tresen entlasten.“

Apropos Tresen: Wer schon weiß, was er an Fleisch oder Fisch kaufen möchte, kann ab sofort an der Frischetheke seine Bestellung in einen Bestellzettel eintragen, die Verkäuferinnen geben sie ab sofort an die Kunden weiter, damit es sich vor den Festtagen eben nicht so wie sonst vor den Tresen ballt. Denn irgendwann nützen auch die schönsten Absperrbänder nichts mehr.

Naturgemäß ist wegen der Notwendigkeit erhöhter Hygienemaßnahmen die Salattheke seit einigen Wochen leer. „Da haben wir nach Alternativen gesucht“, sagt Riedemann. Und beim Prisdorfer Restaurant Goldschätzchen gefunden. Dessen Chef Patrick Diehr hat pfiffigerweise, als die Coronakrise losging, sofort den Lieferservice ausgebaut. Seine regionalen Gerichte, Rindergeschnetzeltes (9,90 Euro) oder Bauer Bernds veganes Bratgemüse (7,90 Euro), sind frisch gekocht, einzeln eingeschweißt und gehen bei Meyer jetzt weg wie warme Semmeln. 50 Gerichte am Tag, auf der Website vom Goldschätzchen heißen sie „Speisepakete“.

„Wir verdienen da nichts dran“, sagt der Chef. „Aber wir wollen doch nicht, dass hier die ganze Gastronomie koppheister geht. Da wollen wir uns solidarisch zeigen“. Aus demselben Grund verkauft er jetzt außerdem Aufbackbrötchen von Bäcker Schlüter, „die haben schließlich auch Umsatzeinbußen.“ Zum Glück gebe es bald Gemüse aus dem nahen Glückstadt, dank seiner Regional-Kooperation kein Problem. Und auch beim Spargel arbeitet Meyer schon länger mit lokalen Bauern zusammen.

Nicht nur wegen Corona bevorzugt Meyer das bargeldlose Bezahlen, das mit dem Koala-Modell auch per Handy funktioniert. Momentan nur mit Kreditkarte, aber da kommen bis zu 1400 Einkäufe pro Woche zusammen. Die Meisten zahlen mit EC-Karte, oder, wenn’s gar nicht anders geht, auch in bar. „Aber Bargeld“, meint Meyer, „gehört nach der Coronakrise abgeschafft.“