Pinneberg
Kreis Pinneberg

„Die Krise wird unsere Wirtschaft hart treffen“

Da war die Welt auch auf Helgoland noch eine andere: Bürgermeister Jörg Singer (parteilos) vor dem neuen Südhafenterminal, das unter anderem auch extra für Touristen gebaut wurde.

Da war die Welt auch auf Helgoland noch eine andere: Bürgermeister Jörg Singer (parteilos) vor dem neuen Südhafenterminal, das unter anderem auch extra für Touristen gebaut wurde.

Foto: Axel Heimken / dpa

Touristen mussten Helgoland verlassen. Jetzt sind Einheimische unter sich – noch ohne Corona. Ein Gespräch mit dem Bürgermeister.

Helgoland. Seit fast einer Woche darf kein Tourist mehr nach Helgoland. Entsprechend beschäftigt ist Bürgermeister Jörg Singer (54) – er ist kaum ans Telefon zu bekommen. Denn Touristen sind das Geschäft der Helgoländer. Wie sich die Coronakrise auf Pinnebergs Außenposten in der Nordsee auswirkt und wie sich die Insel gegen das Virus wehrt, erzählt Singer im Gespräch.

Herr Singer, keine Touristen, keine Tagesgäste – atmen die Einheimischen jetzt in der noch coronafreien Zone durch oder fühlen sie sich allein?

Jörg Singer: Wir leben gerne hier, weit draußen. Die Sonne und die viele frische Luft macht die auch für uns schwierige Lage erträglich.

Wie geht es Ihnen auf dem Eiland?

Die Stimmung im Miteinander ist gut, aber natürlich verbunden mit der Sorge um die Zukunft. Aus Sicht der Funktionsträger ist die Lage aber in Ordnung.

Was bedeutet die Sperrung für Helgoland, die Insel, die damit wirbt, zu leben, zu atmen, zu bewegen?

Die Sperrung ist konsequent und sie schützt uns. Die Krise wird aber unsere Wirtschaft stark treffen, wenn nicht schnell und unbürokratisch Hilfen fließen. Doch Helgoland hält zusammen.

… aber hoffentlich nicht zu dicht zusammen.

Die Hände schütteln wir nur einmal im Jahr zum Neujahrswünschen. Wir treffen uns mit gebotenem Abstand bei jodhaltiger Meeresbrise, und zwar draußen. Spannend wird es für die Kinder, wenn Netflix bald den Dienst einschränkt.

Wie gestaltet sich derzeit der Unterricht bei geschlossenen Schulen?

Es wäre gut, wenn wir gerade in der Bildung schon digitaler wären. Ich erlebe, wie sachlich und entschlossen viele sind, damit wir die aktuelle Aufgabe meistern können. Hoffentlich ist das nicht schon bald vergessen bei weiteren großen Fragen unserer Gesellschaft!

Welche Maßnahmen mussten Sie in der Coronakrise in der Kürze der Zeit ergreifen?

Wir mussten unsere Teams neu zusammenstellen und schützen, Verfügungen umsetzten, Unklarheiten beseitigen, die Versorgung überprüfen und sichern. Kurzum: Wir mussten wie überall im Land pragmatische Lösungen finden. Vor allem mussten wir Unwichtiges absagen und viel kommunizieren.

Und Sie mussten die Touristen wegschicken.

Nicht nur die. Auch alle Personen mit Zweitwohnsitz mussten die Insel unverzüglich verlassen. Nur noch Helgoländer mit Erstwohnsitz, Geschäftsreisende wie Handwerker oder Einsatzkräfte dürfen auf die Insel. Und natürlich auch Schüler und Studierende unter 27 Jahre, deren Eltern ihren Erstwohnsitz auf Helgoland haben.

Wie organisieren Sie die Versorgung?

Wir stocken die Lager auf. Mit unseren Groß- und Einzelhändlern haben wir die Lage geprüft. Ergebnis: Die Lager sind voll. Die Lieferanten auf dem Festland haben die Lieferfähigkeit zugesichert. Es besteht hier auch die Möglichkeit, sich Lebensmittel bis vor die Tür liefern zu lassen. Somit besteht kein Anlass für „Hamsterkäufe“. Auch das Wasser der Versorgungsbetriebe ist sicher, die Öltanks sind ausreichend gefüllt.

Wie bewerten Sie das Vorgehen der Landesregierung, die Inseln abzuschotten und Zweitwohnsitzler auszuweisen? Wurde das mit Ihnen abgestimmt?

Das konsequente Handeln und die Kommunikation des Ministerpräsidenten und der Landesregierung waren und sind vorbildlich.

Was ist das größte Herausforderung für Helgoland in diesen Tagen?

Die kommunale Familie ist jetzt gefragt und zeigt, wie leistungsfähig sie ist! Als Insel sind wir derzeit gut aufgestellt und vorbereitet. Der Austausch aller Inseln zu gemeinsamen Fragestellungen und Lösungen läuft auch gut.

Was passiert, sollte ein Einheimischer oder Tourist in nächster Zeit positiv auf das Virus getestet werden?

Das ist genauso wie auf dem Festland. Mit unseren Hausärzten, Rettungskräften, der Feuerwehr und der Nordseeklinik sind wir jederzeit bereit und ganz eng abgestimmt. Die Nordseeklinik hat alle Festlandpatienten entlassen, um für die medizinische Versorgung bestmöglich aufgestellt zu sein. Facharzttermine wurden abgesagt. Das Kurmittelhaus bleibt für notwendige medizinisch verordnete Anwendungen geöffnet. Desinfektionsmittel gibt es auf Helgoland noch in der Inselapotheke.

Wie ändert sich das tägliche Leben auf der Insel?

Auch dass unterscheidet sich kaum vom Festland. Gaststätten, Kneipen und Bars müssen geschlossen bleiben. Alle Gaststätten dürfen nur noch als Außerhausverkauf für den täglichen Bedarf nach telefonischer Bestellung als Lieferdienst agieren oder Essen zur Abholung bereitstellen.

Fahren die Fähren noch?

Bis Ende März hat die Reederei den Fahrplan ausgedünnt. Die Insel wird von Cuxhaven nur noch dienstags und donnerstags angesteuert. 16 Uhr legt die Fähre auf Helgoland wieder ab. Der Flugbetrieb ist deutlich eingeschränkt. Außerhalb der Flugankünfte und Abflüge ist der Flugplatz geschlossen. Und zu den bereits geschlossenen öffentlichen Einrichtungen kommen jetzt auch Spielplätze sowie Einzelhandelsgeschäfte, die nicht der Grundversorgung dienen, also reine Duty-Free-Geschäfte.

Wie empfinden Sie persönlich die Stimmung auf der Insel unter den Einheimischen?

Auch wenn bisher kein Fall auf Helgoland bekannt ist, müssen wir – wie überall – davon ausgehen, dass es in Zukunft Infektionsfälle geben wird. Insofern ist es entscheidend, dass sich alle mit angemessenem Verhalten vor einer Infektion schützen. Dazu gehört auch, Zusammenkünfte in Gruppen von mehr als fünf Personen zu vermeiden.

Gibt es etwas Positives, das Sie der Situation abgewinnen können?

Viele Bürger rufen uns an und bieten Hilfe und Unterstützung an. Ich spüre noch mehr als sonst die Verbundenheit der Insulaner! Das tut sehr gut.