Corona-Krise

Sportvereine im Kreis Pinneberg bangen um ihre Existenz

| Lesedauer: 5 Minuten
Burkhard Fuchs
Karsten Tiedemann (l.), Geschäftsführer des Kreissportverbands, und EMTV-Geschäftsführer Mark Müller auf Sportanlagen, die zurzeit nicht mehr genutzt werden dürfen,

Karsten Tiedemann (l.), Geschäftsführer des Kreissportverbands, und EMTV-Geschäftsführer Mark Müller auf Sportanlagen, die zurzeit nicht mehr genutzt werden dürfen,

Foto: Burkhard Fuchs

Die ersten Mitglieder treten aus, weil ihnen ja nichts mehr geboten werde. Verantwortliche appellieren an die Beitragszahler.

Kreis Pinneberg.  Die Sportvereine im Kreis Pinneberg bangen um ihre Existenz. Wegen der Corona-Krise sind seit Freitag auch die Sportplätze und Turnhallen gesperrt. Es rollt kein Ball, weder Fitness- noch Reha-Training sind mehr möglich. Zugleich melden erste Vereine Austritte. EMTV-Geschäftsführer Mark Müller rechnet mit einer „Austrittswelle“, wenn zum Monatsende die Beiträge der 5100 Mitglieder im größten Sportverein des Kreises vom Konto abgebucht werden. Dabei habe sein Verein Fixkosten von zwei Millionen Euro jährlich, um die Sportstätten zu unterhalten und zu finanzieren. Und vor allem, um die 49 festangestellten und 150 ehrenamtlichen Trainer bezahlen zu können.

Darum hat Müller jetzt in einem Rundschreiben spontan alle Elmshorner Vereine zu einem Appell an die Bevölkerung aufgefordert, dem sogleich zwölf andere Vereine vom Fußballclub Elmshorn bis zum SV Lieth gefolgt sind. Darin heißt es: „Wir bitten alle Mitglieder und Unterstützer um Solidarität in der schwierigen Zeit der Corona-Krise.“ Die Landesregierung habe den Sportbetrieb vorsorglich zunächst bis zum 19. April per Verfügung stillgelegt, um die Pandemie einzudämmen. „In einer Krisenzeit wie dieser sind die Vereine auf sämtliche Einnahmen angewiesen, insbesondere auch auf die Vereinsbeiträge der Mitglieder“, heißt es weiter.

Je nach Größe und Angebot des Vereins mache dieser Anteil 70 bis 95 Prozent der Einnahmen aus. „Ich mache mir echt Sorgen um die Existenz des Vereins“, klagt Müller. „Wir appellieren an unsere Mitglieder, bei der Stange und uns bis nach der Krise gewogen zu bleiben.“

Dass diese Sorge real und akut ist, zeigte sich unmittelbar vor dem Pressegespräch am Donnerstagmittag in der Geschäftsstelle des EMTV am Koppeldamm. Ein recht drahtiger Mann um die 60, der seinen Namen nicht nennen wollte, polterte an der verschlossenen Tür und schimpfte: „Ich bin doch nicht bescheuert, dass ich weiterhin 50 Euro monatlich für das Fitnessstudio zahle. Für nix!“ Er werde sofort austreten, sagte der Mann und wurde sogar ausfallend.

Wenn das kreisweit Schule machte bei allen anderen rund 180 Sportvereinen mit ihren etwa 80.000 Mitgliedern, droht eine sportliche Katastrophe, warnt Karsten Tiedemann, Geschäftsführer des Kreissportverbandes. „Wenn jetzt in der Krise alle austreten, werden viele Sportvereine pleitegehen. Dann ist auch nach Ende der Krise kein Sportbetrieb mehr möglich.“

Die Vereine seien ja nicht nur Anbieter zahlreicher Breitensportangebote. Sie erfüllten auch ganz wichtige gesellschaftliche Aufgaben, die unbedingt erhalten bleiben müssten. Das reiche vom Gesundheitssport über Inklusionsangebote für Behinderte bis hin zu kostenlosen Angeboten für geflüchtete oder mittellose Menschen, erklärt Tiedemann. „Der Sport hat eine verbindende Funktion in unserer Gesellschaft. Er steht für Zusammenhalt, Geborgenheit, Geselligkeit und Solidarität.“

Solidarität sollten jetzt auch die Vereinsmitglieder zeigen, die nun für einige Wochen oder Monate keinen Vereinssport mehr betreiben können. „Wir dürfen das alles jetzt nicht kaputtmachen.“

Die Krise macht auch die Vereine erfinderisch. So zeigen einige gute Ideen, wie das Verbot des Sporttreibens auf dem Vereinsrasen oder den kommunalen Sportstätten für den Einzelnen etwas angenehmer werden könnte. Der EMTV will nun einige Angebote ins Internet stellen, sodass sich die Menschen zu Hause in ihren eigenen vier Wänden fit halten können. „Eine erste Yoga-Stunde wird am heutigen Freitag auf YouTube ins Netz gestellt“, kündigt Müller an. Zudem sollen sich die Mitglieder des vereinseigenen Fitnesszentrums Hanteln, Stepper und andere Sportgeräte für das häusliche Training ausleihen dürfen.

Einen ähnlichen Weg geht der TuS Holstein Quickborn, wie der Zweite Vorsitzende Hartmut Leutner erklärt. „Auch wir haben schon eine Handvoll Austritte zu beklagen“, sagt er und fürchtet ebenso wie Müller, dass es zum Monatswechsel mehr werden. Dafür übertrage der Verein jetzt Sportangebote und Fitnesstrainings zum Nach- und Mitmachen auf Videos für zu Hause.

Für den KSV-Chef Tiedemann steht hier der gesamte Vereinssport auf der Kippe. Darum appelliert er auch an den Landessportverband, bei der Landesregierung zu intervenieren. „Das Land darf die Vereine nicht vergessen, wenn es um Überlegungen für Entschädigungszahlungen durch die Corona-Krise geht“, appelliert Tiedemann. „Der Sport ist darauf angewiesen.“

Noch am Freitag vergangener Woche habe er mit Landrat Oliver Stolz überlegt, ob nicht zumindest Tennis wegen der Distanz der Spieler zueinander, Wassersport oder Laufen noch möglich sein könnten – bis dann die Landesverfügung zum Komplettverbot ausgesprochen wurde. „Wir haben Verständnis dafür und tragen diese Entscheidung mit, um die Ausbreitung des Virus’ zu verhindern.“ Aber dann dürfe auch die Landesregierung den gesellschaftlich so wichtigen Sport jetzt auch nicht im Stich lassen und sollte Solidarität mit den Vereinen zeigen.

Solidarität wird auf Vereinsseite auch intern ausgeübt, wie BMTV-Vorsitzender Hartmut Kinastowski vom größten Sportverein in Barmstedt berichtet. „Wir halten jetzt auch in der Krise an unseren externen Trainern fest und kündigen ihnen nicht, obwohl wir dies könnten“, erklärt er die vereinseigene Solidarität. Gekündigt habe in Barmstedt allerdings auch noch kein einziges Vereinsmitglied.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Pinneberg