Coronavirus

Schenefeld – eine letzte Essensration für die Ärmsten

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Helfer und Kunden tragen Schutzmasken bei der Lebensmittelausgabe, um eine Ansteckung mit dem Coronavirus zu verhindern.

Helfer und Kunden tragen Schutzmasken bei der Lebensmittelausgabe, um eine Ansteckung mit dem Coronavirus zu verhindern.

Foto: Arne Kolarczyk

Tafel stellt Betrieb ein, zum Schutz vor dem Coronavirus. Auch Pinneberg und Uetersen schließen. Wedel und Elmshorn geöffnet.

Schenefeld.  „Abstand halten.“ Zwei Worte, die Mathias Schmitz am Dienstagnachmittag ständig wiederholt. Und der Vorsitzende der Schenefelder Tafel hat noch eine zweite Botschaft, die er wieder und wieder sagt. „Es ist unsere letzte Ausgabe.“ Die Einrichtung am Osterbrooksweg, die Bedürftige kostenlos mit Lebensmitteln versorgt, schließt – wie die meisten anderen Tafeln im Kreis Pinneberg auch. Corona ist schuld.

Es sind gespenstische Szenen bei der letzten Ausgabe. Helga Butenuth verteilt Atemschutzmasken an die Tafelkunden, die brav draußen vor der Tür warten und den Schutz sofort über Mund und Nase streifen. „Viele unserer ehrenamtlichen Mitarbeiter sind schon älter und gehören zur Risikogruppe. Sie sind beunruhigt“, sagt Schmitz und verweist darauf, dass einige der 100 Helfer lieber zu Hause bleiben. Viele Kunden tun dies auch. „So wenig ist hier normalerweise um diese Zeit nicht los“, sagt der Tafel-Chef. Da, wo normalerweise eine lange Schlange auf Einlass wartet, verlieren sich Dienstag nur einige wenige Unentwegte.

„Dabei haben wir noch viele Lebensmittel bekommen“, so Schmitz weiter. So habe ein Caterer, der eine große Feier absagen musste, die Tafel beliefert. „Wir haben viele Eier und frisches Gemüse. Hoffentlich werden wir das los, sonst müssen wir das in die Tonne kloppen.“

Helfer bedienen mit Atemschutzmasken

270 bis 300 Kunden kommen zum Osterbrooksweg, Dienstag und Donnerstag sind die Ausgabetage. „Wir haben Montag kurzfristig entschieden, erst einmal zu pausieren“, erläutert Schmitz. Die verschärften hygienischen Bedingungen, die neuen Abstandsregeln, dazu die Beunruhigung der Mitarbeiter – das alles mache einen geordneten Betrieb nahezu unmöglich.

Am letzten Ausgabetag bedienten auch die Helfer mit Atemschutzmasken. „Mehrere Wochen wird die Pause schon dauern“, sagt Schmitz. Und wo versorgen sich die Kunden in der Zwischenzeit? „Ich gehe zu Aldi oder Penny, mal sehen“, sagt leise ein älterer Mann auf die Frage. „Verhungern wird keiner“, sagt der Tafel-Chef. Niemand versorge sich komplett durch die Tafel. „Die stocken in der Regel auf. Jetzt wird es in einigen Kühlschränken ein bisschen leerer.“

Das gilt auch für die Städte Pinneberg und Uetersen, wo die Tafeln ihren Betrieb eingestellt haben. Zunächst weitermachen wollen Wedel und Elmshorn. „Wir werden die Lage jeden Tag neu bewerten“, sagt Karin Kost, die Vorsitzende der Wedeler Tafel. Einmal die Woche geben sie und die 100 Helfer Lebensmittel aus – zwei Stunden lang mittwochs am Kronskamp. „Der heutige Ausgabetag findet auf jeden Fall statt“, versichert sie.

260 Personen versorgt die Tafel, laut Kost zu zwei Drittel Kinder. Fast alle Helfer seien dabeigeblieben – und die Lebensmittelspenden würden auch nicht weniger werden. „Wir haben eigentlich immer genug“, sagt Karin Kost. Sie verweist auf die Homepage www.wedeler-tafel.de, auf der das weitere Vorgehen ständig aktualisiert werde.

120 Abholungen von Lebensmitteln pro Tag

Aufgeben kommt für Dörte Lippold, Chefin der Elmshorner Tafel, nicht infrage. „Wir sehen uns in der Pflicht, diese Art der Grundversorgung sicherzustellen“, sagt Lippold. Und sie sagt weiter: „Es steht und fällt aber mit denen, die helfen.“ In Zeiten des Coronavirus’ seien erste Helfer weggeblieben, und sie befürchte auch, dass die Agentur für Arbeit die sieben Ein-Euro-Kräfte aus Sicherheitsgründen abziehen werde. „Wir mussten unsere Ausgabestelle in Hainholz leider schließen.“ Dort sei es zu klein, um die neuen Abstandsregeln einzuhalten, zudem fehle es an Personal. Die 60 Abholer müssten jetzt zur Hauptstelle am Christus-Zentrum-Arche an der Lornsenstraße kommen.

Dort erfolgen 120 Abholungen von Lebensmitteln pro Tag, außerdem werden täglich 100 warme Mahlzeiten ausgegeben. Im Gegensatz zu den anderen Tafeln ist das Angebot nicht kostenlos. Pro Mahlzeit oder Lebensmitteltüte wird ein Euro verlangt. Lippold: „Zurzeit bekommen wir etwa 30 Prozent weniger Lebensmittelspenden, die Hamsterkäufe schlagen durch.“ Die Reserven gingen langsam zur Neige. „Wir wollen jeden Tag frisch kochen, aber das wird nicht einfacher.“

Die Tafel-Chefin kann sich angesichts der Einschränkungen durch die Corona-Pandemie vorstellen, demnächst auch einen Bringservice aufzubauen und ihren Kunden die Tüte mit den Lebensmitteln auch die Tür zu stellen. „Ich habe viele Ideen, das setzt aber helfende Hände voraus.“ Dörte Lippold hofft, dass sich trotz Corona neue Ehrenamtliche melden. „Bei uns ist jeder, der helfen will, willkommen.“

( kol )

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