Kreis Pinneberg

Auch der letzte Kulturdampfer geht vor Anker

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Thomas Pöhlsen
Käpt’n Hannes Grabau (r.) von dem Theaterschiff Batavia kann sich auch in der Corona-Krise auf Freunde wie den Wedeler Künstler Ole West verlassen.

Käpt’n Hannes Grabau (r.) von dem Theaterschiff Batavia kann sich auch in der Corona-Krise auf Freunde wie den Wedeler Künstler Ole West verlassen.

Foto: Thomas Pöhlsen

Hannes Grabau kämpft auf Wedeler Theaterschiff „Batavia“ gegen die Folgen des Coronavirus'. Auch Künstler suchen Weg aus der Krise.

Wedel.  Hannes Grabau ist ein fröhlicher Mensch und von Haus aus Optimist. „Es wird weitergehen“, ist sich der „Batavia“-Chef an dem gestrigen Montag sicher, an dem die neue Verordnung der Kreisverwaltung greift, die seinen Betrieb schließt, genauso wie alle anderen Bars und Kneipen im Kreis. Mit dem Wedeler Maler und Autor Ole West ist ein alter Freund vorbeigekommen. Er gestaltet kunstvoll das Geschlossen-Schild, das Grabau in den Schaukasten des Theaterschiffes hängt. Ein echter West also. Zum Dank bekommt der Maler einen Schüssel für das Theaterschiff, damit er dort Schlagzeug üben kann, während der Betrieb geschlossen ist.

Am vergangenen Wochenende sollten eigentlich die Schauspieler für die Pippi-Langstrumpf-Inszenierung dieses Jahres gecastet werden. Die Aktion musste abgesagt werden, an der Premiere im Mai hält der Käpt’n allerdings fest. „Wir spielen seit 32 Jahren Pippi, und alle Vorstellungen waren ausverkauft. Die jungen Zuschauer der ersten Jahre sind heute Omas und Opas und kommen mit ihren Enkeln.“

Ein positives Signal hat er ausgerechnet vom Fiskus bekommen. Es sind Erlasse in Berlin in Arbeit, wonach Selbstständigen Aufschub gewährt wird, hat er vom Finanzamt gehört. „Ich habe derzeit keine Einnahmen. Wie soll ich da Steuervorauszahlungen leisten?“, so Grabau. Diffiziler ist für ihn der Umgang mit den Mitarbeitern. Viele haben vor langer Zeit auf der „Batavia“ angeheuert. Er kann sie jetzt nicht einfach rauswerfen. Außerdem ist es schwer, gute Kräfte zu bekommen. Wenn es wieder losgeht, benötigt er diese erfahrenen Mitarbeiter.

25 Veranstaltungen hat Grabau bis zum 19. April absagen müssen. Am Wochenende waren zahlreiche Menschen gekommen, um die bereits gekaufte Tickets zurückzugeben und sich den Kaufpreis erstattet zu lassen. „Wir bieten stattdessen Gutscheine für spätere Veranstaltungen“, sagt der Theaterchef. Das Angebot wurde zum Leidwesen des 79-Jährigen wenig genutzt.

Es gibt aber auch Solidarität. Käufer geben zwar ihr Eintrittskarten zurück, wollen jedoch kein Geld. Der Eintritt soll an die Künstler gehen, die sonst ohne Gage sind. „März und April sind für die Kleinkünstler die besten Monate. Das fällt jetzt alles weg“, weiß der Theater-Verrückte. Er hat schon Künstler weinen gesehen.

Vielfältig aufgestellt genügt den Musikern nicht mehr

Dritter in der kreativen Runde neben Grabau und West ist Guido Plüschke. Er kann auch ein Lied von den aktuellen Künstlerproblemen singen. Sechs Auftritte sind ihm im April weggebrochen, dazu kommen noch zwei Workshops für sein Lieblingsinstrument Bodhrán, die irische Rahmentrommel. Ob seine traditionelle Sommertournee im Juni stattfindet, hängt von der weiteren Verbreitung des neuen Virus aus China ab. Er ist in der keltischen Musik zu Hause, holte 2008 mit Bronze als erster Nicht-Ire eine Medaille bei den Bodhrán-Weltmeisterschaften und tritt seit 28 Jahren regelmäßig auf der Batavia auf.

Plüschke ist künstlerisch breit aufgestellt. Er spielt in zwei Bands und hat zwei Soloprogramme. Neben der Arbeit als Bodhrán- und Banjo-Lehrer verkauft er noch Instrumente, hat einen Musikverlag und eine Plattenfirma. Vor einigen Jahren hat sich der gelernte Industriekaufmann und studierte Musikmanager noch ein „bürgerliches“ Standbein zugelegt. Er arbeitet 25 Stunden wöchentlich als Anleiter in einer Reha-Einrichtung für Menschen mit psychischen Problemen.

Zwar arbeitet die Ehefrau voll mit, doch im Budget der dreiköpfigen Familie klafft jetzt ein signifikantes Loch. „Ich will kein Geld vom Staat“, widerspricht Plüschke vielen Musikern, die Hilfe aus Berlin fordern. Gut findet er dagegen eine Solidaritätsaktion unter dem Motto #AktionTicketBehalten. Die zehn führenden Konzertagenturen der Folk- und Weltmusik-Szene Deutschlands appellieren an die Käufer, die Tickets für ausverkaufte Konzerte nicht zurückzugeben, sodass das Geld den Künstlern und Veranstaltern zugute kommen kann.

Die Krise kommt zu einem für die Musiker ungünstigen Zeitpunkt. „Spotify und Co haben den Tonträgermarkt kaputt gemacht“, kritisiert der 51-Jährige die Streamingdienste. CD- und Schallplattenverkäufe gingen rasant zurück. Nur die wirklich großen Acts verdienen damit Geld. Vielen Solokünstlern und Bands war nichts anders übrig geblieben, als bei Konzerten ihr Geld zu verdienen. Und in dieser Situation lässt Corona diese Einnahmequelle auch noch wegbrechen.

Statt auf staatliche Alimente will sich Plüschke lieber auf seine eigenen Kräfte und Ideen verlassen. So hat er sich ein kleines Studio eingerichtet, in dem er Bandauftritte filmen kann.. Wenn die Bands schon nicht live auftreten können, sollen sie wenigstens auf dem Bildschirm bei der Arbeit zu sehen sein. Die Videos will der findige Musiker zum Downloaden auf seiner Website anbieten, natürlich gegen Gebühr.

Das Interessen der Bands ist groß. Über die sozialen Netzwerke kommunizieren die Musiker ohnehin stark – und in der derzeitigen Notsituation noch mehr. Eine weitere Erwerbsquelle soll mit gefilmtem Musikunterricht erzielt werden, der gegen Gebühr angesehen werden kann. Motto: Wenn der Musikschüler nicht persönlich zum Lehrer kommen kann, dann soll der Lehrer via Video wenigstens zum Schüler kommen. Plüschke: „Es ist ein Versuchsballon.“

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