Pinneberg

Das Kriegerdenkmal, das einer Einordnung bedarf

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Alexander Sulanke
Ort für Aufmärsche: das seinerzeit neue Denkmal am damaligen Adolf-Hitler-Platz.

Ort für Aufmärsche: das seinerzeit neue Denkmal am damaligen Adolf-Hitler-Platz.

Foto: Pinneberg Museum

Ideen für die Kriegerstele am Pinneberger Bahnhof sind gefragt. Mahnmal-Initiative macht sich für Künstlerwettbewerb stark. Politik entscheidet.

Pinneberg.  Der Ortsfremde, der den Pinneberger Bahnhof auf der Ostseite verlässt, wird von ihrem Anblick womöglich erschlagen. Zehn Meter hoch ragt sie empor, eine Stele aus Muschelkalk, darauf ein nach oben gerichtetes, bronzenes Schwert und ein Reichsadler. Endstation Adolf-Hitler-Platz. So hieß unter den Nationalsozialisten dieser Ort, an dem heute die Bahnhofstraße auf die Rockvillestraße trifft. „Ein Stein gewordener Schandfleck“, sagt der Maler und Bildhauer Karl-Heinz Boyke über das sogenannte Kriegerdenkmal, „riesengroß wie alles, das die Nazis gebaut haben. So hingestellt, um zu wirken.“ Und er fügt hinzu: „Es bedarf einer Korrektur.“

Damit soll sich nun einmal mehr die Pinneberger Politik befassen. Die Stele steht auf der Agenda des Ausschusses für Stadtentwicklung, dessen Sitzung für den morgigen Dienstag angesetzt ist. Ob das Gremium wirklich tagt, soll sich am heutigen Montagabend entscheiden (siehe Infokasten). Im Gespräch ist ein Künstlerwettbewerb für eine Ergänzung des vorhandenen Bauwerks, der die Stadt 3000 Euro kosten würde. Ferner geht es um die Umsetzung des Siegerentwurfs, für die 2021 bis zu 100.000 Euro zur Verfügung stehen sollten.

Die Mitglieder der Pinneberger Mahnmal-Initiative, der auch Künstler Boyke angehört, setzen sich seit Längerem dafür ein. Ihr Sprecher Jochen Hilbert kritisiert, dass bis heute nichts passiert ist. Und er äußert die Befürchtung, dass die Kosten als Argument herangezogen werden könnten, dass auch künftig nichts geschehen werde.

Denkmalkommission tagte 1933 genau einmal

Für Hilbert wäre das ein Unding. Er hat die Geschichte der Stele von ihrer Planung bis zum Bau recherchiert. So tagte am 9. November 1933, dem zehnten Jahrestag des gescheiterten Hitlerputsches, in Pinneberg eine Denkmalkommission unter Vorsitz des Bürgermeisters und NSDAP-Mitglieds Heinrich Backhaus. Teilnehmer waren NSDAP-Ortsgruppenleiter Franz Freiherr Baselli von Süssenberg, SS-Führer Bernhard Mohr und SA-Standartenführer Heinrich Lüdemann. Der Entwurf für die Stele war da schon fertig. Am 20. April 1934, Hitlers Geburtstag, wurde sie eingeweiht.

Hilbert zitiert aus dem Protokoll der Sitzung vom 9. November 1933: „Das Ehrenmal wird an der Vorderseite ein aufrechtes Schwert tragen. Hiermit soll die Mannhaftigkeit und der Wehrwillen des deutschen Mannes vor aller Welt bekundet werden.“ Und: „Zum Zeichen des ewigen Angedenkens an die für das Dritte Reich gefallenen Helden.“ Damit waren die im Ersten Weltkrieg gefallenen deutschen Soldaten gemeint. Alte Fotos belegen, dass die Steinsäule in den folgenden Jahren Kulisse für Nazi-Aufmärsche war.

„Veränderungen am Stein sind nicht möglich“, sagt Jochen Hilbert. Seit 2016 steht die Stele unter Denkmalschutz, als Beispiel für Kriegsverherrlichung übrigens. Insofern ist auch ein Abriss nicht möglich – und aus Jochen Hilberts Sicht auch nicht wünschenswert: „Wir wollen die Geschichte ja nicht vergraben, sondern reflektiert wissen.“ Für seinen Mitstreiter Dieter Borchardt steht außer Frage: „Wir müssen in der Stadt eine Diskussion führen, was wir wollen und wie wir eigentlich leben wollen.“ Und Sandra Hollm, auch sie gehört der Initiative an, fordert: „Pinneberg muss diesem Bauwerk etwas deutlich Sichtbares entgegenstellen.“ Etwas, mit dem die Stadt deutlich machen, „dass wir eine tolerante, weltoffene Kommune sind“.

Im Dezember 2018 hatte die Stadt bereits einen Schülerwettbewerb ausgerufen, in dem es um Ergänzungen des Kriegerdenkmals ging. Drei Gruppen aus zwei Schulen machten 19 Vorschläge. Der nun angedachte Künstlerwettbewerb wäre also schon der zweite Versuch innerhalb kurzer Zeit, der Stele etwas entgegenzusetzen. Und aus Sicht der Mitglieder der Mahnmal-Initiative der bessere. „Der Schülerwettbewerb hat tolle Ideen hervorgebracht“, sagt Sandra Hollm, „aber das muss jemand machen, der Ahnung von Proportionen hat.“ Auch Mitstreiter Dieter Grieschat findet die Beiträge der Schüler sehr gut. Dennoch sagt auch er: „Das gehört in professionelle Hand.“ Künstler könnten Proportionen und Wirkung besser einschätzen.

Sollte es eine Mehrheit für den Künstlerwettbewerb geben, käme Karl-Heinz Boyke noch mal ins Spiel. Das Vorstandsmitglied im Berufsverband Bildender Künstler Schleswig-Holstein ist auch Berater und Sachverständiger für Kunst im öffentlichen Raum – und soll der Jury angehören, die über den Künstlerwettbewerb urteilt.

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