Wedel

Henry Sperling: Der Mann, der die Bundeskanzlerin spricht

In seinem Büro arbeitet Henry Sperling an Illustrationen für ein weiteres Kinderbuch.

In seinem Büro arbeitet Henry Sperling an Illustrationen für ein weiteres Kinderbuch.

Foto: Thomas Pöhlsen

Filmer, Comedy-Produzent, Stimmenimitator, Musiker, Verleger, Autor, Illustrator: Wedeler Künstler ist in vielen Genres versiert.

Wedel.  Er ist Autor, produziert als Kameramann, Cutter und Regisseur Filme, schreibt Sketche, spielt Schlagzeug, hat schon Angela Merkel seine Stimme geliehen, schreibt Bücher, besitzt ein Tonstudio, bringt als Verleger Kunst auf den Markt, gibt Konzerte, bestreitet Lesungen und arbeitet als Illustrator. „Ich bin multikreativ“, stellt Henry Sperling nüchtern fest.

Manch einer dürfte eines der Ergebnisse seiner Kreativität bereits gesehen und gehört haben, jedoch ohne den Namen des Wedelers wahrzunehmen. Denn Sperling ist gern Teamplayer, arbeitet für das Netzwerk schwarzweissradio. Allein hat er sich der Jugendliteratur verschrieben. Gerade stellt er sein erstes Jugendbuch vor. Titel: „Wullefump – Die Reise ans Meer“.

„Dann werde ich eben Rockstar!“

Alles beginnt in Sassnitz auf Rügen an der Ostsee. Sperling ist begeisterter Segler und hat sich in den Kopf gesetzt, einmal zur Weltklasse zu gehören. Mit 16 sind die Trainer der Kinder- und Jugendsportschule allerdings der Meinung, dass sein Talent nicht ausreicht. Sie schmeißen ihn von der DDR-Kaderschmiede.

Ziemlich wütend nimmt er sich vor: „Dann werde ich eben Rockstar!“ Er lernt Schlagzeug und geht als 19-Jähriger mit einer Metal Band auf Tournee durch die DDR. Es folgen noch ein Schlagzeug-Studium am Konservatorium sowie eine Lehre als Elektromechaniker.

Die nächste schicksalhafte Wendung folgt 1991. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zieht es den abenteuerlustigen jungen Mann in den Westen, genauer nach Hamburg. Wieder hat er ein genaues Ziel vor Augen. Er will sein eigenes Tonstudio gründen und dort für Bands produzieren. Fünf Jahre später ist es so weit: In Schenefeld wird das Gentle Art-Studio eröffnet.

WDR ist erster Abnehmer der Radio-Comedy

In die Aufbauphase fällt auch sein Umzug nach Wedel, wo er noch heute lebt. Sperling erkundet von Hamburg aus die nähere Umgebung. „Ziemlich cool hier“, so seine Meinung, als er das erste Mal die Rolandstadt besucht. Sie erinnert ihn ein wenig an die Gegend rund um Berlin, wo seine Onkels und Tanten wohnen.

In dieser Zeit kommt er auch erstmals in Kontakt mit Jens Böttcher und Karsten Deutschmann. Böttcher ist Sänger, Komponist und Schriftsteller, Deutschmann Multiinstrumentalist und Musikproduzent. Sie beschließen, es einmal gemeinsam zu versuchen – und machen Radio-Comedy. schwarzweissradio ist geboren. Der WDR wird der erste Kunde von „Reverend Eminent“, dem angeblich „ersten Hip-Hop-Comedy-Hörspiel der Welt“.

Es folgen der NDR und weitere Radiostationen. Wenn die Drei zusammensitzen, lassen sie die Ideen hin und her fliegen – und schwupp, ist eine neue Folge fertig. Sie verlassen sich auf ihre Intuition. Für Sperling ist wichtig: „Nicht zu viel recherchieren.“

Henry Sperling spricht die Bundeskanzlerin

2011 folgt dann der Schritt auf die Mattscheibe. Mit „Neulich im Bundestag“ für die NDR-Show extra3 persiflieren sie die Parlamentsdiskussionen. Henry Sperling spricht die Bundeskanzlerin. Es folgt nach dem gleichen Muster „Neulich beim NDR“. Bei diesem Format nehmen sie bekannte Moderatoren und Sendungen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens auf die Schippe.

Der Humor des 54 Jahre alten Sperling ist „ein bisschen von der alten Sorte“, wie er sagt. Die Filme des Trios Zucker, Abrahams & Zucker wie „Die unglaubliche Reise in einem verrückten Flugzeug“ oder „Die nackte Kanone“ und die von Rainer Brandt erdachten Synchronisationen englischsprachiger Filme und Serien wie „Die 2“ und „Immer wenn er Pillen nahm“ sind für Sperling der Olymp des Witzes.

Jens Böttcher und das Orchester des himmlischen Friedens

Die Drei können aber auch ganz anders. Etwa wird Böttcher von Sperling und Deutschmann begleitet, wenn der Singer/Songwriter auf Tournee geht. Sie treten als Jens Böttcher und das Orchester des himmlischen Friedens auf. Oder sie realisieren die Sendung „Tiefsehtauchen“ für bibel.tv, in der bekannte Persönlichkeiten wie Eugen Drewermann und Konstantin Wecker zu ihren Glaubensbekenntnissen Auskunft geben.

Mit der Autorin, Bloggerin, Moderatorin und Journalistin Tanja Salkowski entsteht außerdem ein YouTube-Kanal, mit dem über die Krankheit Depression und andere psychische Störungen aufgeklärt werden soll.

Solo betritt Sperling vor einigen Jahren wieder Neuland, indem er sich der Kinderliteratur zuwendet. Er denkt sich die Figur des Käpt’n Wattenschnack aus und verewigt sie in zwei Hörspielen. Die CD spielt er zusammen mit den schwarzweissradio-Kollegen, einigen Freunden, etwa Klaus Büchner und Raymond Voss von Torfrock, und Lebenspartnerin Britta Johannsen ein.

Andere Kinderbücher waren illustriert – also zeichnete er

Als er an einem langweiligen Tag in seinem Garten sitzt, kommt ihm dann die Idee zu seinem ersten Buch. Aus der Langeweile entwickeln sich Gedanken, die zu Wullefump führen. Das ist ein Tier, das noch niemand gesehen hat. Es verabschiedet sich aus seiner gewohnten Unterwasserwelt, um Abenteuer zu erleben. Sperling stürzt in sein Büro, um die Geschichte in die Tastatur zu hacken. „Ich konnte gar nicht so schnell schreiben, wie die Gedanken flossen“, erinnert er sich heute.

Nervosität befällt den Autor allerdings, als er sich anschließend die Produkte der Konkurrenz anguckt. Auf jeder Seite ist eine Zeichnung – und er hat 120 Seiten geschrieben. Das bedeutet viel Arbeit. Mal- und Zeichenunterricht hat Sperling nie genommen, dafür als Kind praktisch jedes freie Blatt Papier vollgekritzelt.

Auszeichnung mit BuchkönigKinderbuchpreis 2019

Von seinen autodidaktisch erlernten Fähigkeiten zeugen zudem viele Bilder an den Wänden seiner Wohnung. Und so entsteht an langen Arbeitstagen „Wullefump – Die Reise ans Meer“. Die Mühe lohnt sich: Für das fertige Werk wird Sperling mit dem BuchkönigKinderbuchpreis 2019 ausgezeichnet. Und die Illustratoren-Karriere geht weiter: Mit „Der kleine Nuffel“ hat Sperling ein weiteres Buch illustriert. Stefanie Wilkens und Jens Böttcher haben es geschrieben.

Ach ja, und dann war da ja noch das Segeln. Das Thema hat ihn bis heute nicht losgelassen. Kein Wunder, so nah, wie er an der Elbe wohnt. In Hamburg engagiert sich Sperling in einem Segelclub als Jugendgruppenleiter. Außerdem misst er sich mit anderen Laser-Seglern im Wettstreit. Und das gar nicht mal ohne Erfolg: In den vergangenen Jahren konnte er einen dritten und einen zweiten Platz bei Deutschen Meisterschaften erreichen. Auf diese Platzierungen ist der Multikreative sichtlich stolz. Es muss also nicht unbedingt die Weltspitze sein.