Quickborn

Schlingnatter bekommt ein neues Wohnzimmer

[..]Himmelmoor Schlingnattern Einsatz zur Wiederansiedlung der Schlange Schlangenfreunde und Experten Christoph Andrijczuk und Sven Denkewitz, welche auch den Schlangenbestand im Himmelmoor erfassen

[..]Himmelmoor Schlingnattern Einsatz zur Wiederansiedlung der Schlange Schlangenfreunde und Experten Christoph Andrijczuk und Sven Denkewitz, welche auch den Schlangenbestand im Himmelmoor erfassen

Foto: Privat / HA

Himmelmoor ist einer der wenigen Orte, in dem die extrem seltene Schlangenart vorkommen. Nun wurden für die streng geschützte Art Dämme gerodet.

Quickborn. Die Birken mussten weg, und zwar alle. Also wurde gesägt, gehackt und gerupft. Fünf Stunden haben Naturschützer im Himmelmoor gerackert, um ausgesuchte Bereiche birkenfrei zu roden. Denn würden die Dämme des Moores erst verwalden und damit verschatten, wäre es bald vorbei mit der Schlangenherrlichkeit. Und das wäre nicht nur schade, sondern aus Artenschutzsicht auch ein herber Verlust für den Kreis Pinneberg.

Was unter Reptilienfreunden nämlich längst bekannt ist, soll auch für alle anderen Besucher des Himmelmoores bei Quickborn erhalten bleiben. Der „Hotspot“ für eine extrem seltene Schlangenart – die Schlingnatter, immerhin Reptil des Jahres 2013 in Deutschland.

Die Gattung Coronella austriaca, wie Biologen und Lateiner sagen würden, kommt nur in wenigen Gegenden Schleswig-Holsteins vor. Umso wichtiger sei es, das Himmelmoor als gute Stube der Art zu schützen. Deshalb griffen zwölf Naturschützer und Helfer der Torfbahn zu Axt, Säge und Freischneider. Denn Schlingnattern brauchen größere baumfreie Flächen zum Sonnenbaden. Auch für Mooreidechsen und Blindschleichen seien die freien Flächen wichtig, nicht zuletzt, weil sich Schlingnattern wiederum von ihnen ernähren.

Nicht grundlos heißt die Schlange dabei Schlingnatter. Die streng geschützten Tiere ersticken ihre Beute, auch größere Individuen, durch festes Umschlingen. Im Grunde handelt es sich also um eine Würgeschlange. Die auch Glattnatter genannte Art ist ungiftig, wird aber trotzdem gern mit der Kreuzotter verwechselt. Auch die Kreuzotter kommt im Himmelmoor vor.

Beide Arten fühlen sich in Norddeutschland in Heidelandschaften und trockenen Hochmoorrandbereichen wohl. Die seltenen Schlingnattern wurden laut schleswig-holsteinischem Amphibien-Atlas landesweit zuletzt nur an 44 Einzelstandorten nachgewiesen. Ein Indiz dafür, welchen Naturschatz das Himmelmoor mit seiner Population hat.

Seit dem Ende des Torfabbaus gilt das Moor als „Hotspot“ für Schlingnattern. An den – nun wieder baumlosen – Dämmen, die zur Wasserspeicherung angelegt wurden, finden die Tiere ideale Lebensbedingungen. Schon vor zwei Jahren hatten Schlangenfreunde aus ganz Schleswig-Holstein sowie Mitarbeiter des Landesamtes für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume einige Bereiche „schlingnatterfreundlich“ gestaltet. Die Experten Christoph Andrijczuk und Sven Denkewitz erfassen seither regelmäßig den Schlangenbestand im Moor. Mit erfreulichen Ergebnissen.

Von April an werden die mit bis zu 80 Zentimer Länge recht kleinen Tiere auch wieder zu sehen sein. Dann kriechen sie aus ihren frostsicheren Verstecken, um ihre graubraunen bis rotbraunen Schuppenkörper in sonnenbeschienene Pionierstandorte zu schlängeln. Als wärmeliebende Art sind sie zur Energiegewinnung darauf angewiesen. Auch deshalb sind die nördlichsten Vorkommen der Art nur bis Südnorwegen dokumentiert. Zwischen Norddeutschland und Skandinavien klafft sogar eine Lücke – in Dänemark gilt die Art als ausgestorben.

Auch im Norden Deutschlands stand die relativ unbekannte Art kurz vor der Ausrottung, weil der Mensch ihren Lebensraum durch die intensive Nutzung der Moore extrem verknappte. In den vergangenen 100 Jahren, so schätzen Experten des Landesamtes, brach die Population um 90 Prozent ein. Von einem „rapiden Bestandsrückgang der Schlingnatter“ ist die Rede. Umso wichtiger sei es, den Westen Schleswig-Holsteins als bevorzugtes Habitat der Tiere als neuen Lebensraum zu gestalten.