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Tante tot im Kofferraum: "Ich habe sie nie wirklich gewürgt"

Burkhard M. aus Holm verbirgt zum Prozessauftakt in Münster seinen Kopf hinter einem Aktendeckel. Seine beiden aus Hamburg angereisten Verteidiger Matthias Domsch (r.) und Dietmar Cyrus beratschlagen sich noch.

Burkhard M. aus Holm verbirgt zum Prozessauftakt in Münster seinen Kopf hinter einem Aktendeckel. Seine beiden aus Hamburg angereisten Verteidiger Matthias Domsch (r.) und Dietmar Cyrus beratschlagen sich noch.

Foto: Alexander Suanke / Alexander Sulanke

Der 52 Jahre alte Verdächtige aus Holm soll seine Verwandte aus Habgier umgebracht haben. In Münster hat jetzt der Prozess begonnen.

Münster.  Mit Verteidigung kennt sich Burkhard M. bestens aus, genauer gesagt: mit Selbstverteidigung. Mit der Kunst, den Gegner außer Gefecht zu setzen, um sich selbst in Sicherheit bringen zu können. In seinem früheren Leben hat der Holmer gern und viel darüber doziert, und seine Schülerinnen beim TSV Wedel haben dem Kampfsporttrainer von den Lippen abgelesen. Aber veränderte Umstände erfordern geänderte Strategien.

Landgericht Münster, Saal 23. Der Prozess gegen den mutmaßlichen Tanten-Mörder beginnt. Und auf der Anklagebank sitzt: Burkhard M. aus Holm, promovierter Wirtschaftsinformatiker. „Wir verteidigen durch Schweigen“, gibt Dietmar Cyrus, einer seiner beiden aus Hamburg angereisten Anwälte, den Kurs vor. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 52-jährigen M. vor, seine Tante Agnes Maria M. am 2. August vergangenen Jahres in Münster getötet zu haben.

Habgier – es ging um Darlehen in Höhe von 25.000 Euro

Motiv: Habgier, Streit um ein 25.000-Euro-Darlehen, das M. nicht zurückzahlen konnte oder wollte. Eine Spaziergängerin fand die Leiche der Münsteranerin am 30. August an einem Teich nahe dem Schäferhofweg bei Appen. Polizisten nahmen M. am 4. September in seiner Doppelhaushälfte in Holm fest. Seitdem sitzt er in Münster in Untersuchungshaft.

Verteidigen durch Schweigen. Für den Holmer, den eine Kriminalhauptkommissarin später am ersten Prozesstag als „intelligenten, sich wohlartikulierenden Menschen“ beschreiben wird, bedeutet das zunächst: nichts sagen, wirklich überhaupt nichts. Wie zur Salzsäule erstarrt sitzt er kerzengerade auf der Anklagebank, ein Gentleman in weißem Hemd und blauem Jackett, das silbergraue, leicht gewellt mittelgescheitelte Haar akkurat gestutzt. Es muss einen guten Friseur geben im Untersuchungsgefängnis.

Auf Fragen reagiert M. nur mit einem Nicken

M. quittiert selbst Nachfragen zu seiner Person – so was wie Name, Geburtsdatum und letzte Anschrift – nur mit einem Nicken. Lediglich bei der Frage nach seinem Familienstand kommt er kurz hörbar ins Grübeln. „Verheiratet. Kann man doch sagen“, hilft Anwalt Cyrus aus. Und Burkhard M. nickt wieder.

Was hat der mutmaßliche Tanten-Mörder getan? Als gesichert gilt: Am 2. August besucht der Holmer seine Tante, die im Münsteraner Stadtteil Kinderhaus wohnt. Am 6. August gibt deren Enkelin eine Vermisstenanzeige bei der örtlichen Polizei auf, auch 14 Tage später, die Oma ist längst tot, wird noch nach ihr gesucht. Am 30. August kommt es zum Leichenfund. Über die Ereignisse dazwischen gibt es unterschiedliche Versionen.

Laut dem Staatsanwalt besucht Burkhard M. seine Tante am 2. August gegen 14 Uhr in ihrem Haus am Althausweg, isst zunächst mit ihr, alsbald streiten sich beide über das Darlehen, das sie ihm am 23. Juli 2016 gewährt hat und das er bis zum 31. Juli 2019 hätte zurückzahlen sollen. „Zwischen 15.42 Uhr und 16.30 Uhr“ tötet er sie durch „stumpfe Gewalt gegen den Hals“, schafft die Tante in seinen Volvo V 90, wirft um 16.39 Uhr sein Smartphone in den Kinderbach und fährt dann die 292 Kilometer gen Norden bis nach Appen. Der Rest ist bekannt.

Burkhard M.s Version geht anders, sie ergibt sich aus einem Protokoll, das auf Ersuchen der Münsteraner Polizei am 9. August im ersten Stock des Pinneberger Polizeireviers erstellt wird. Der Holmer, mittlerweile identifiziert als Letzter, der Agnes Maria M. lebend gesehen hat, hat an diesem Tag Zeugenstatus – und Verteidigen durch Schweigen noch nicht zu seiner neuen Strategie erkoren. Demnach fährt er am 2. August nach Münster, weil sich seine Tante von ihrer Tochter Nele und ihrem neuen Freund – eine Internetbekanntschaft aus dem Ruhrpott – bedroht fühle. Was liegt denn in so einer Situation näher, als ihr ein bisschen Selbstverteidigung beizubringen?

Die Version des Angeklagten

„Nach dem Essen haben wir geübt“, auch, wie man sich aus einem Würgegriff am Hals befreit. Aber: „Ich habe sie nie wirklich gewürgt.“ Burkhard M., der also sieben Tage später bei der Polizei in Pinneberg einen etwaigen Verdacht auf seine Cousine und den Freund seiner Tante lenken wird, fährt am 2. August nach der Kampfsportlektion einfach wieder nach Hause – ohne Tante im Kofferraum des Volvo V 90.

So oder so: Die Ehefrau in Holm weiß nichts von dem Besuch in Münster. Als die Mordkommission Itzehoe am 14. August um 7.02 Uhr vor der Doppelhaushälfte in einer Sackgasse in Holm vorfährt, fällt sie aus allen Wolken. Laut Polizeiprotokoll, über das eine Beamtin im Gerichtssaal spricht, sagt sie: „Schatz, was ist denn hier passiert? Bei uns ist doch alles in Ordnung.“ Burkhard M. gilt zu diesem Zeitpunkt schon als Beschuldigter, der etwas mit dem Verschwinden seiner Tante zu tun haben könne. Die Polizei schließt ein Gewaltverbrechen nicht aus, es gibt aber noch keine Leiche.

„Ohne meinen Anwalt sage ich nichts mehr“

Die Beamten haben einen Durchsuchungsbeschluss dabei. Sie beschlagnahmen den Volvo, der ein Firmenwagen einer Ellerbeker Softwarefirma ist. Ein Abschleppwagen bringt ihn zum LKA nach Kiel. Im Handschuhfach finden die Ermittler eine Schreckschusspistole, während Burkhard M. am Esstisch in der offenen Küche sitzt und seine Frau aufgeregt durchs Haus läuft. Polizisten bitten den 52-Jährigen, mit zur Wache nach Pinneberg zu kommen.

Es ist der Zeitpunkt, zu dem der Verteidigungsexperte M. seinen Strategiewechsel beschließt und seinen Anwalt Dietmar Cyrus mit ins Boot holt. Den letzten Satz im polizeilichen Vernehmungsprotokoll vom 14. August zitieren in Saal 23 des Münsteraner Landgerichts Richterin und Verteidiger wieder und wieder. Er lautet sinngemäß: „Ohne meinen Anwalt sage ich nichts mehr.“

Er darf die Wache als freier Mann verlassen. Drei Wochen später wird er zu Hause von einem Spezialeinsatzkommando festgenommen.

Der Prozess wird am 16. März fortgesetzt. Ein Urteil wird nicht vor Ende Mai erwartet.