Wedel

Der 60-Tonnen-Koloss vom Wedeler Elbstrand

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Joana Ekrutt
Wedels neuer Museumsleiter Holger Junker ist begeistert vom neuen Alten Schweden. Er stellt den Fund in einen größeren Zusammenhang.

Wedels neuer Museumsleiter Holger Junker ist begeistert vom neuen Alten Schweden. Er stellt den Fund in einen größeren Zusammenhang.

Foto: Sven Kamin / Stadt Wedel

Johann Rist beschäftigte sich mit Findlingen, wie auch Wedeler späterer Jahrhunderte. Der Alte Schwede befeuert das Thema nun.

Wedel. 60 Tonnen schwer und mit einem Durchmesser von rund vier Metern wartet Wedels neues Wahrzeichen auf: der neue Alte Schwede am Schulauer Strand. Ein riesiger Findling, der mindestens 130.000 Jahre im Norden ausgeharrt hatte, bevor er bei Baggerarbeiten zur Elbvertiefung gefunden wurde – wie vor gut zwei Jahrzehnten sein großer Bruder in Övelgönne.

Vergangene Woche wurde der Stein mit einem gigantischen Schwimmkran an den Strand östlich des Schulauer Fährhauses transportiert (wir berichteten). Und dann kam Holger Junker, neuer Leiter des Heimatmuseums, begutachtete den Fund und beurteilte ihn. Laut seiner ersten Einschätzung kam der Großfindling in der Saale-Riß-Kaltzeit, der vorletzten Eiszeit, aus Skandinavien nach Norddeutschland.

Der Riese, der viele Schaulustige ans Wasser lockt, ist jedoch längst nicht der einzige Elb-Findling, den Wedel zu bieten hat. Im Findlingsgarten an der Schulauer Straße sind einige der Exemplare ausgestellt, die wie der Neuankömmling am Strand vermutlich im Zuge der vorletzten Eiszeit in die Elbe vor Wedel transportiert worden sind. Sie endete vor 130.000 Jahren.

Von einem weiteren Findling enormen Ausmaßes berichtet Johann Rist, einer der berühmtesten Bürger der Stadt. In einem seiner Texte beschreibt er einen großen Findling am Riesenkamp, der zu Lebzeiten Rists im 17. Jahrhundert noch als Opferstein bekannt gewesen sein muss. Laut dem Wedeler Stadtarchiv ist nicht klar, wo genau dieser Opferstein lag, doch es stehe außer Frage, dass es ihn in Wedel gab.

In seinem sechsten Monatsgespräch beschreibt Johann Rist den Stein sehr anschaulich. Er soll auf einem Platz in einem Wäldchen hinter dem an das Pastorat des Autors angrenzenden Norder-Garten gelegen haben. Hecken oder Steine sollen den Platz, der Riesen-Kampf genannt wurde, gesäumt haben. Dazwischen ragten laut der Überlieferung hohe Eichen empor. Den rot marmorierten Stein nannte Rist „Opfer-Stein“. Bereits zu Lebzeiten Rists soll der Stein jedoch eingegraben, und die Bäume rundherum sollen abgeholzt worden sein. Der Stein fand jedoch auch in einigen Heimatbüchern des 20. Jahrhunderts Erwähnung. Verortet wurde der Findling dort jedoch unterschiedlich. Auch die Straße Riesenkamp, die ihren Namen als Erinnerung an den Stein erhielt, könnte demnach falsch benannt worden sein.

„Das wäre der Knaller, wenn der bei Baggerarbeiten wieder auftauchte“, sagt Junker. Allerdings gehe er davon aus, dass den Stein, der als verschollen gilt, das gleiche Schicksal ereilte wie manch anderen großen Findling aus dieser Zeit. „Noch bis vor 200 Jahren wurden Steine aus Gräbern geholt, zerteilt und dann in Kirchen oder Straßen verbaut.“ Auch bei dem Stein, den Rist beschreibt, könne es sich laut Junker demnach um ein in einem Hügelgrab verbautes Exemplar handeln. „Das war die Grabform der Jungsteinzeit.“ Insofern könne auch dieser Stein dem Grabraub zum Opfer gefallen sein.

Für die Findlinge an der Schulauer Straße liegt hingegen eine genaue Analyse durch den Mineralogie-Professor Roland Vinx von der Universität Hamburg aus dem Jahr 2007 vor. So sollen diese Findlinge mit großer Wahrscheinlichkeit teilweise aus Ostschweden stammen und mindestens 1,4 Milliarden Jahre alt sein. Der Findlingsgarten ist eine Anlage mit quadratischen Feldern, die abwechselnd mit Findlingen belegt oder mit Buchsbaum oder Stauden bepflanzt sind. Die geometrische Anordnung soll an die früheren Barockgärten aus Zeiten Johann Rists erinnern. „Es kommt immer mal wieder vor, dass bei Baggerarbeiten Findlinge gefunden werden“, sagt Junker. Die Steine im Findlingsgarten sind jedoch um einiges kleiner als der neue Zuwachs am Strand – Hinweise zur Wedeler Entstehungsgeschichte tragen jedoch alle in sich.

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