Barmstedt/Itzehoe

Sargis G. beteuert Unschuld – Opfer sagt für ihn aus

| Lesedauer: 4 Minuten
Das Landgericht in Itzehoe.

Das Landgericht in Itzehoe.

Foto: Bodo Marks / dpa

Prozess vor dem Landgericht Itzehoe: Der Angeklagte soll in Barmstedt einem Freund zwei Messerstiche in den Rücken versetzt haben.

Barmstedt/Itzehoe.  Sargis G. blieb hart. Nicht einmal ein Gespräch über eine Verständigung wollte der aus Armenien stammende Angeklagte am Montag führen. Dabei wirft ihm Staatsanwältin Maxi Wantzen versuchten Mord vor. Dem 41-Jährigen, der laut der Anklage am Abend des 16. September 2019 in Barmstedt einem Freund zweimal in den Rücken gestochen haben soll, drohen viele Jahre hinter Gitter.

Doch zum Prozessauftakt vor der Schwurgerichtskammer des Landgerichts Itzehoe zeigte sich der in U-Haft sitzende Armenier stur. Die vom Gericht im Gegenzug für ein Geständnis in Aussicht gestellte Haftstrafe zwischen 45 und 54 Monaten war für ihn keine Option. „Wenn ich das nicht war, warum soll ich das dann auf mich nehmen?“, fragte er – und lehnte trotz des Zuredens von Verteidigung, Staatsanwältin und Richterin selbst ein unverbindliches Gespräch über einen Deal ab. Auch die Aussage von Richterin Isabel Hildebrandt, das eine Verurteilung von Sargis G. laut der Aktenlage sehr wahrscheinlich und eine Verständigung zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr möglich sei, beeindruckte den Barmstedter nicht. „Selbst wenn sie mich zu 20 Jahren verurteilen, ich war es nicht.“

Opfer gibt an, betrunken gewesen zu sein

Woher er seine Siegesgewissheit nahm, wurde dann später im Verlauf des ersten Prozesstages klar. Das Opfer Garik A. und seine Frau Zoya H. wollten von ihren belastenden Aussagen gegen den Angeklagten, die sie bei der Polizei zu Protokoll gegeben hatten, nichts mehr wissen. „Ich war betrunken“, gab das 47 Jahre alte Opfer an und behauptete, den ganzen Tag über Bier und Wodka getrunken zu haben. Selbst den Vorhalt der Richterin, dass weder Notarzt, Rettungssanitäter noch die eingesetzten Polizisten seine Alkoholisierung bemerkt haben, tat der Zeuge ab. „Ich weiß ja, was ich getrunken habe.“ Und auch für die Aussage seiner Frau gegenüber der Polizei, wonach Garik A. nur einen Schluck Bier getrunken habe, hat der eine Erklärung. „Das ist ihr unangenehm, dass ihr Mann Alkohol trinkt.“

Seine Angabe bei der Polizei, wonach er und der Angeklagte sich vor den Messerstichen über Schulden gestritten haben, sei falsch, so der Zeuge. „Ich schulde ihm kein Geld.“ Sargis G. habe am Tatabend bei ihm geklingelt, beide hätten sich dann etwa 100 Meter von seinem Haus am Nappenhorn entfernt. Nach einer kurzen Unterhaltung über unwichtige Dinge sei er ins Haus zurückgekehrt. Dort habe seine Frau die Verletzungen an seinem Rücken bemerkt. „Ich kann nicht sagen, wer das war. Ich habe nichts gesehen, und da sind ständig Leute die Straße langgegangen.“

Weitere Zeugen wiederruft ihre Aussage

Bei der Polizei hatte Garik A. in einer späteren Vernehmung sogar angegeben, sich die Messerstiche in den Rücken selbst zugefügt zu haben. Davon wollte er vor Gericht nun nichts mehr wissen. „Das geht ja gar nicht.“ In der Vernehmung hatte er im Beisein seiner Ehefrau auch angekündigt, diese werde ihre Aussage gegen den Angeklagten wieder zurückziehen. Das tat Zoya H. auch am Montag vor Gericht – zumindest in einem Punkt. Die Messerattacke selbst, die sie in ihrer polizeilichen Vernehmung sehr detailreich geschildert hatte, wollte sie nun plötzlich nicht mehr gesehen haben. „Ich stand zu weit entfernt, und es war zu dunkel.“

Auch auf mehrfache Nachfrage der Richterin blieb die Zeugin bei ihrer geänderten Aussage – sehr zur Freude ihres Mannes, der im Zuschauerraum saß und seine Angetraute nicht aus den Augen ließ. „Ich glaube, dass Sie heute hier lügen“, hielt Richterin Hildebrandt der Zeugin vor und drohte mit einem Verfahren wegen Falschaussage. „Sie können Ihren Job verlieren, wenn Sie deswegen vorbestraft sind.“ Doch Zoya H. blieb dabei. Daraufhin ließ Hildebrandt die Öffentlichkeit ausschließen, um eine Beeinflussung der Zeugin durch ihren Ehemann zu unterbinden. Auch einen späteren Ausschluss des Angeklagten stellte sie in Aussicht. Der Prozess wird Freitag mit weiteren Zeugen fortgesetzt.

Mehr Artikel aus dieser Rubrik gibt's hier: Pinneberg