Weisser Ring

Pinneberg: Immer mehr Opfer von Kriminalität brauchen Hilfe

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Chantale Rau
Vor allem Frauen haben sich nach Straftaten im vergangenen Jahr vermehrt an den Weissen Ring in Pinneberg gewandt (Symbolbild)

Vor allem Frauen haben sich nach Straftaten im vergangenen Jahr vermehrt an den Weissen Ring in Pinneberg gewandt (Symbolbild)

Foto: Jan-Philipp Strobel / dpa

Der Weiße Ring registriert einen Anstieg der Fallzahlen um 25 Prozent. Das sind die Gründe.

Kreis Pinneberg. Ein Ehemann tötet seine Frau. Zurück bleiben zwei Töchter, 17 und 19 Jahre alt. Die ältere Schwester hat die jüngere aufgenommen. Zusammen haben sie den Ort des Verbrechens verlassen, sind weggezogen. Der Weisse Ring hat sie dabei unterstützt, auch finanziell. Das Familiendrama aus Uetersen ist nur ein Fall aus dem vergangenen Jahr, bei dem die Opferorganisation tätig geworden ist.

Wenn ein Mensch gewaltsam stirbt, bleiben Angehörige zurück. Dann kümmert sich der Weisse Ring. Wenn es die Hinterbliebenen wollen. Und nicht nur dann: Betroffene aller Arten von Straftaten wie Stalking, Betrug oder Einbrüche erhalten Hilfe. Mit rund 46.000 Mitgliedern ist der Weisse Ring die größte Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität in Deutschland.

Von 155 Opfern waren 104 Frauen

Die Außenstelle in Pinneberg hat nun ihre Bilanz für 2019 vorgestellt. Uwe Kleinig, Leiter der Außenstelle, präsentierte die Zahlen mit Opferhelferin Marga Ehlers und dem Präventionszuständigen Wolfgang Ketels. Der Fall der zwei Schwestern ist einer von fünf Tötungsdelikten, die sie betreuten.

Am häufigsten ging es 2019 im Gegensatz zu den Vorjahren um Sexualdelikte. Zuvor waren Körperverletzungen die Hauptursache für das Tätigwerden des Weissen Rings. Weiter häufig sind auch Bedrohung und Stalking. Auffällig viele Gewalttaten haben sich 2019 im häuslichen und persönlichen Umfeld abgespielt. Insgesamt meldeten sich im vergangenen Jahr 155 Opfer von Straftaten, darunter 104 Frauen, beim Weissen Ring in Pinneberg. Das entspricht einem Anstieg von 25 Prozent. Zudem wurden 28 Menschen von älteren Fällen betreut.

Ehrenamtliche leisten 1000 Stunden Arbeit

Über die Gründe für den Anstieg der Fallzahlen lasse sich laut Uwe Kleinig noch keine überprüfbare Aussage treffen. Die Kriminalstatistik für Schleswig-Holstein wird erst im März veröffentlicht. Sicher sei aber der Bekanntheitsgrad des Weissen Ring gestiegen, sagt der Leiter und pensionierte Polizist. Immer mehr Opfer von Straftaten würden sich inzwischen trauen, Hilfe von Außenstehenden anzunehmen. Auch würden mehr Opfer durch Beratungsstellen, etwa durch Frauenhäuser, auf den Weissen Ring aufmerksam. Knapp ein Drittel aller Hilfesuchenden kommen aber nach wie vor auf Empfehlung der Polizei.

Zwölf ehrenamtliche Mitarbeiter haben die Opfer von Straftaten im Kreis Pinneberg persönlich betreut und beraten. Exakt 984 Stunden haben die Ehrenamtlichen für die Opferhilfe von ihrer eigenen Freizeit abgeknapst. Finanziell sind im vergangenen Jahr insgesamt 24.656 Euro an Betroffene ausgezahlt worden. Von dem Geld konnten die meist traumatisierten Menschen nicht nur ihren Alltag bestreiten oder einen Anwalt bezahlen, sondern etwa auch einige Zeit in einer Ferienwohnung leben.

2020 steht unter Thema sexualisierte Gewalt

„Es gibt viel, was man tun kann“, erzählt Marga Ehlers. Das kann auch einfach nur Zuhören bedeuten. Betroffenewerden zu Gericht begleitet, durch den Dschungel an Hilfsangeboten gelotst oder auf psychologische Beratungsstellen hingewiesen. Viele denken, sie müssten sich nur dazu entscheiden, die 110 zu wählen oder nicht. Dabei gibt es viele weitere Hilfen.

Der Weisse Ring könne neben materiellen und beratenden Angeboten auch beim Finden von Ersatzunterkünften behilflich sein. Die Organisation steht im engen Kontakt mit anderen Stellen wie Frauenhäusern. „Manche, die von Straftaten betroffen sind, mögen die Bezeichnung Opfer nicht“, sagt Marga Ehlers. Der Begriff sei ein Stigma, unter Jugendlichen sogar ein Schimpfwort. Eine passendes Synonym sei jedoch schwierig.

Auch Präventionsarbeit gehört zu den Aufgaben des Weissen Ring. Das Leitthema 2020 sei sexualisierte Gewalt, erzählt Wolfgang Ketels. Zum Beispiel angestoßen durch K.O.-Tropfen, die Täter bei Partys anderen Gästen ins Glas mischen, um sich an den benebelten Opfern zu vergehen. Hier setzt Aufklärungsarbeit an. Doch sexualisierte Gewalt geschehe auch oft unter Eheleuten. Was viele nicht auf dem Schirm haben: „Männer können auch Opfer werden.“ Von Zivilcourage bis zum Schutz vor Mobbing leistet der Weisse Ring Präventionsarbeit, unter anderem an Schulen oder Seniorenheimen. Bei Älteren sei etwa die Aufklärung zum Enkeltrick wichtig. „Viele schämen sich, wenn sie darauf reingefallen sind“, sagt Ketels.

Doch dem Opferschutzverein fehlen vor allem junge Menschen, der Weisse Ring sucht dringend Nachwuchs. „Empathie ist wichtig“, sagt Marga Ehlers. Seit sieben Jahren engagiert sie sich als Opferhelferin. Ihre Tätigkeit empfindet sie als erfüllend. Neue Ehrenämtler begleiten zunächst erfahrende Helfer bei ihrer Arbeit und lernen bei Seminaren die Grundlagen kennen. Wie spreche ich mit dem Opfer einer Straftat? Welche Hilfeleistung ist geeignet? Wer berufstätig ist, kann sich auch abends oder am Wochenende engagieren. Auch das neue Jahr beginnt für den Weissen Ring mit vielen Hilfesuchenden. Schon 29 Menschen haben sich in den ersten eineinhalb Monaten an die Pinneberger Außenstelle gewandt und werden nun betreut.

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