Pinneberg
Quickborn

Das Drei-Säulen-Konzept fürs Himmelmoor steht

Sie gehören jetzt offiziell zu den Mitgliedern des Naturschutzdienstes der Unteren Naturschutzbehörde: Lothar Hornburg (v. l.), Franziska und Dan Zelck sowie Wilhelm Flade-Krabbe und Theo Hildebrecht sorgen im Himmelmoor für Ordnung und bringen Besuchern die Besonderheiten der Landschaft näher. Sie können sich ausweisen

Sie gehören jetzt offiziell zu den Mitgliedern des Naturschutzdienstes der Unteren Naturschutzbehörde: Lothar Hornburg (v. l.), Franziska und Dan Zelck sowie Wilhelm Flade-Krabbe und Theo Hildebrecht sorgen im Himmelmoor für Ordnung und bringen Besuchern die Besonderheiten der Landschaft näher. Sie können sich ausweisen

Foto: Burkhard Fuchs

Ehrenamtler betreuen die Spaziergänger, das Henri-Goldstein-Haus wird zur NS-Gedenkstätte und im alten Gefängnis wird ein Torfmuseum entstehen.

Quickborn.  Das Gesamtkonzept für die künftige Nutzung des Quickborner Himmelmoores als Natur- und Naherholungsraum sowie als Torfmuseum und NS-Gedenkstätte steht. Eine Organisation, die das Ganze betreiben und Fördergeld einwerben soll, ist in Gründung. Der Kreis Pinneberg will und soll dies koordinieren. Und jetzt sind auch sechs Mitglieder des Naturschutzdienstes von der Unteren Naturschutzbehörde (UNB) offiziell bestellt worden. Die Projekte im Einzelnen:

Natur und Umwelt:
Nachdem im Sommer 2018 nach 150 Jahren der industrielle Torfabbau im mit rund 600 Hektar ehemals größten Hochmoor des Landes geendet hat, sollen sich das Moor und seine einzigartige Flora und Fauna wieder erholen. Es wird systematisch unter Wasser gesetzt, die Drainagen werden entfernt.

Für die Betreuung der Naturflächen und Lenkung der Besucher – am Wochenende einige Hundert Menschen – sind jetzt sechs ehrenamtliche Naturschutzdienstler im Einsatz, die der Kreis mit jeweils 240 Euro Aufwandsentschädigung unterstützt. „Wir haben jetzt auf elf Naturschutzflächen im Kreis wie dem Tävsmoor, der Liether Kalkgruppe oder der Haseldorfer Binnenelbe 31 dieser Ehrenamtler für den Naturschutz, die dort eine gewisse Kontrollfunktion ausüben“, erklärt Jörg Kastrup von der Naturschutzbehörde.

Im Himmelmoor sind es sind jeweils drei vom Förderverein und der AG Torfbahn, erklärt Rainer Naujox vom Fördervereinsvorstand. Alle können sich ausweisen. Sie sollen darauf achten, dass die Besucher im Moor auf den Wegen bleiben, nicht rauchen, ihre Hunde anleinen und kein offenes Feuer verursachen. Dafür verteilen sie Faltblätter mit einem „Verhaltenskodex“. Zudem gehöre zu ihren Aufgaben, den Besuchern die einmalige Natur in dieser landschaftlichen „Perle“ des Kreises zu erklären, die Geschichte des Moores und seiner Nutzung zu beschreiben, auf den Moorlehrpfad hinzuweisen und die Renaturierungsmaßnahmen zu erläutern.

Hauptamtlich bezahlte Umwelt-Ranger konnte der Verein in der Landesregierung nicht durchsetzen. „Wir können den Wunsch der unterschiedlichen Akteure nachvollziehen, den Naturschutz im Himmelmoor weiter zu stärken“, heißt es dazu aus dem Umweltministerium. „Hauptamtliche Ranger bilden im Naturschutz in Schleswig-Holstein jedoch eher eine Ausnahme und werden lediglich in großen Naturschutzgebieten wie zum Beispiel im Nationalpark Wattenmeer eingesetzt.“

Die Gebäude:
Drei Gebäude in der Himmelmoorstraße 4–6 sind vom Landesdenkmalamt seit 2013 unter Schutz gestellt. Zwei sind während des Ersten Weltkrieges als sogenannte Kolonistenhäuser errichtet worden. Beide sind heute noch bewohnt, obwohl es keine Trinkwasser- und Kanalisationsanschlüsse darin gibt. Sie dienten als Verwalter-Wohnhaus und Werkstatt sowie bis 1969 als Gefängnis für 66 Insassen. In beiden Weltkriegen waren hier bis zu 500 russische und französische Kriegsgefangene zur Zwangsarbeit angehalten. In einem daneben stehenden, weitgehend erhalten gebliebenen roten Backsteingebäude waren Anfang der 40er-Jahre bis zu 100 jüdische Gefangene untergebracht. Darunter auch der Belgier Henri-Goldstein, der diese Tortur überlebte und nach dem das Haus und ein Förderverein benannt sind.

Das Gebäude-Ensemble sei von „historischem Wert“ und in einem „sehr guten, authentischen Überlieferungszustand“ und somit gut geeignet, die Moorkolonisation, die Geschichte des Strafvollzuges des frühen 20. Jahrhunderts und die Verbrechen des Nationalsozialismus’ und des Zweiten Weltkrieges zu veranschaulichen, heißt es in der Denkmalschutzurkunde des Landes. Für die Stadt als Eigentümerin bedeute dies die Verpflichtung, die Gebäude zu erhalten und nicht verfallen zu lassen.

Ein älteres Gebäude aus dem Jahr 1898 in der Himmelmoorchaussee 63 in der Nähe des Torfwerkes steht nicht unter Schutz und ist bis Ende März 2020 noch bewohnt. Es gehört wie alle anderen Gebäude auch der Stadt Quickborn. Hier habe früher der Torfverwalter gelebt und auch den gestochenen Torf gewogen, sodass sich ein Erhalt aus historischer Sicht lohnen würde, sagt Heimatforscher Matthias Fischer-Willwater. Auch die Stadt, die gerade das Dach repariert habe, möchte es als Unterkunft und Lagerraum für die bevorstehenden Arbeiten nutzen, erklärt Bürgermeister Thomas Köppl. Der Keller sei allerdings ständig feucht.

Die künftige Nutzung:
Das Henri-Goldstein-Haus ist bereits als 13. Gedenkstätte aus der NS-Zeit in Schleswig-Holstein anerkannt. Der Förderverein will es dabei möglichst schlicht halten, damit die Besucher einen lebensnahen Eindruck gewinnen, wie sich die jüdischen Gefangenen dort gefühlt haben müssen, erklärt Sabine Schaefer-Maniezki vom Vereinsvorstand. „Es soll feucht, klein und kalt wirken, auf keinen Fall eine behagliche oder heimelige Atmosphäre ausstrahlen.“ Also seien nur wenige Umbauten geplant.

Das ehemalige Verwalterhaus mit Werkstatt, das von der Familie Nütz bewohnt ist, soll künftig einen „Moorbetreuer“ beherbergen und als Werkstatt für den Betrieb der Torfbahn genutzt werden. Im ehemaligen Gefängnis, in dem der langjährige Betriebsleiter des Torfwerks, Klaus-Dieter Czwerwonka, seit Jahrzehnten mit seiner Frau lebt, soll einmal das Moormuseum entstehen, das insbesondere die Geschichte des Torfabbaus beschreibt und die Torfwerkzeuge aus 150 Jahren ausstellt.

Dort sollen auch die Naturschutzverbände ihren Platz für eigene Ausstellungen erhalten. Insbesondere könnte sich dort aber auch das Institut für Bodenkunde der Universität Hamburg, dessen Mitarbeiter seit geraumer Zeit die Bindung der Treibhausgase Kohlendioxid, Lachgas und Methan im Moor wissenschaftlich untersuchen, der Öffentlichkeit darstellen.

Aus Sicht der Stadt Quickborn sei es gut, dass die Häuser noch bewohnt sind, sagt Bürgermeister Thomas Köppl. „Solange sie bewohnt sind und beheizt werden, können sie nicht verfallen.“ Und er verspricht: „Es wird dort auch keiner vor die Tür gesetzt.“ Im stillgelegten Torfwerk sollen die Besucher sich unterstellen können, bevor sie mit der Torfbahn fahren. Außerdem ist geplant, dort historische Großgeräte aus der Zeit des Torfabbaus auszustellen.

Förderung und Kosten:
Der Kreis prüft zurzeit, ob ein Verein, ein Zweckverband oder eine GmbH die beste Organisation für die Trägergesellschaft wäre, erklärt Umwelt-Fachdienstleiter Holger von Thun. Das Ergebnis soll noch vor der Sommerpause vorliegen. Dieser Trägerverein soll dann versuchen, Fördergeld bei Land und Bund und bei verschiedenen Institutionen einzuwerben. Für die NS-Gedenkstätte hat die Landesregierung nach Auskunft der Landtagsabgeordneten Beate Raudies (SPD) bereits 200.000 Euro bereitgestellt. Die Herrichtung der beiden anderen unter Denkmalschutz stehenden Gebäude für die künftige öffentliche Nutzung soll nach Angaben des Fördervereinsvorsitzenden Klaus H. Hensel etwa 600.000 Euro betragen. Eine Kostenschätzung der Stadt geht sogar von einer Million Euro Sanierungskosten aus.

Im zuständigen Fachausschuss der Quickborner Ratsversammlung konnte sich die FDP in dieser Woche mit einem Antrag nicht durchsetzen, in dem sie gefordert hatte, „die finanziellen Belastungen der Stadt für den Unterhalt und Betrieb des Gebäudeensembles Himmelmoorstraße 4–6 im Wesentlichen auf den Erwerb im Rahmen des Grundstückstausches zu begrenzen“. Das würde die jetzt anstehenden Verhandlungen mit Partnern und Zuschussgebern behindern, argumentiert SPD-Ratsherr Karl-Heinz Marrek. „Wir stehen voll hinter dem Nutzungskonzept für das Himmelmoor.“ Ähnlich äußerte sich CDU-Ratsherr und Kreistagsabgeordneter Eike Kuhrcke: „Wir haben die Häuser und wollen auch was dafür tun. Wer A sagt, muss auch B sagen.“