Pinneberg
VfL Pinneberg

Wie ein Fußballtrainer zum Spielsüchtigen wurde

Vertragsunterzeichnung: Heiko Klemme (M.) unterschreibt im Beisein von  Trainer Marcus Jürgensen (l.) und  Abteilungsleiter Sascha Helfenstein.

Vertragsunterzeichnung: Heiko Klemme (M.) unterschreibt im Beisein von  Trainer Marcus Jürgensen (l.) und  Abteilungsleiter Sascha Helfenstein.

Foto: TuS Appen

Comeback: Vorbild Heiko Klemme wurde zum Spielsüchtigen – und schaffte dann den Ausstieg. Die Geschichte dahinter.

Appen. „Nach außen hin war ich der große Starke. Zu Hause saß ich auf dem Sofa und habe geweint.“ Lange Zeit aus der Fußballszene verschwunden, hat Heiko Klemme (43) damit aufgehört, sich zu verstecken, zu verstellen und selbst zu belügen. Geheilt von seiner Spielsucht, befreit von Selbstmordgedanken kehrt der ehemalige Erfolgscoach des VfL Pinneberg II in der L andesliga als Co-Trainer des TuS Appen (Kreisliga) an den Spielfeldrand zurück.

Ein Flachbau im Hamburger Nordwesten, Öffnungszeit: bis 5 Uhr morgens, sieben Tage die Woche. Zwei Eingänge, zwei Räume, Teppichboden, Blumenarrangements, ein Tisch mit drei Stühlen und einem Schachbrett in der Ecke, gedämpfte Atmosphäre. Keiner der 15 Personen an diesem Abend um 19 Uhr, die vor einem der 20 bunt blinkenden Automaten in ihren gepolsterten Sesseln gedanklich zu versinken scheinen, sagt ein Wort. Nur die Aufsicht, als sich ein neuer Gast auf einen leeren Platz zubewegt. „Besetzt. Der ist nur kurz zur Bank, Geld holen.“ So beschreibt Heiko Klemme diesen verdammten Ort.

Diesen Ort, der quasi sein Wohnzimmer war, in dem er sich 17 Jahre lang tummelte, in dem er sich häufig drei „Banditen“ gleichzeitig reservieren ließ. Oft war er der Letzte, der im Morgengrauen die Spielhalle verließ, sich zu Hause kurz frisch machte und dann seine Arbeit antrat. Ein Leben in der Hölle. Der gebürtige Herforder häufte Schulden in Höhe von mehreren 10.000 Euro an. Kaum war ein Loch gestopft, öffnete sich das nächste. Als seine Spielsucht während seiner Trainerzeit bei Eintracht Lokstedt ans Licht kam und ihn der Club deshalb im Oktober 2016 entließ, war er am Ende. „Da wollte ich mich entweder im Niendorfer Gehege aufhängen oder von der Autobahnbrücke springen.“ Über drei Jahre verkroch er sich, ließ sich auf keinem Sportplatz mehr blicken, wagte es nicht, den Briefkasten zu öffnen. Dann drückte der Eidelstedter die richtige Taste.

Heiko Klemme richtet einen Appell an alle Spielsüchtigen. „Alleine kommt ihr nicht aus dem Sumpf. Vertraut euch der Suchtberatung an. Gut gemeinte Ratschläge von Freunden und Bekannten können professionelle Hilfe nicht ersetzen.“ Im Lukas-Suchthilfezentrum Hamburg West fand er die Therapeutin seines Vertrauens, die ihm in vielen Einzelgesprächen die richtigen Fragen stellte. Dabei kam dann heraus, dass Klemme ein Kindheitstrauma nicht bewältigt hatte. Die Mutter hatte sich wenige Wochen nach seiner Geburt von der Familie gelöst. „Ich habe sie praktisch nie kennengelernt.“ Der Vater fand eine neue Lebensgefährtin, verschwand dann aber auch plötzlich. Aber die Lebensgefährtin, seine Stiefmutter, die 2010 starb, gab ihm schließlich die Geborgenheit, die er als Kleinkind vermisst hatte.

Klemme wiegt 30 Kilogramm weniger und raucht nicht mehr

Vor einem Monat meldete sich erstmals wieder der Vater, nach 23 Jahren. Da hatte der Angestellte einer Spedition seine Probleme allerdings schon in den Griff bekommen. Sein Chef, der ihn nicht fallen ließ, hatte ihm die von der Luruper Beraterin empfohlene siebenwöchige Therapie in Lindow bei Neuruppin (Brandenburg) genehmigt. Einzelgespräche, Gruppendynamik, viel Sport, gesunde Ernährung. So, wie er es oft verstand, eine durcheinandergeratene Fußballmannschaft in der Halbzeit zu ordnen, stellte er sich selbst neu auf. Nicht weniger als 30 Kilo hat er abgenommen und das Rauchen eingestellt. Die 200 Euro, die er pro Monat spart, kann er gut gebrauchen.

Denn da ist noch etwas, das Klemme bewegt und mit tiefer Scham erfüllte. „Ich habe viele Menschen enttäuscht und hintergangen. Dafür entschuldige ich mich aus tiefstem Herzen. Vollends wiedergutmachen kann ich es aber nicht.“ Indem er sich zu seinem Drama öffentlich bekannte und bekennt, hofft er, Vertrauen zurückzugewinnen. Torsten Zessin, den er beim Wedeler TSV trainiert hatte, war es schließlich, der Klemmes Kontakte auffrischte und sich besonders für dessen Comeback auf dem Fußballplatz stark machte. Marcus Jürgensen, Klemmes Assistent beim VfL und jetzt Trainer des TuS Appen, holte ihn nun an den Almtweg. Korrekt hat Heiko Klemme im Beisein von Abteilungsleiter Sascha Helfenstein den Vertrag unterschrieben, mit Laufzeit bis mindestens Sommer 2021, Kündigungsfrist und kleiner Aufwandsentschädigung. Die ganz normale, wunderbare Normalität. Von der Fitness inzwischen so besessen wie früher von den Spielautomaten, genießt Klemme die Fahrten auf dem Drahtesel zur Elbgaustraße und dann vom Bahnhof Pinneberg nach Appen. Für „seine“ Spielhalle, die er dabei passiert, hat er nur noch einen verächtlichen Blick übrig. Damit das so bleibt, steht er weiterhin in regelmäßigem Kontakt mit der Luruper Therapeutin. Denn da gibt es dieses kleine Belohnungssystem im Gehirn, das so harmlos anfragt. „Eine Münze kannst du doch mal wieder riskieren, nur eine.“ Aber nicht mit Heiko Klemme. Der sagt: „Ich bin zu 100 Prozent über den Berg.“