Kreis Pinneberg

Wie viel Verkehr verträgt Pinnebergs Süden?

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Die Rellinger Straße würden viele nutzen, die in die Gewerbe- und Wohngebiete Gehrstücken-Süd und Rehmenfeld fahren wollten.

Die Rellinger Straße würden viele nutzen, die in die Gewerbe- und Wohngebiete Gehrstücken-Süd und Rehmenfeld fahren wollten.

Foto: Katja Engler

„Falsche Zahlen“, „optimistische Annahmen“: Verkehrsgutachten erhitzt die Gemüter. B-Plan Rehmenfeld dennoch beschlossen.

Pinneberg.  Wie viel zusätzlicher Verkehr belastet die Straßen, wenn neue Wohn- und Gewerbegebiete geplant werden? Das ist Gegenstand eines Gutachtens, das Grundlage für die Bebauungspläne Gehrstücken-Süd und Rehmenfeld in Pinneberg sein soll. Erhofft hatten sich die Mitglieder des Stadtentwicklungsausschusses, denen am Dienstagabend die Ergebnisse präsentiert wurden, mehr Klarheit, um genauer beurteilen können, ob die bisherigen Pläne vertretbar umgesetzt werden können. Diese Klarheit blieb für einen Teil der Politiker dann aber aus. Stattdessen löcherte vor allem Karsten Kreissler (Grüne/Unabhängige) den Gutachter Sebastian Groß vom Büro SHP Ingenieure mit Fragen.

Auch einige erregte Bürger stellten in der Einwohnerfragestunde Fragen zum vorab im Internet veröffentlichten Gutachten und schilderten ihren davon abweichenden Eindruck vom täglichen Verkehrschaos rund um die oft verstopfte Rellinger Straße. So auch Joachim Osses, Sprecher der Anwohnerinteressenvertretung Gehrstücken-Süd. Er monierte an den Untersuchungsergebnissen „diverse Unstimmigkeiten“ und rechnete vor, dass darin mit falschen Zahlen operiert worden sei. Osses: „Das ist eine totale Verschleierung der realen Verkehre.“ Nichtsdestoweniger wurde am Ende so abgestimmt, als hätten die Grünen/Unabhängigen keine Änderungsanträge gestellt, die SPD nicht ihren Unmut über das Gutachten geäußert und so, als habe niemand hitzig diskutiert. Denn die Gewerbegebiete sollen endlich gebaut werden, das war das klare Ziel, das CDU, FDP und Bürgernahe trotz der Einwände weiter verfolgen wollen. Deshalb wurde die Auslegung der Planungsunterlagen zum Entwurf des B-Plans Rehmenfeld mit knapper Mehrheit beschlossen. 300 Wohneinheiten sollen dort entstehen, 34 weitere auf dem Areal des B-Planes Gehrstücken-Süd.

Den Verkehr aus der Parkstadt Eggerstedt falsch beurteilt?

Schon im Vorwege war klar geworden, dass die Grünen/Unabhängigen nicht mitziehen wollten, weil sie Änderungsanträge zur Drucksache eingereicht hatten, in denen sie vorschlugen, die Verkehrsuntersuchung zu ergänzen und zu überarbeiten. Karsten Kreissler erklärte dann, warum das in seinen Augen notwendig sei: Das Gutachten operiere mit optimistischen Zahlen statt mit realistischen.

Hauptkritikpunkt: Die Ergebnisse eines noch immer aktuellen Verkehrsgutachtens für die Parkstadt Eggerstedt seien falsch eingerechnet worden. Laut dem Eggerstedt-Gutachten gingen nämlich 90 Prozent des Verkehrs in östlicher Richtung, der Gutachter habe aber nur 20 Prozent berechnet. Zum Zweiten monierte Kreissler, dass SHP die Bruttogeschosshöhe im Gewerbeteil auf 1,5 Stockwerke festgelegt habe, in Gehrstücken-Süd aber 14 Meter hoch gebaut werden dürfe – was erheblich mehr Verkehr nach sich ziehe. Kreissler: „Dieses Gutachten ist nicht aussagekräftig. Wir können nicht darüber abstimmen.“ Dem pflichtete im Grundsatz auch Reinhard Matthies (SPD) bei: „Die Art, wie hier Gutachten erzwungen werden, missfällt mir.“ Das führe zu Fehldeutungen.

Der Gutachter räumte denn auch einige Schwächen des Verfahrens ein und empfahl eine Simulation, was sich auch die Grünen/Unabhängigen wünschen. Dieser Vorschlag fand keine Mehrheit. Zwar seien die Verkehrsdichte-Werte an den einzelnen Ampeln entlang der Rellinger Straße überwiegend unkritisch, doch könne das „starre System“ die Verkehrsknotenpunkte nur einzeln und nicht im Ganzen betrachten. Lediglich direkt hinter dem Autobahnzubringer staue sich der Verkehr schon jetzt, diesen wolle das Land jedoch irgendwann demnächst komplett umbauen, ergänzte der Ausschussvorsitzende Carl-Eric Pudor (CDU).

Bauamtsleiter Klaus Stieghorst versuchte, der Diskussion den Wind aus den Segeln zu nehmen: „Wir wissen nicht, welche Betriebe da hinkommen. Gehrstücken-Nord zum Beispiel ist sehr heterogen. Dieser Mischansatz war für uns ausschlaggebend.“ Woraufhin Reinhard Matthies fragte: „Wie soll jemand ein relevantes Gutachten erstellen, wenn er keine Angaben hat? Wir unterhalten uns hier über Phantome!“

Auch Carl-Eric Pudor räumte ein, dass Prognosen Unsicherheiten hätten. Es bleibt nun abzuwarten, ob sich der Blick auf den tatsächlichen Verkehr rund um die Rellinger Straße noch mal ändert. Fest steht, dass das Büro SHP Ingenieure zwischenzeitlich von der Verwaltung beauftragt wurde, aktuell das Verkehrsaufkommen zu messen, denn die Zahlen, mit denen das Gutachten arbeitet, stammen aus den Jahren 2012 beziehungsweise 2015. Gutachter Sebastian Groß sagte, dass diese Messungen in der vergangenen Woche gemacht worden seien.

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