Pinneberg
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Seit 47 Jahren Erzieherin – und sie denkt nicht ans Aufhören

Hanne Ksellmann inmitten ihrer Schützlinge Samuel (v. l.), Sebastian, Leyla, Haniya, Hanita und Renesa.

Hanne Ksellmann inmitten ihrer Schützlinge Samuel (v. l.), Sebastian, Leyla, Haniya, Hanita und Renesa.

Foto: Katja Engler

Tornescherin Hanne Ksellmann (65) hat viele Formen erlebt, Kinder zu erziehen. Was sie an ihrem Beruf in Pinneberg liebt.

Pinneberg.  1500 Kinder müssen es mindestens gewesen sein, die Hanne Ksellmann seit 1972 unter ihre Fittiche genommen hat. Eher mehr: 47 Berufsjahre hat die Tornescherin hinter sich gebracht, 40 Jahre davon allein in der Pinneberger Kindertagesstätte an der Richard-Köhn-Straße. Offiziell geht sie diesen März in Rente, aber ihr erklärter Wunsch ist, auf 450-Euro-Basis zweimal die Woche weiterzuarbeiten. Blendend sieht die 65-Jährige aus. Um viele Jahre jünger, als sie ist. Das kann nicht daran liegen, dass sie zu wenig Herausforderungen meistern musste. Im Gegenteil: Erzieher ist ein sehr anstrengender Beruf, der sich seit den 70er-Jahren nicht nur extrem gewandelt hat, sondern der auch sehr viel Verantwortungsbewusstsein, Kompetenz und Nervenstärke verlangt. „Mein Beruf ist meine Leidenschaft. Ich sehe ihn als Berufung“, sagt Hanne Ksellmann dazu. Und es fällt auf, dass sie gern und oft lächelt.

Wer voller Überzeugung so eine Lebensaufgabe wählt und dabei die bescheidene Bezahlung akzeptiert, der hat wohl eine besondere Kindheit erlebt, oder wenigstens eine tolle Zeit im eigenen Kindergarten. Hanne Ksellmann, die selbst keine Kinder hat, ist mit vier Geschwistern aufgewachsen. Geboren in Thüringen, kam sie 1961, kurz vor dem Mauerbau, in den Westen und wuchs in Nordrhein-Westfalen auf. „Meine Eltern waren sehr kinderlieb, und ich habe es schon immer geliebt, mich mit Kindern zu beschäftigen“, sagt die Erzieherin. Als Heranwachsende hat sie die vielen Nachbarskinder oft auf der Straße getroffen und ihnen Theater vorgespielt.

Zu Hause hat sie viel geholfen, mit 15 über die Sommerferien in einer Textilfabrik gejobbt, „mir die Selbstständigkeit erarbeitet. Das fehlt vielen Kindern heute“, sagt sie. Die Werte, die ihre Eltern ihr mitgegeben haben, sind für sie bis heute gültig und berechtigt: Verlässlichkeit, Selbstständigkeit, Dinge zu Ende zu bringen, Verantwortungsbewusstsein.

Seit den 90er-Jahren sind mehr Kinder verhaltensauffällig

Hanne Ksellmann hat ihren Job schon immer komplex wahrgenommen. Seit Jahrzehnten befasst sie sich in ihrer Freizeit mit Erziehungs- und Entwicklungsthemen, kauft sich Bücher darüber, liest Artikel. Um dazuzulernen und besser zu verstehen. In den Jahren 1996 bis 1998 hat sie nebenbei an den Wochenenden eine Zusatzausbildung in Psychomotorik absolviert. „Weil immer mehr Kinder verhaltensauffällig wurden“, erklärt sie. Sehr früh beschäftigte sie sich mit den Ursachen von Legasthenie, Dyskalkulie oder Erkenntnissen aus der neurologischen Forschung.

Noch während ihrer Zeit in einem Kinderkurheim in Cuxhaven lernte sie als junge Frau die beinahe wichtigste Eigenschaft, die eine Erzieherin haben muss: Geduld. Weil jedes Kind sein eigenes Tempo hat und es wichtiger ist, dass Kinder etwas Angefangenes vollenden, als dass alle gleichzeitig aufhören. Es gehört aber auch eigene Kreativität dazu, wenn die Dinge richtig gut gelingen sollen. Durch ihre Zusatzausbildung wusste Hanne Ksellmann, was Kinder brauchen, um ihre psychomotorischen Fähigkeiten zu steigern: „Das entsprechende Spielzeug kostet aber viel Geld.“ Also hat sie kurzerhand zusammen mit Kolleginnen ein Spiele- und Bastelbuch entwickelt, in dem aus Alltagsgegenständen Spielzeug entsteht, zum Beispiel ein Tast- und Fühlmemory für alle Sinne.

40 Kilogramm Kirschkerne zu einem Kirschkernbad verarbeitet

Manche Kinder etwa seien auf der Haut so empfindlich, dass sie etwas bräuchten, das sich gut anfühlt. Das wusste Hanne Ksellmann und nahm an drei ganzen Urlaubstagen à je zehn Stunden Arbeit ein Riesenopfer auf sich: Sie besorgte sich beim Obstbauern zwei 20-Liter-Eimer Kirschkerne, weil sie ein Kirschkernbad für ein sehr empfindsames Kind machen wollte: „Ich habe jeden dieser drei Tage zehn Stunden lang die Kirschkerne geschrubbt. Danach war mein Kirschkernbad ein Heiligtum. Das habe ich Jahrzehnte gehütet, und es hat vielen Kindern geholfen.“

Ja, die Erziehungsformen haben sich geändert. Die Nachkriegsgeneration wurde noch vergleichsweise autoritär und gefühlsarm erzogen, dann wurde es immer lockerer und feinfühliger bis hin zur antiautoritären Erziehung. „Kinder brauchen aber Grenzen, denn die geben ihnen Sicherheit“, weiß die Fachfrau.

Inzwischen hat sie, gerade in der städtischen Kita, mit wieder anderen Fragestellungen zu tun, die viele Gespräche erfordern, Erklären und Zuhören. Das kann Hanne Ksellmann offensichtlich, denn „seltenst hat sich jemand gesträubt“, sagt sie, wenn es um die Akzeptanz von Regeln geht, darum, wichtige Dinge in der Erziehung an die Eltern weiterzugeben. „Es läuft ganz gut“, sagt sie, „auch die meisten Eltern mit Migrationshintergrund akzeptieren unsere Regeln.“

Selbstständigkeit durch Selbermachen lernen

Am Ende gehe es um einen gangbaren Kompromiss. Aber die Erzieherin ist zu engagiert, um nur Friede-Freude-Eierkuchen zu machen. Sie weiß auch gut um die aktuellen Probleme und nennt sie beim Namen. Zum Beispiel beobachtet sie, dass Eltern ihren Kindern immer mehr abnehmen. Das sei schlecht, denn „die lernen dann nicht mehr, Probleme zu lösen. Selbstständigkeit entsteht aber durch Selbermachen. Und nur daraus wächst dann Selbstvertrauen.“

Da die Medialisierung und Digitalisierung längst die Kinderzimmer überschwemmt, hat sie mit den Folgen zu tun: „Ich habe Kinder in der Kita, die nicht mehr spielen können“, sagt sie und versucht, dabei nicht traurig auszusehen. Diese Kinder säßen zu Hause sehr viel vor dem Fernseher oder dem Tablet. Mitnichten führe das zu herausragender Intelligenz: „Ich halte gar nichts davon“, sagt sie rigoros. „Das Gehirn braucht Zeit zum Reifen. Kinder brauchen Bewegung, damit sich die Synapsen im Gehirn verknüpfen. Wenn das nicht passiert, bekommen sie Schwierigkeiten beim Lernen und soziale Probleme.“

Es sei dann eine langwierige Aufgabe für Erzieher, die Knirpse wieder dorthin zu führen, wo sie schon viel früher hätten sein können. Harte Arbeit sei das. Aber die zahle sich aus, so oder so. Viele ehemalige Kitakinder haben den eigenen Nachwuchs in ihre Gruppe gebracht, einige sind selbst Erzieher geworden. Sie trifft ehemalige Kitakinder beim Einkaufen. Und manchmal, ja, da wird sie sogar zu deren Hochzeit eingeladen: „Diese Art Dankbarkeit ist mit nichts aufzuwiegen.“