Pinneberg
Kreis Pinneberg

Was sich Rellinger wünschen – weniger Verkehr, mehr Natur

Ort mit noch mehr Potenzial: Rellingen mit seinen ausgedehnten Grünflächen von der schmalen Plattform über der Kirchenkuppel aus gesehen

Ort mit noch mehr Potenzial: Rellingen mit seinen ausgedehnten Grünflächen von der schmalen Plattform über der Kirchenkuppel aus gesehen

Foto: Katja Engler

Beim digitalen Entwicklungskonzept des Ortes haben schon 200 Bürger mitgemacht. Ihre Vorschläge, ihre Träume, ihre Kritik.

Rellingen.  Denken ohne Schere im Kopf, ja sogar grenzenloses Träumen ist ausdrücklich erwünscht: Die Einladung an alle Rellinger Bürger, sich mit eigenen Vorschlägen am Ortsentwicklungskonzept zu beteiligen, ist bis jetzt rege angenommen worden. Mehr als 200 Wünsche haben Bürgerinnen und Bürger aus allen Ortsteilen Rellingens auf einem digitalen Ortsplan eingetragen und teilweise massenhaft kommentiert.

Plötzlich kennen Rellinger die gegenseitigen Bedürfnisse

Auf bislang nie in diesem Ausmaß mögliche Weise kommen sie darüber jetzt indirekt miteinander ins Gespräch, nehmen die gegenseitigen Bedürfnisse wahr und beziehen sich oft sogar aufeinander. Was sie in die digitale Karte eintragen, soll in das Gesamtkonzept einfließen, mit dem die Agentur Cima beauftragt worden ist. Das soll laut Bürgermeister Marc Trampe im Spätsommer der Öffentlichkeit vorgestellt werden.

Zwei Schwerpunkte lassen sich beim Lesen von Anregungen und Kritik der Rellinger sehr schnell ablesen. Zum einen machen sie sich viele Gedanken über den Schutz oder die Erschließung der noch immer üppig vorhandenen naturbelassenen Flächen, zum anderen drückt der Schuh, wenig überraschend, am meisten beim Verkehr. Interessanterweise kristallisieren sich beim Lesen mehrere Punkte heraus, bei denen sich die Anliegen von Naturschützern und die Verbesserung der Verkehrssituation decken würden: Steigen mehr Leute aufs Fahrrad um, weil gute Radwege entstehen, oder gehen über neu erschlossene Nebenwege zu Fuß von A nach B, sinken Emissionen, und Ressourcen werden geschont. Die Lebensqualität steigt.

Radwege werden gewünscht

Viele Rellinger wünschen sich, die Grünflächen zu erhalten und zu erweitern, die als Naherholungsgebiete zu Fuß, per Rad oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein sollen. Ausdrücklich werden dabei auch die Baumschulwege in der Gemeinde genannt, die als Rad- und Feldwege ausgebaut werden könnten.

Schade ist, dass die Bürger sich oft sehr kurz gefasst haben. Das ist nicht nötig: Wer eine gute Idee hat, kann sie auch ausführlicher aufschreiben, denn digitales „Papier“ ist selten zu kurz. Einem vielleicht neuen Gemeinschaftsgefühl dienlich wäre der Vorschlag, die alte Halle des Rellinger Schützenvereins nahe der Mühlenau abzureißen und dort ein Bürgerzentrum als Begegnungsstätte für Jung und Alt inklusive Innen- und Außengastronomie zu bauen. 14 Fans hat dieser Vorschlag.

Park mit Gastronomie und Café

Groß gedacht ist die Idee, das ausgedehnte Gebiet zwischen Hauptstraße und der Autobahn als Park mit Gastronomie oder Café zu erschließen: „Ein Park fehlt in Rellingen“, ist dort zu lesen, „alternativ eventuell an der Mühlenau ab Bauhof Richtung Norden ein Weg zum Spazierengehen.“ Dieser knapp formulierte Impuls wird zwar von einem Kommentator mit dem Hinweis abgeschmettert, das Gebiet sei in Privatbesitz. Gute Ideen können aber nur zum Tragen kommen, wenn frei gedacht wird und neue potenzielle Allianzen dadurch eine Chance bekommen.

Die zweite spannende Anregung in diese Richtung ist die Idee, südlich der Hamburger Straße in der dortigen Wiesenlandschaft mithilfe des regelmäßigen Hochwassers dauerhaft einen künstlichen See als Feuchtbiotop anzulegen. Der Flächennutzungsplan sei dahingehend bei nächster Gelegenheit zu ergänzen, schreibt der Bürger. Dieser Gedanke findet bis jetzt neun Befürworter.

Rellingen als „essbare Stadt“?

Weitere Idee: Rellingen zur „essbaren Stadt/Gemeinde“ zu machen. Allein das Örtchen Andernach am Rhein habe dadurch mehr als 800 Presseberichte bekommen, die „essbare Stadt“ mit Gemeinschaftsbeeten, Esswäldchen, Fruchthainen, öffentlichen Staudenbeeten und der Flächennutzung nach dem die Fruchtbarkeit wahrenden Permakulturprinzip mache beteiligte Bürger glücklich, bringe regionale Erträge, wirke dem Insektensterben entgegen, sei ein pädagogischer Beitrag und vieles mehr.

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Acht Rellinger finden gut, im Bereich der Niederungen jenseits des Bitzkamps zur Mühlenau einen Bürgerwald anzulegen, ein anderer wünscht sich auf freier Grünfläche einen Gemeinschaftsgarten. Gleich 37 Fans findet der bescheidene Vorschlag, den kleinen Teich an der Kellerstraße nahe dem SC Egenbüttel zu reinigen und durch einen kleinen Uferweg begehbar zu machen, „dazu könnten noch ein, zwei Bänke aufgestellt werden“. Dies würde die Wohnqualität des nahen Umfeldes deutlich verbessern. Diese Idee geht in dieselbe Richtung wie das, was sich die Bürgerinitiative „Kein Gewerbegebiet am Hermann-Löns-Weg“ wünscht. Nämlich möglichst viel Grün, Gewerbe nur in Maßen und etwas Wohnungsbau.

Die Beteiligung ist überdurchschnittlich

Etwas völlig anderes beschäftigt rund 20 weitere Bürger. Sie wünschen sich in Krupunder oder Egenbüttel den Bau eines kleineren Pflegeheims – der Bedarf in der Gemeinde ist also enorm und steigt offenbar noch.

Andererseits ist, wie gesagt, der Straßenverkehr vielen ein Dorn im Auge. Ein Eintrag macht auf einen traurigen Nebeneffekt des Schnellfahrens am Heidkampsweg aufmerksam: „Leider habe ich schon sehr viele tote Waldbewohner wie Hasen, Igel und Vögel auf der Straße liegen sehen.“ Der Vorschlag lautet deshalb: Tempo 30 auf der gesamten Straße, alternativ Schilder oder ein Blitzer. Die damit zusammenhängende Frage ist ungeklärt: Wer sitzt in den vielen Raser-Autos und warum? Das könnte in einem zweiten Schritt ein ortsweites Verkehrsgutachten ermitteln.

Geschwindigkeitsbegrenzung – nur wo?

Im Bereich Verkehr halten sich die Ideen sehr in Grenzen. Moniert wird aber an vielen Stellen das Ignorieren von Geschwindigkeitsbegrenzungen, etwa in der Hans-Reumann-Straße, wo trotz Spielplatzes durchgerast werde, oder durch die Fasanenstraße und Taubenstraße, die als Schleichweg genutzt würden. Am Ellerbeker Weg, der wohl als Rennstrecke genutzt wird, soll Tempo 30 vorgeschrieben und kontrolliert werden, ebenso wie am Hermann-Löns-Weg, wo sich knapp 40 Bürger Tempo 30 und dessen Überwachung wünschen. Darüber hinaus wollen viele dort endlich auch in Richtung der Pinneberger Straße einen Radweg, im Bereich Lohacker einen Blitzer. Nächtliche, ungeahndete Autorennen finden wohl auch regelmäßig rund um die Ampel Adlerstraße/Kellerstraße statt.

Aber es werden auch Stärken genannt. Die vielen Grünflächen gehören unbedingt dazu, der Breitbandausbau und die Fußgängerbrücke über die Autobahn 23, über die jeder in Ruhe zu Fuß oder per Fahrrad nach Pinneberg gelangen kann.

Bürgermeister Marc Trampe findet es „sehr erfreulich, dass die Wikimap so rege angenommen wird. Die Beteiligung ist überdurchschnittlich. Und ich gehe davon aus, dass weitere Ideen folgen werden.“ Sein vorläufiges Fazit: Mit der Kritik an der Verkehrssituation habe er gerechnet, auch damit, dass möglichst viel Grün erhalten werden solle. „Aber da sind durchaus eine Menge interessanter Ansätze drin, mit denen wir uns näher befassen werden. Zum Beispiel der Bau eines Bürgerhauses.“