Pinneberg
Rellingen

Sirenengesänge zum Anschauen in der Rathausgalerie

Die Künstlerin Brigitte Nolden mit ihrem zweiteiligen, collagierten Werk in Mischtechnik, „Alles hören“.

Die Künstlerin Brigitte Nolden mit ihrem zweiteiligen, collagierten Werk in Mischtechnik, „Alles hören“.

Foto: Katja Engler

Künstlerin Brigitte Nolden verwebt in der Ausstellung „Der Gesang der Sirenen“ in Rellingen Homers Mythos mit den Fliehenden übers Mittelmeer.

Rellingen.  Im Werk und im Leben der Künstlerin Brigitte Nolden ist vieles miteinander verwoben: die Kindheit mit dem Alter, die Talente von Großvater und Vater mit den ihren, die frühkindliche Kriegserfahrung mit den heutigen in der Ferne, die Antike mit der Moderne.

Ihr Ausstellungstitel „Der Gesang der Sirenen“ in der Rellinger Rathausgalerie verweist auf Homers Odyssee, die sie schon als Kind so begeistert hat, dass sie das Versepos mit ihren Freundinnen im Wald nachgespielt hat. Verbindende, fixierende, verwebende Fäden sind in ihren Arbeiten immer wieder zu finden. Und manchmal stammen sie von den Sirenen, jenen mythischen Wesen, die die Zeit spinnen und die Seemänner mit ihrem Gesang ins Verderben locken.

Auf hohem zeichnerischem, malerischem und kompositorischem Niveau stellt hier eine Künstlerin aus, deren oft collagierte Arbeiten auf vielen Bedeutungs- und Zeitebenen mit dem Sirenen-Thema spielen. Der antike Mythos materialisiert sich hier und da in diffus geflügelten Wesen, meist aber ganz konkret in Alarmsirenen aus Metall.

Schwindet also die Poesie aus der technoiden Gegenwart? Und wie verlässlich ist der Zeitbegriff, wenn die 75-Jährige „Das Ende der Zeit“ durch einen kreisrunden, plastisch hervortretenden Himmelskörper verkündet, der für die Ewigkeit stehen könnte? Solchen Fragen entzieht sich die Künstlerin aus dem südlichen Hamburger Umland durch gelungene Mehrdeutigkeit.

Ältere Arbeiten hat die Künstlerin in einem erzählerischen Rhythmus gemeinsam mit neueren gehängt, vielfache Beziehungen entstehen untereinander. Eine Vitrine zeigt überaus kunstvolle Scherenschnitte, die ihr Großvater gefertigt hat, unter anderem von den Hexen auf dem Blocksberg in Goethes „Faust“.

Einen weiteren Ausstellungsteil bilden Werke aus ihrer Serie „Volksempfänger“ – als Verweis auf die eigene, aber auch auf die kollektive Geschichte, denn über Volksempfänger hörten Tausende über Radio BBC die Wahrheit über den Stand des Zweiten Weltkrieges. Auch ihre Mutter. Das älteste Bild stammt deshalb aus den 80er Jahren – ein aus dem Hintergrund blau aufleuchtendes Bild zusammenstürzender Häuserruinen im Funkenflug. Krieg in Harburg. Krieg auch in den aktuellen Krisengebieten, und die gefährliche Bootsfahrt bedrohter Menschen über das hoffentlich rettende Meer, über das einst der Held Odysseus kreuzte… Die Zeiten verschwimmen, die Phänomene kehren wieder bei Brigitte Nolden, und die früheren Helden sind zur grauen Masse erstarrt.

Ausstellung: Vernissage Do, 16.1., 19 Uhr, Rathaus, Hauptstr. 60, Rellingen, Mo–Fr 8.30–13 Uhr, Di auch 14–18 Uhr, Eintritt frei, bis 6.3.