Kreis Pinneberg

Wie ein Wedeler zum Wikipedia-Wächter wurde

„Ich will alles wissen“, sagt der pensionierte Lehrer Olaf Wuttke, der als Wikipedia-Autor tätig ist.

„Ich will alles wissen“, sagt der pensionierte Lehrer Olaf Wuttke, der als Wikipedia-Autor tätig ist.

Foto: Thomas Pöhlsen

Der pensionierte Lehrer und Grünen-Politiker Olaf Wuttke arbeitet als Autor und Administrator für das bekannte Internet-Lexikon.

Wedel.  Sich Wissen zu erarbeiten, Wissen zu verbreiten, das ist die Passion von Olaf Wuttke. Als Lehrer hat er Geografie, Geschichte und Politik an Oberstufen in Hamburgs Westen unterrichtet. Seit 15 Jahren sucht er sich mit Wikipedia ein größeres Publikum.

Er schreibt nicht nur für das Online-Lexikon, sondern sorgt als Administrator auch dafür, dass Fehler eliminiert und schlechte Texte gelöscht werden. Ein echter Wikipedia-Wächter. „Ich bin universell interessiert und fuchse mich gern ein“, sagt der Wedeler. „Ich will alles wissen.“

Erster Kontakt: Wuttke will einen Artikel besser machen

Alles beginnt mit Adolf Jäger, dem legendären Fußballer von Altona 93. Wuttke, geboren in der Sternschanze und lange in Alt-Altona zu Hause, ist enttäuscht über den Wikipedia-Eintrag. „Da wusste ich aus dem Stegreif mehr“, sagt er rückblickend. Der engagierte Mann, den heute viele Wedeler als Sprecher der Grünen-Ratsfraktion kennen, beginnt zu recherchieren und schreibt seinen ersten Text für Wikipedia.

Dass kann der Interessierte machen, ohne Mitglied zu sein. Doch der Pädagoge hat eine Leidenschaft entdeckt und wird am 26. Februar 2005 Mitglied. Anfangs orientiert er sich an seinen Vorlieben und den Fachgebieten seiner Lehrertätigkeit.

Vom Wikipedia-Eintrag zum Autor eines Fußball-Magazins

Er schreibt über die Geschichte und die Industrialisierung von Altona sowie über das Wedeler Autal. Als Beinahe-Profikicker, der es bis in die zweite Holländische Liga geschafft hatte, liegt ihm auch die wichtigste Nebensache der Welt am Herzen.

Seine Wikipedia-Texte gefallen den Machern von „Zeitspiel“ so gut, dass sie ihn als Autor für das Magazin für Fußball-Zeitgeschichte engagieren.

Vier Stunden Wikipedia-Arbeit pro Werktag

Wenn er ein neues Thema anpackt, steht zuerst die Recherche in Lexika, Büchern und Periodika an. Dem gedruckten Wort vertraut Wuttke mehr als der Information aus dem Internet. Sein Haus gleicht einer Gelehrtenstube. In drei Zimmern zieren große Bücherregale die Wände. 1200 Artikel hat er geschrieben. Aktuell redigiert, recherchiert und schreibt er vier Stunden pro Werktag.

Die rund 8000 angemeldeten Schreiber bei Wikipedia Deutschland verfügen unterhalb der für Nutzer sichtbaren Artikelebene über eine zweiten Ebene, auf der sie intensiv untereinander kommunizieren. Dort werden auch die Administratoren ausgewählt.

Wikipedia-Autoren tauschen sich untereinander aus

Eine Zweidrittelmehrheit muss ein Kandidat bekommen, danach sich regelmäßig wieder dem Votum der anderen Schreiber stellen. Dabei gibt es durchaus Gegenstimmen. „Man macht sich mit dieser Arbeit nicht nur Freunde“, erklärt Wuttke.

Wuttke hat das Recht, Artikel zu löschen. Wenn Texte verändert werden, muss das nicht immer die Zustimmung anderer Autoren finden. Es entwickeln sich sogenannte Edit-Wars, die Seite wird immer wieder verändert. Wuttke kann dies stoppen, in dem er die Seite sperrt.

Die Wikipedia-Autoren reden übrigens auch außerhalb der virtuellen Welt miteinander. Es gibt etliche Stammtische. Auf Initiative Wuttkes auch in Wedel.

Wuttke schreibt auch für die französische Wikipedia-Ausgabe

Er ist nicht nur Mitarbeiter der deutschen, sondern auch der französischen Wikipedia-Ausgabe. Die Liebe zu der Sprache und Kultur der Menschen jenseits des Rheines wurde ihm in die Wiege gelegt. Seine Eltern sprachen fließend Französisch. Heute kann sich Wuttke nur wenig Schöneres als einen Urlaub in der Bretagne vorstellen.

Nach Wedel kamen Wuttke und seine Lebensgefährtin zufällig. In Altona hatten sie eine Wohnung. Zu ihrem Garten war es jedoch ein weiter Weg. Für ihren vermutlich letzten Umzug suchten sie ein Haus mit einer schönen Gartenfläche – und wurden in Wedel fündig.

Auswahl der Themen nach persönlicher Vorliebe

Bei der Auswahl der Themen geht Wuttke nach wie vor persönlich vor. So hat die Liebe zum französischen Chanson zahlreiche Artikel entstehen lassen. Wer weiß schon, dass das Café Puschkin in Moskau, von dem in dem Chanson „Nathalie“ von Gilbert Bécaud die Rede ist, zur Zeit der Veröffentlichung 1964 gar nicht existierte. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hatte ein findiger Gastronom die Idee, sein Café so zu benennen.

Und als Gilbert Bécaud für Konzerte in die UdSSR kam, wurde ihm als Begleiterin eine junge Dame namens Nathalie an die Seite gestellt. Ob sie tatsächlich so hieß, blieb ungeklärt. Diese kleinen Anekdoten und Geschichten hinter der Geschichte faszinieren Wuttke.

Manche Wikipedia-Artikel sind „grottenschlecht“

Über die Qualität mancher Artikel kann der 69-Jährige lange referieren. „Einige sind grottenschlecht“, sagt er. In den Sommerferien hat der Administrator besonders zu tun. Schüler langweilen sich und schlagen die Zeit mit Artikelschreiben tot.

Er hat einen Tipp, wie gute Artikel identifiziert werden können. Wenn sie oben rechts mit einem grünen Stern oder einem „L“ gekennzeichnet sind, handelt es sich um Seiten, die von den anderen Schreibern als herausragend klassifiziert worden sind. Und Wuttke kann auf einige seiner Artikel verweisen, die diese Auszeichnungen zieren.

Wikipedia gibt es in knapp 300 Sprachen

Wikipedia ist ein gemeinnütziges Projekt zur Erstellung einer Enzyklopädie im Internet. Das Nachschlagewerk ist frei zugänglich und wird von den Nutzern aufgebaut und gepflegt. Wikipedia wurde Anfang 2001 gegründet.

Die Wikimedia Stiftung in den USA ist die Muttergesellschaft, die für die technische Infrastruktur und Entwicklung der Webseite verantwortlich ist.

In Deutschland wird das Online-Lexikon von einem Verein betrieben. Wikipedia gibt es in knapp 300 Sprachen, unter anderem in Friesisch und Alemannisch. Anfang 2019 vermeldete der „Brockhaus im Internet“ knapp 50 Millionen Artikel weltweit. Sie ist die einzige nichtkommerzielle Website unter den 50 meistgeklickten Seiten weltweit.

Regelmäßig organisiert Wikipedia Spendenaktionen, aus denen ein Großteil des Betriebes finanziert wird. Großspender sind Unternehmen und Personen aus der New Economy.