Pinneberg
Quickborn

Absturz im Himmelmoor – eine Spurensuche

Geschichtsforscher Matthias Fischer-Willwater hat dem Schicksal David A. MacKenzies nachgespürt.

Geschichtsforscher Matthias Fischer-Willwater hat dem Schicksal David A. MacKenzies nachgespürt.

Foto: Burkhard Fuchs

Heimatforscher haben das Schicksal eines US-amerikanischen Piloten aufbereitet, der im April 1945 über Quickborn abgeschossen worden ist.

Quickborn. Es ist am Ende des Zweiten Weltkrieges. Eine US-Bomberstaffel mit etwa 20 Flugzeugen, in England gestartet, fliegt im April 1945 einen Angriff auf Hamburg. Dabei verliert eine Maschine den Anschluss und wird abgeschossen. Sie stürzt am Rande des Himmelmoores in Quickborn ab. Der Pilot kann sich mit einem Fallschirm retten, überlebt und wird verhaftet. Es ist Leutnant David A. MacKenzie, 24 Jahre jung; vor fünf Jahren ist er im Alter von 93 Jahren nahe Boston in den USA gestorben. Nach Quickborn ist der frühere Bomberpilot nie wieder zurückgekehrt.

Dass sein Schicksal nun historisch aufgearbeitet worden ist, hat er nicht mehr miterlebt. In jahrelanger Recherche haben mehrere Heimatforscher dem Fall nachgespürt. Der Quickborner Matthias Fischer-Willwater, der 1993 von einem Zeitzeugen von diesem spektakulären Flugzeugabsturz im Krieg erfahren hatte, hat die Geschichte mit Dokumenten, Interviews, Zeitzeugenberichten, Korrespondenz und Bildern zusammengetragen.

Das Wrack der abgeschossenen Maschine des Typs Mustang P51D liegt allerdings immer noch in der Erde in der Nähe der Heinrich-Hertz-Straße am Himmelmoor. Ein Reitstall ist inzwischen über die Absturzstelle gebaut worden. Die GPS-Koordinaten sind Willwater bekannt: 3558182 5956357.

Der Quickborner Landwirt Werner Jording, inzwischen verstorben, erzählte Willwater, der gerade aus Hessen nach Quickborn gezogen war, als Erster von der Geschichte. Jording war sein Nachbar, beide freundeten sich an. Jording erinnerte sich noch 50 Jahre später genau daran, wie er als 13-jähriger Junge vermutlich am 7. April 1945 gegen 13.30 Uhr aufs Feld gelaufen war und gesehen hatte, wie das Flugzeug völlig zerstört im morastigen Boden steckte. Die Pilotenkanzel fand man später zwei Kilometer entfernt. Was mit dem Piloten geschehen war, wusste er nicht. Jording dachte, er sei beim Absturz umgekommen.

Doch der konnte sich retten und war mit seinem Fallschirm ein Stück weiter im Himmelmoor gelandet. „Es ging wirklich außerordentlich komfortabel nach unten, und ich landete problemlos mitten auf einem Acker“, erinnerte sich der abgeschossene Pilot MacKenzie später an dieses Ereignis.

Wie es dazu gekommen war, beschrieb er so: „Die Elektrik meiner Maschine war getroffen, und das verursachte eine Menge Probleme. Zunächst begannen die Maschinenkanonen völlig unkontrolliert zu schießen. Ich konnte sie nicht stoppen. Der Propeller drehte sich immer schneller, und ich konnte nichts dagegen tun.“ Wahrscheinlich hatten die eigenen Leute das Flugzeug getroffen, die es mit einem ähnlich aussehenden deutschen Jagdflieger verwechselt haben könnten. Der Funkkontakt brach ab. „Dann spürte ich Brandgeruch. Da habe ich mich entschieden, auszusteigen“, berichtete MacKenzie.

Henri Goldstein gehörte zu den Augenzeugen

Seine Landung sahen Kriegsgefangene, die damals zum Torfstechen im Himmelmoor abkommandiert waren. Der Belgier Henri Goldstein, ein Jude, der diese Tortur überlebte und nach dem heute das gut erhaltene Lagergebäude im Himmelmoor benannt ist, das ein Förderverein zur 13. NS-Gedenkstätte in Schleswig-Holstein umgestalten möchte, erinnerte sich in seinen Memoiren daran: „Er fiel er in etwa 300 Meter Entfernung zur Erde, und der Vorarbeiter sah ihn sofort… Er war ein großer Bursche, in prächtigem Lederanzug. Er hatte Mühe, sich aus den Seilen seines Fallschirms zu befreien….. Er reichte mir ruhig die Hand und sagte: ‚American‘.“ Dann sei er von den Aufsehern geschlagen und überwältigt worden. Aber MacKenzie blieb cool, wie Goldstein beobachtete. „Der Flieger nutzte die Gelegenheit und steckte sich ruhig eine Zigarette an.“ Dann sei ein Polizist mit Motorrad gekommen und habe ihn ins Gefängnis an der Marktstraße gebracht.

Das deckt sich mit MacKenzies eigener Erinnerung. Als er nach dem Rettungssprung am Boden war, „standen acht bis zehn ziemlich aufgebrachte Bauern um mich herum. Nach einer Weile tauchte ein Polizist auf, der für Ruhe sorgte. Er war auf einem Kleinmotorrad gekommen, beruhigte erst mal die Bauern und wies mich dann an, hinten auf sein Motorrad zu steigen, fuhr dann zu einem Privathaus und danach zum Gefängnis der Stadt. Ich hätte ihn erwürgen können, denn ich saß hinter ihm, und er war unbewaffnet. Aber mir war klar, dass ich zu tief in Deutschland steckte, um zu entkommen.“

MacKenzie wird zunächst in ein Gefängnis in einer kleineren Stadt, vermutlich Barmstedt, gebracht, und später über Hamburg mit einem Viehwaggon ins Straflager nach Barth an der mecklenburgischen Ostsee transportiert. MacKenzies Eindruck auf dieser Fahrt von den deutschen Soldaten: „Die Deutschen schienen ziemlich fertig zu sein und sehr entmutigt, was den Krieg anging. Die Dinge standen nicht so, wie sie sein sollten. Das alles hörten wir nachts und während der ganzen Bahnfahrt. Die Jungs bemitleideten sich gegenseitig, was ihr Schicksal anging.“ Im Mai 1945, als der Krieg zu Ende ist, wird MacKenzie wie etwa 9000 andere dort gefangene US-Piloten nach Hause geflogen.

All das kam erst durch die jahrelange Recherche von Olaf Weddern vom Verein „Spurensuche“ sowie Peter Gudelius und Willwater aus Quickborn vor etwa zehn Jahren heraus. Ende 2007 und Anfang 2008 gruben sie mit Schaufeln im tiefen Morast am Himmelmoor, wo sie die Absturzstelle vermuteten. Dabei entdeckten und bargen sie Weltkriegsmunition und Teile der Maschine mit einer Registriernummer, auf der sich noch eine Flugbenzinlache befand. Dank einer US-Militärorganisation konnte die Maschine dann MacKenzie zugeordnet werden, und die Quickborner Spurensucher bekamen die Nachricht: „MacKenzie lebt.“ Gudelius schickte ihm Wrackteile in die USA.

„Mein Großvater war natürlich überwältigt“, schrieb sein Enkel zurück nach Deutschland. Der inzwischen 88-Jährige, hatte nie wieder danach ein Flugzeug geflogen hatte, sei „ein bemerkenswerter Mann, und obwohl er nicht bei bester Gesundheit ist, bleiben sein Geist und sein Witz bezaubernd stark.“