Pinneberg
Handel

Pinneberg verliert ein Stück seiner Stadtgeschichte

Schmuckstück an der Schauenburgerstraße: Die schiefergedeckte, denkmalgeschützte Fabrikantenvilla auf dem Gelände des Holzhandels Warncke.

Schmuckstück an der Schauenburgerstraße: Die schiefergedeckte, denkmalgeschützte Fabrikantenvilla auf dem Gelände des Holzhandels Warncke.

Foto: Nico Binde (FMG) / HA

Nach 186 Jahren hört Holzhandel Warncke auf. Was aus der städtebaulich wertvollen Villa und dem 1,9 Hektar großen Gelände werden soll.

Pinneberg. Sechs Generationen, 184 Jahre Unternehmensgeschichte: Es gibt einiges, worauf Holger und Peter Paulsen, die Inhaber der Pinneberger Holzhandlung Johann Heinrich Warncke, stolz sein können. Allein die unternehmerische Familienhistorie könnte ein Buch füllen. Doch nun haben die beiden Geschäftsführer der Firma dem Abendblatt bestätigt, dass sie Ende Dezember ihren traditionsreichen Holzhandel für immer schließen. Über die Gründe wollten sie zunächst nicht sprechen. Damit verliert Pinneberg aber nicht nur einen alteingesessenen Familienbetrieb. Auch die Zukunft des teilweise denkmalgeschützten Ensembles ist ungewiss. Momentan wird es über ein Immobilienportal zur Miete angeboten.

Die Schauenburger Straße entlang der Bahngleise hat durch umfangreichen Abriss und viele neu gebaute, mehrgeschossige Wohnungen ihr ursprüngliches Gesicht zum größten Teil verloren. Nur Warnckes hübsche, fünfachsig gebaute, schiefergedeckte Fabrikantenvilla mit Zierfachwerk im Giebel ist noch immer das Schmuckstück der ganzen Straße. Wie sie steht auch das darauf folgende Wohnhaus nebst Pferdestall und Wagenremise unter Denkmalschutz. Ein Blick in die Geschichte zeigt, warum.

Zum Richtfest der Villa wurde Vatermörder getragen

Gebaut hat die Villa im Jahr 1904 der Zimmerei- und Bauunternehmer Jürgen Hinrich Warncke, der beim Richtfest einen schwarzen Zylinder und einen Vatermörder zum schwarzen Anzug trug. Sein Vater Franz Nicolaus Warncke hatte bereits 1835 an der Koppelstraße gegenüber dem damaligen Gefängnis eine Zimmerei gegründet und zog sieben Jahre später in den hölzern verkleideten Holzlagerschuppen an der Unterführung Rübekamp. Er steht dort noch immer und wirkt wie eine wackelige Western-Kulisse.

Davon schreibt Klaus May in seinem Aufsatz über die Firma J.H. Warncke im Buch „Eisen, Gummi und Emaille - alte Industrie in Pinneberg“, das die VHS Geschichtswerkstatt 2007 herausgebracht hat. Mit der Unternehmensgründung an der Schauenburger Straße machte sich Sohn Jürgen Hinrich 1869 selbstständig und bereute es nicht. Schnell ging es mit dem Geschäft bergauf, Warncke junior bekam große Aufträge, baute Betriebs- und Wohnhaus der Magin’schen Fabrik am Damm, die Rektorschule an der Bahnhofstraße, die großen Fabrikgebäude der Wupperman’schen Emaillefabrik an der Schauenburger Straße, Herrenhaus und Scheune auf dem Schäferhof, die Haselauer Kirche und den Kaltenkirchener Bahnhof in Eidelstedt. Nebenher wurde florierender Handel mit Grundstücken und Holz betrieben.

Unterehmerisches Talent hatte alle Warnckes

Das unternehmerische Talent war den Warnckes in die Wiege gelegt worden, harte Arbeit tat ihr Übriges, und natürlich der Anschluss des Pinneberger Bahnhofes an das deutsche Eisenbahnnetz im Jahr 1866. „Dies war eine wichtige Voraussetzung für die Umorientierung der Wirtschaft der Herzogtümer auf den deutschen Wirtschaftsraum nach der Loslösung von Dänemark 1864 und der Eingliederung in Preußen 1867“, schreibt Reinhard Schlifke in einem Aufsatz zur Dauerausstellung Wirtschaft im Pinneberg Museum.

1891 übernahm Filius Johann Heinrich Warncke die Firma. In Elmshorn und Pinneberg baute er zunächst noch mehrere große Gebäude wie die Metzger’schen Lederfabriken, die ersten Fabrikbauten der Firma Wille oder das Pastorat in der Bahnhofstraße. Dann gab Warncke das Zimmerei- und Baugeschäft ab und konzentrierte sich auf den Holzhandel, den die Firma bis heute fortführt.

Es ging fast durchgängig bergauf mit der Firma

Da das Unternehmen beständig expandierte, wurde das Firmengelände von der Moltkestraße entlang der Bahngleise bis zum Rübekamp erweitert, wo ja noch das Lagerhaus des Großvaters stand. Die sieben Schuppen, die er baute, waren alle mit dreigleisigem Bahnanschluss versehen, schreibt Klaus May. 1922 eröffnete Warncke zudem eine Dampfsägerei mit dazu gehörigem Hobelwerk.

In den 30er-Jahren arbeiteten 60 Menschen bei ihm, Zwischendurch schlug allerdings die Wirtschaftskrise zu. Der ehemalige Lehrer und Regionalhistoriker Johannes Seifert schreibt in einem Aufsatz über die Veränderungen in den Pinneberger Industriebetrieben, dass Warnckes Holzhandlung im Jahr 1925 nur 30 Leute beschäftigte, elf Jahre aber später schon wieder 76 Arbeiter und Angestellte.

Rasant ging es also bergauf. 1937 hatte sich die Firma „zu einem der bedeutendsten Unternehmen seiner Branche in Norddeutschland entwickelt“, schreibt Klaus May. Da ging die Firma an den Neffen von Johann Heinrich über. Der hieß Hinrich Paulsen und importierte und vertrieb nach und nach Hölzer aus fast allen Kontinenten, was ebenfalls bis heute so geblieben ist.

Das Ensemble soll vermietet werden – ganz oder teilweise

Seit 1972 war dessen Sohn Harald Paulsen dort Geschäftsführer, unterstützt von seinen beiden Söhnen Holger und Peter. An ihre internationale Kundschaft liefern sie bis in die Gegenwart Holz in hoher Qualität aus Skandinavien, Frankreich, Osteuropa, den USA und Kanada, aus Afrika und Asien. Auch haben sie Holzwerkstoffe und andere Holzprodukte in ihr Sortiment aufgenommen.

Nun geht die Geschichte dieses im Grunde durchgängig erfolgreichen mittelständischen Pinneberger Holzhandels zu Ende. Im Internet wird die umfangreiche Gewerbe-Immobilien am Bahnhof bereits zur Anmietung angeboten (siehe Infotext) - im Ganzen oder in Teilen. Bezugsfertig soll sie vom ersten Januar des kommenden Jahres sein.