Pinneberg

Supermarkt testet Bezahlen direkt am Regal

Projektentwickler David Scharfschwerdt von dem Start-up-Unternehmen Koala steht an der Fast Lane von Edeka Meyer in Pinneberg.

Projektentwickler David Scharfschwerdt von dem Start-up-Unternehmen Koala steht an der Fast Lane von Edeka Meyer in Pinneberg.

Foto: Katja Engler

Der neue Service von Edeka Meyer in Pinneberg ist bundesweit einmalig. Eine Elmshorner Firma hat das digitale Bezahlsystem entwickelt.

Pinneberg/Elmshorn.  Einkaufen ohne Schlangestehen und ohne den Geldbeutel zücken zu müssen - das war bisher Zukunftsmusik in Deutschland. Jetzt hat das Mini-Team eines kleinen Elmshorner Start-up-Unternehmens eine neue Technologie entwickelt, die von Freitag an bei Edeka Meyer an der Friedrich-Ebert-Straße in Pinneberg ausprobiert werden kann (wir berichteten). Noch sind die beiden Jungunternehmer der betreffenden Firma Koala zurückhaltend, noch verweisen sie darauf, dass sie aus den Erfahrungen, die sie dann machen werden, lernen müssen und ihre Technologie daran anpassen.

Fest steht schon jetzt: Deutschlandweit sind sie damit nach eigener Aussage die Ersten. Über ihre App namens Koala können Kunden bargeldlos einkaufen, ohne an der Kasse warten und dort alles nochmal auspacken zu müssen.

Koala-App für das Smartphone

Und das geht so: Die Koala-App kann sich jeder auf sein Smartphone runterladen. Wer über 18 Jahre alt ist, kann sich darüber einmalig im Supermarkt anmelden und fortan per Smartphone einkaufen und bezahlen. Der Strichcode, der sich auf jedem Produkt befindet, muss nur einmal vor die Smartphonekamera gehalten und registriert werden, mehr nicht. Ist der Einkaufswagen gefüllt, gehen die Kunden zur sogenannten „Fast Lane“ (auf Deutsch: Überholspur) neben den Kassen, halten ihr Telefon an einen Scanner und können dann sofort, den „Kassenzettel“ auf dem Telefon, den Markt verlassen.

Marktinhaber Jörg Meyer, der bei der vor einem Jahr gegründeten Firma Koala als sogenannter Business Angel fungiert, ist total begeistert von seinem neuen Angebot: „Wir sind schon jetzt davon überzeugt. Wir sind da jetzt Vorreiter, und wir werden das weiter machen“, sagt er.

Komplizierte Technik bei der Selbstscanner-App

Aus vielerlei Gründen hat er das Smartphone-Angebot gemeinsam mit den beiden Männern entwickelt, die hinter Koala stehen: dem Softwareentwickler David Scharfschwerdt (34) und dem Betriebswirt Christoph Schönfelder (33), die beide aus Elmshorn stammen und einander seit 15 Jahren kennen. Sie haben bereits eine Firma für Softwareentwicklung, in der ein fünfköpfiges Team die Technologie erarbeitet hat. Sie heißt FESforward.

Im selben Büro an der Straße Klostersande haben sie Anfang des Jahres ihre neue Firma Koala gegründet.

Mehr als ein Jahr Versuch und Irrtum stecken in der Verfeinerung der Selbstscanner-App. Am aufwendigsten sei die Technik im Hintergrund gewesen, darin steckt laut Christoph Schönfelder die meiste Arbeit. In der Branche wird offenbar sehr aufmerksam auf das geschaut, was auf diesem Sektor neu entsteht: Aus 150 Bewerbern wurden die Elmshorner Gründer als eines von sechs Start-ups ausgewählt, um am Programm der Hamburger Firma Next Commerce Accelerator (NCA) teilzunehmen. Hinter NCA stehen große Hamburger Investoren, die auf personalsparende Lösungen wie Koala warten.

Supermärkte haben oft Schüler an den Kassen

Warum das so ist, davon kann Jörg Meyer ein Lied singen. Wie er, stehen fast alle Supermarktbetreiber vor dem permanenten Problem, genügend Personal zu finden, insbesondere für den Job an der Kasse, die ja, je nach Markt, mitunter bis Mitternacht besetzt sein muss. In den Genuss der Vorteile, die die langen Öffnungszeiten im Einzelhandel mit sich bringen, kommt zum Beispiel jeder, der unregelmäßige Arbeitszeiten hat und nicht zu üblichen Zeiten einkaufen kann.

Auch dass an den Supermarktkassen landauf, landab abends, am Wochenende und in den Ferien immer häufiger Schüler oder Studierende sitzen, ist nicht zu übersehen. Dass die dann bei gutem Wetter zum kurzfristigen Absagen neigen, stellt die Märkte vor ein nervenaufreibendes Dauerproblem.

Die Bedrohung, dass die neue Technologie die Arbeitsplätze an der Kasse auf Dauer komplett ersetzen könnte, sieht Jörg Meyer überhaupt nicht: „Die Kassierer werden auf keinen Fall aussortiert. Bei uns wird es immer Kassierer und Personal geben. Das wird hier kein Roboterladen werden“, versichert er. Meyer hat die App maßgeblich mitentwickelt, und zwar, indem er vom Kundeninteresse ausgegangen ist. Er möchte zum Beispiel dass seine allein rund 400 Kunden, die in ihrer knappen Mittagspause in seinen Markt hetzen, diesen so komfortabel wie möglich zu verlassen.

Künftig ist personalisierte Werbung denkbar

Für Werbung gibt Meyer nach eigener Aussage jährlich eine Summe „im Millionenbereich“ aus. Dieses Geld will er künftig besser nutzen, indem er seinen Kunden, deren Konsum-Vorlieben das Koala-System erkennt, im Markt Rabatte für besonders häufig gekaufte Produkte direkt aufs Smartphone schickt.

Das ist vorerst Zukunftsmusik. Ebenso wie die Supermärkte, wie sie in New York oder Paris zu finden sind, die 24 Stunden an sieben Tagen pro Woche geöffnet haben. Für solche Angebote könnte die Koala-Technologie interessant sein, ebenso für normale Supermärkte in den späten Abendstunden, in denen sich das fest angestellte Personal künftig besser erholen kann, als in Schichten an der Kasse zu arbeiten.

Koala sei keine spezifische Edeka-Lösung, sagt Scharfschwerdt. „Das ist auch für andere Märkte denkbar, sobald alles gescannt werden kann.“ Sollte der einmonatige Versuch gut laufen, will Meyer bald seine übrigen Märkte damit ausstatten. Das nächste Ziel für Koala lautet dann: Hamburg.