Pinneberg
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Cha-Cha-Cha: Wie ein Tanzlehrer den Schulsport aufmischt

Schülerin Celina (16) übt Cha-Cha-Cha mit Tanzschullehrer Lars Leseberg.

Schülerin Celina (16) übt Cha-Cha-Cha mit Tanzschullehrer Lars Leseberg.

Foto: Katja Engler

Wie-ge-schritt: Projekt an Pinneberger Schule vermittelt Jugendlichen Kompetenzen abseits des Unterrichts. Welche das sind.

Pinneberg. Kein Bock, sagt der Junge und legt sich erst mal auf den Turnhallenboden. Die ganze Woche war schon Mist. So viel Arbeit, jammert ein zweiter, während der Sportlehrer überall die Handys einsammelt. 50 Schüler strömen in die Halle. Sportstunde an der Johann-Comenius-Schule in Pinneberg. Der, der keinen Bock hat, steht bald wieder auf, weil seine Kumpels schon zu den anderen gegangen sind. Der Klagende geht mit. Denn jetzt kommt etwas Besonderes: Tanzstunde mit Lars Leseberg (43), einem externen Profi. Und damit zwei Stunden, in denen sich Jungen und Mädchen zwanglos begegnen, alle miteinander tanzen und das, was so viel Extra-Stress macht bei Heranwachsenden, in den Hintergrund tritt.

Sachte und respektvoll gehen sie miteinander um, während sie Cha-Cha-Cha und Wie-ge-schritt üben. Je länger die Stunde dauert, desto glücklicher und gelöster sind die Gesichter ringsum. Leseberg betreibt seit 16 Jahren in Pinneberg eine eigene Tanzschule. Insbesondere bei Jugendlichen, stellt er mit Begeisterung fest, ist Tanzen immer angesagter: „Wir haben einen stetigen Zuwachs an jungen Menschen. Seit 2012 ist bei ihnen Tanzen wieder wahnsinnig im Kommen.“

Zwischen 400 und 500 junge Menschen besuchen wöchentlich seine Tanzschule, insgesamt hat er rund 1000 Mitglieder. Leseberg ist ein großer Mann mit lauter Stimme. Locker und beweglich geht er mit den Teenagern um.

Am Anfang hat Leseberg noch bei Schulen Klinken geputzt

Hussein (16) ist am Rand sitzen geblieben. Er hat sich am Bein verletzt, hat aber die übrigen Doppelstunden mitgemacht: „Das hat Spaß gemacht. Hätte ich nicht gedacht, weil Tanzen eigentlich nicht mein Ding ist. Es war schwer, aber schön, weil man neue Schritte gelernt hat“, sagt Hussein. Mit den Mädchen sei es komisch gewesen: „Die waren viel besser als die Jungs. Aber irgendwann war das nicht mehr so wichtig.“

Auch Joel (14), der gerade mit Jemima (14) getanzt hat, macht das Cha-Cha-Cha-Tanzen „sehr viel Spaß“. Er findet es gut, dass er jetzt mit Schülern aus zwei Klassen tanzen kann, denn hier kommen 50 Jugendliche der neunten Klasse zusammen. „Hier tanzt jeder mit jedem, und alle ungefähr gleich gut“, stellt er fest. „Aber so wird das ein Stück persönlicher, da kennt man sich danach ein Stück näher.“ Das sieht auch Jemima so: „Wenn man sich beim Tanzen gegenübersteht, kommt man ins Gespräch. Man redet miteinander, ohne vorher Kontakt gehabt zu haben. Das wirkt sich auf die Klassengemeinschaft aus.“

Initiator des Ganzen ist Lars Leseberg, der 2003 die Tanzschule an der Elmshorner Straße von den Vorgängern Hauschild und Henning übernommen hat und seitdem Menschen von sieben bis 80 plus das Tanzen beibringt oder für sie Tanzveranstaltungen anbietet. Klar spiele auch das Fernsehen eine Rolle beim aktuellen Tanzboom: „Let’s Dance ist ein großartiges Format“, sagt er. Auch würden Tanzvideos über die Smartphones viel stärker verbreitet. Das sei gut fürs aktive Tanzen.

„Jugendliche müssen schnell zum Erfolg kommen“

Bei Jugendlichen müssten Lehrer ein paar Grundregeln einhalten: „Sie müssen schnell zum Erfolg kommen. Wenn sie etwas nicht verstehen, steigern sie sich ins Versagen. Motorisch muss es also beim ersten Mal klappen.“ Das weiß er aus Erfahrung, schließlich macht er das schon seit zehn Jahren. Nicht des Geldes wegen, denn so hoch sind die Honorare nicht.

Er macht es aus Berufung, weil Tanzen ein Kulturgut ist, und weil er für sein Leben gern Anfänger unterrichtet. Warum? Weil er da die kleinsten motorischen Fortschritte sieht, und weil ihn die Altersgruppe reizt. Die Herausforderung, „alle aus der coolen Reserve zu locken, die am Ende Tanzen mit einem positiven Erlebnis verbinden“. Tanzen sei insbesondere für Jungen eine schwierige Erfahrung, weil es da die Angst vor der eigenen Blamage gebe: „Ich wollte selbst doch auch nur cool sein, als ich so alt war“, erinnert er sich.

Am Anfang hat er noch die Klinken der Schulen geputzt, weil er „möglichst vielen Leuten das Tanzen beibringen wollte“. Tanzen zu erfahren sei etwas total anderes, als es im Fernsehen zu sehen. Die Schuldirektorin Uta Holst-Timm von der Johann-Comenius-Schule sagt, sie habe sehr gute Erfahrungen mit Lesebergs Tanzunterricht gemacht: „Er kann das schwierige Thema Tanzen in einem etwas schwierigen Alter zwanglos vermitteln.“ Ein Lehrer sei für 13- bis 17-Jährige jemand, der benote und an dem sich die Schüler abarbeiteten. „Jemand von außen, für den das ein Lebenselixier ist, bringt das ganz anders rüber“, sagt die Direktorin.

Sportlehrer sind hochzufrieden mit dem Unterricht des Tanzlehrers

Sportlehrer Burchhard Dierks ist hochzufrieden mit Lesebergs Unterricht: „Bewegungserfahrungen sind wichtig. Die Schüler müssen möglichst viel kennenlernen. Wir wollen ihnen damit Möglichkeiten aufzeigen, was sie später selbst machen können. Das Tanzen ist dabei ein Baustein.“

Koordination, Schritte, Rhythmus, Takt – dieses Jahr hat sein Lehrerkollege Benjamin Haugk die Leseberg-Kooperation angeleiert: „Wenn die Coolen tanzen und das gut aussieht, öffnet das ja die Türen, und das Klischee, Tanzen sei etwas für Mädchen, ist aufgehoben“, sagt Haugk. Anfangs habe es noch doofe Kommentare und viel Unsicherheit gegeben -- „aber jetzt sind alle offen und zugewandt.“