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Als Herr Schröder aus Rellingen Mozart und Lessing traf

Die Statue des Schauspielers, Tänzers und Choreografen Friedrich Ludwig Schröder im Wiener Burgtheater

Die Statue des Schauspielers, Tänzers und Choreografen Friedrich Ludwig Schröder im Wiener Burgtheater

Foto: Pressestelle Wiener Burgtheater

Tänzer, Sänger, Schauspieler, Choreograf und Autor Friedrich Ludwig Schröder war einer der bekanntesten Theatermacher seiner Zeit.

Rellingen.  Geben Sie Gedankenfreiheit! Unerhört war das, was Schiller in seinem Stück „Don Karlos“ (1787) den Marquis von Posa vom spanischen König fordern ließ. Gedankenfreiheit gewährte im 18. Jahrhundert kaum ein Herrscher, für Gedankenfreiheit riskierten literarische Helden den Tod, doch der Philosoph Immanuel Kant definierte die Aufklärung bereits als „Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“. Ein Rellinger namens Friedrich Ludwig Schröder (1744–1816) war es, der Schillers aufklärerisches Stück „Don Karlos“ erstmals in Hamburg an seinem dortigen Theater aufführte. Schröder wollte auch Schiller nach Hamburg holen, weil er spürte, dass mit ihm ein neuer Geist das Theaterleben der Kaufmannsstadt belebt hätte. Allein: Schiller blieb lieber in Weimar bei seinem älteren Freund, dem Dichterfürsten Goethe.

Ein Rellinger also. Schröder, der als Tänzer, Sänger, Schauspieler, Choreograf, Autor und Komponist ein ausgemachter Theater-Tausendsassa war, verbrachte seine rund 20 letzten Lebensjahre in dem Ort und lud viele prominente Gäste in sein Landhaus an der Rellinger Hauptstraße ein; es wurde 1923 abgerissen. Er verkehrte mit Herder, Wieland, Klopstock und Mendelssohn, er arbeitete mit Mozart, Lessing, Conrad Ekhoff und Schiller. Über Schröder, diesen einst so berühmten, womöglich besten deutschen Schauspieler und Theaterreformator seiner Zeit, den heute kaum noch jemand kennt, wird am 13. Dezember in der Galerie Uhlig ein Vortrag zu hören sein – in Erinnerung an einen Mann, dem das Theaterleben in Deutschland bis heute nachwirkende Impulse verdankt.

Schröder war auch Freimaurer

Darüber hinaus war Schröder Freimaurer, stand in der Tradition des Humanismus und hat seinerzeit das deutsche Freimaurer-Ritualsystem weiterentwickelt. Auf dem Althamburgischen Gedächtnisfriedhof in Ohlsdorf liegt noch heute seine Grabplatte, die erst später dort hingelangte. Von seinem Rellinger Haus wurde sein Leichnam nach Hamburg gefahren, viele Menschen standen am Straßenrand, bis er auf dem Jacobikirchhof begraben wurde.

Im Verlauf seines späteren Lebens gründeten die Logen, in denen Schröder aktiv war, auf seine Anregung hin einige wohltätige Einrichtungen, zum Beispiel eine Unterstützungskasse für notleidende Brüder, eine für Witwen, eine Kinderstiftung, das Freimaurer-Krankenhaus (heute Elisabeth Alten- und Pflegeheim von 1795) und eine Pensionskasse für Schauspieler.

Die ungeheure Energie, die Schröder aufbaute, entwickelte er als Kleinkind. Seine Mutter hatte in zweiter Ehe den gebildeten, reformerischen Theatermann Konrad Ernst Ackermann geheiratet, der nicht sein Vater war und der mit seiner Tourneetruppe landauf, landab auftrat. Der kleine Friedrich Ludwig zog gezwungenermaßen mit, trat als Dreijähriger erstmals als „Sinnbild der Unschuld“ auf und rührte das Publikum zu Tränen.

Zunächst als fahrende Schauspieler unterwegs

Zunächst war die Theaterfamilie also als fahrendes Volk mit dem Thespiskarren unterwegs durch Deutschland - mit Lustspielen, Schwänken und dann mit den ersten bürgerlichen Trauerspielen. Ackermann lernte den junge Lessing kennen, Stiefsohn Friedrich Ludwig Schröder spielte 1755 als Zehnjähriger ein Mädchen bei der Uraufführung von Lessings Stück „Miss Sarah Sampson“ in Frankfurt an der Oder.

Zehn Jahre später baute Vater Ackermann auf dem Grundstück der Hamburger Oper am Gänsemarkt ein eigenes Theater, das zusammen mit weiteren Enthusiasten das erste deutsche Nationaltheater werden sollte. Dramaturg war von 1767 bis 1769 Gotthold Ephraim Lessing, dessen lässig sitzende Statue auf dem Hamburger Gänsemarkt noch heute in Richtung des damaligen Theaters blickt. Leider ging die idealistische Unternehmung schnell pleite.

Von 1769 an wagte Schröder aber einen zweiten Aufschlag. Er übernahm die künstlerische Leitung und 1771 die Direktion – für zehn Jahre war er dann Theaterleiter, Regisseur, Dramaturg, Schauspieler und Autor. Zeitweise verdiente er sich eine goldene Nase mit der Bühnenkunst, zeitweilig war es existenzbedrohend schwierig. Mit Goethes „Clavigo“, „Götz von Berlichingen“, Lessings „Emilia Galotti“ und vielen anderen Stücken seiner jungen Zeitgenossen feierten er, seine Schauspieler und die Autoren Erfolge, die ihren Ruhm verbreiteten.

Schröders unehelicher Sohn wurde Jurist

In diese Zeit fiel auch seine Heirat mit der Schauspielerin Anna Christina Hart, mit der er eine glückliche Ehe führte, die allerdings kinderlos blieb. Pikant ist das Detail, dass Schröder dennoch ein Kind hinterließ – von seiner Adoptivtochter Nannette, die zunächst mit dem Ehepaar in einem Haushalt lebte. Ihr unehelicher Sohn wuchs bei Schleswig auf, bekam den Namen Carl Friedrich Heiberg und wurde Jurist, Politiker, Buch- und Musikalienhändler und Publizist. Seine Nachfahren leben in Deutschland und in den USA.

Doch zurück zu Schröders Bühnenlaufbahn. Viel Publikum strömte wieder in sein Theater, als er 1776 das erste Shakespeare-Stück auf eine Hamburger Bühne holte: „Hamlet“. Regie: Friedrich Ludwig Schröder, der später selbst die Hauptrolle spielte. Es folgten viele weitere Shakespeare-Dramen und -Komödien in Hamburg, bis Schröder 1781 nach Wien an das dortige Burgtheater berufen wurde und dort unter den wohlwollenden Augen des Kaisers Joseph II vier Jahre blieb. Eine stattliche Marmorstatue in einer der vielen Künstlernischen an der Burg zeigt ihn noch immer als jungen Mimen. Spätestens in diesem Jahr lernte Schröder den aus Salzburg geflohenen jungen Mozart kennen, mit dem er oft zusammenkam, um über Texte und Libretti zu diskutieren.

Libretti für Mozart geschrieben

Erstmals war Schröder für Mozart tätig, als es um ein Libretto für eine vom österreichischen Kaiser Joseph II gewünschte „neue deutsche Oper“ ging. Daraus wurde, vom Titel her nicht sonderlich deutsch, „Die Entführung aus dem Serail“. Teile der Geschichte gingen auf eine Choreografie Schröders zurück, die dieser in der Geschichte „Belmont und Constanze“ von Christoph Friedrich Bretzner wiederfand. Schröder schlug Mozart die Geschichte vor, woraufhin dieser an seinen Vater Leopold schrieb: „Wenn es schröder leidet, daß man es herrichten darf wie man will, so kann ein gutes buch daraus werden.“

Hergerichtet hat es dann Johann Gottlieb Stephanie, der als Librettist in die Geschichte eingegangen ist. Uraufgeführt wurde „Die Entführung aus dem Serail“ 1782 am Burgtheater. Dirigent: Mozart. „Zu viele Noten“, soll der Kaiser hinterher gesagt haben. Mozart soll selbstbewusst erwidert haben: „Gerade so viel als nötig, Majestät“.

Interessant sind auch die Verbindungen, die Schröder zu den Sängerinnen an der Burg knüpfte. Dort lernte er Aloysia Lange kennen, die Schwester von Constanze, der Ehefrau Mozarts. Beiden hatte Mozart Gesangsunterricht erteilt. Schon 1784 machte die wunderbare Sopranistin Station in Hamburg, elf und zwölf Jahre später gastierte sie gemeinsam mit ihrer Schwester Constanze mit mehreren Konzerten in der Hansestadt. Die Kontakte hatte Friedrich Ludwig Schröder hergestellt.

Wie dem auch sei – die Hamburger Erstaufführung der Mozart-Oper war 1787 ein Erfolg am Comödienhaus am Gänsemarkt. Zwei Jahre später kam dort Mozarts „Don Giovanni“ heraus, an dessen Libretto Schröder intensiver mitgewirkt hat. Er hat das Stück über den großen Wüstling der Theatergeschichte komplett neu übersetzt und bearbeitet, den Handlungsverlauf von zwei auf vier Akte gestreckt und dem Diener Leporello eine größere Rolle als im Ursprungstext zuerkannt. Ausgerechnet Leporello singt in Schröders Fassung die so genannte Champagner-Arie „Fin ch’ han dal vino“, die danach eine der berühmtesten wurde. Auch fügte Schröder Szenen aus Molières mitunter düsterem Stück „Don Juan“ ein.

90 Theaterstücke selbst verfasst

Ähnlich lief es mit Mozarts „Figaro“, der 1791 erstmals in Hamburg aufgeführt wurde, kurz nach Schröders Rückkehr aus Wien. Vorlage für den „Figaro“ war das gleichnamige Lustspiel von Beaumarchais gewesen, das in Schröders Übersetzung und Bearbeitung bereits sechs Jahre früher in Hamburg gespielt worden war. In dem Schauspiel hatte er selbst den gewitzten Figaro gespielt. Mozart wiederum hatte zur selben Zeit seinen Leib-und-Magen-Librettisten Lorenzo da Ponte damit beauftragt, daraus für die Wiener Erstaufführung ein Libretto zu machen.

In Hamburg war Mozart inzwischen ein Begriff geworden, man wollte seine Musik dort hören und sich leisten. „La Clemenza di Tito“ wurde dort aufgeführt und 1793 die „Zauberflöte“, für deren Ausstattung Schröder 4000 Mark auf den Tisch legte und damit einen gewaltigen Erfolg einfuhr.

Dramaturgische Eingriffe, wie Schröder sie tätigte und die heute als Urheberrechtsverletzung geahndet werden, waren zu jener Zeit nichts Ungewöhnliches, sondern mehr oder weniger üblich. 90 Theaterstücke soll er selbst verfasst, bearbeitet oder übersetzt haben. Die Hamburger Staatsbibliothek beherbergt wenigstens zwei dicke Bände mit seinen Werken. Und auch wenn die Nachwelt dem Mimen keine Kränze windet, sind sie erhalten geblieben. Wer weiß: Vielleicht führt sie irgendwann irgendjemand wieder auf.

Vortrag: Fr 13.12., 19 Uhr, mit Musik von Christine K. Brückner, Galerie Gerd Uhlig, Poststr. 6, Rellingen, Eintritt frei, Spenden willkommen.