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Elmshorn

Psychiater vergleicht Angeklagten mit Weizsäcker-Mörder

Der Gebäudekomplex des Landgerichts in Itzehoe.

Der Gebäudekomplex des Landgerichts in Itzehoe.

Foto: Bodo Marks / dpa

Der Sachverständige hält den 24-Jährigen für hochgradig gefährlich. Schöffengericht gibt den Fall ans Landgericht ab

Elmshorn.  Die Haare stehen in alle Richtungen ab, der Blick ist wirr, ein Dauer-Grinsen umspielt seinen Mund: Krystian K. hinterlässt am Donnerstag auf der Anklagebank des Elmshorner Schöffengerichts einen merkwürdigen Eindruck. Hochgradig gefährlich wirkt der 24-Jährige, dem eine mehrfache gefährliche Körperverletzung vorgeworfen wird, nicht. Doch er ist so etwas wie eine tickende Zeitbombe – meint zumindest der psychiatrische Sachverständige Dr. Hubert Kuhs. „Wenn irgendein Gericht den laufen lässt, möchte ich nicht dafür verantwortlich gemacht werden.“

Acht Zeugen hat das Schöffengericht geladen, um zwei Vorfälle aus den Jahren 2016 und 2017 aufzuarbeiten. Der erste, der im April 2016 spielt, klingt wie eine Räuberpistole. Krystian K. soll gemeinsam mit einem Komplizen gewaltsam in die Wohnung eines Bekannten eingedrungen sein, um Geldschulden einzutreiben und die Freundin des Mannes dazu zu bewegen, eine Strafanzeige zurückzuziehen. Die Situation eskaliert derart, dass der Angeklagte mit einem Kuhfuß auf die beiden Personen eindrischt und sie schwer verletzt.

Der zweite Anklagepunkt betrifft den 17. Februar 2017, als der heute 24-Jährige in Hainholz auf der Straße nach einem Streit zwei Bekannte mit einem Messer attackiert und mehrfach in Beine und Gesicht gestochen haben soll. Am 12. Juli diesen Jahres kann Krystian K. festgenommen werden, er sitzt seitdem in der JVA Neumünster in Untersuchungshaft.

Kurz vor dem Prozess meldete sich die Haftanstalt bei der Vorsitzenden Richterin Christine Franzius und gab an, dass der Angeklagte offenbar unter einer Psychose leide. Die Juristin beauftragte daraufhin in der vergangenen Woche Dr. Hubert Kuhs, den Chefarzt der Klinik für Psychiatrie in Elmshorn, mit einem kurzfristig zu erstellenden Gutachten. Der besuchte gemeinsam mit einer Dolmetscherin den 24-Jährigen am Dienstag für dreieinhalb Stunden in der Haftanstalt – und kam zu dem Schluss, dass der Angeklagte ein Fall für die dauerhafte Unterbringung in einer geschlossenen Psychiatrie ist.

„Er leidet unter einer paranoiden schizophrenen Psychose“, erläuterte der Psychiater. So habe ihm Krystian K. berichtet, er sei manchmal Gott, manchmal Jesus, manchmal auch ein Mensch. „Er gab an, von außerirdischen Mächten beeinflusst zu werden, die schlimmer als der Satan sind. Sie saugten die Kraft aus ihm raus und kämen bald, um ihn abzuholen“, so der Gutachter weiter.

Die Messerattacke auf einen der Bekannten habe er damit erklärt, dass er in dessen Augen sehen konnte, dass dieser eine Frau vergewaltigt habe. Den anderen Bekannten habe er angegriffen, weil dieser ihn auf suggestive Art und Weise zur Begehung von Straftaten überreden wollte. „Die Einsichtsfähigkeit des Angeklagten ist erheblich vermindert gewesne, es ist auch möglich, dass sie aufgehoben war und wir von einer Schuldunfähigkeit ausgehen müssen“, erläutert Kuhs. Was die Gefährlichkeit des 24-Jährigen angeht, verglich der Gutachter ihn mit dem Mann, der Dienstagabend den Sohn des Ex-Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker niedergestochen und getötet hat. „Bei dem wusste man nicht, dass er krank ist. Bei dem Angeklagten aber wissen wir es.“

Krystian K. dürfe nicht unbehandelt in Freiheit gelangen. Er könne in jeder banalen Situation im Alltag zur Waffe greifen, wenn ihn ein psychotischer Schub ereile. „Ich möchte schriftlich dokumentiert haben, dass vom Angeklagten ein sehr hohes Risiko ausgeht“, so Kuhs weiter. Das Schöffengericht brach nach der Anhörung des Psychiaters die Beweisaufnahme ab, schickte alle Zeugen nach Hause, ohne sie vernommen zu haben. Die Empfehlung des Gutachters, Krystian K. laut Paragraf 63 des Strafgesetzbuchs auf Dauer in den Maßregelvollzug einzuweisen, können die Richter nicht umsetzen. Eine derart schwerwiegende Entscheidung kann nur eine Große Strafkammer am Landgericht treffen.

Damit sind nun die Richter in Itzehoe am Zug. Sie müssen einen neuen Termin anberaumen, die Tatzeugen und erneut den Sachverständigen hören. Und die Zeit drängt. Laut Strafprozessordnung müsste Krystian K. am 11. Januar 2020 entlassen werden, wenn bis dahin kein Prozesstermin möglich ist. Staatsanwalt Klaus Dwenger und Verteidiger Jens Hummel machten deutlich, das Gutachten des Sachverständigen nicht anzweifeln zu wollen. Folgt auch das Landgericht dem Vorschlag, müsste der 24-Jährige so lange in der Psychiatrie bleiben, bis er als geheilt gelten würde.