Pinneberg
Population angestiegen

Mäuseplage in Pinneberg: Nager fressen Wälder kaputt

Die extrem trockenen Sommer 2018 und 2019 haben die Vermehrung der Mäuse begünstigt.

Die extrem trockenen Sommer 2018 und 2019 haben die Vermehrung der Mäuse begünstigt.

Foto: Arno Burgi / dpa

Forstwirte in der Region melden Schäden am Wurzelwerk der Bäume. Auch den Bauern im Kreis bereiten die Nager Probleme.

Kreis Pinneberg.  Die Wiesen sind von einem Netz aus Gängen und Löchern durchzogen. Am helllichten Tag huschen ungezählte Nager über Spazierwege und Straßen – der Kreis Pinneberg hat womöglich ein ernsthaftes Problem mit Mäusen. Nach zwei trockenen Sommern ist deren Population extrem angestiegen. Tierschützer freuen sich über ein hervorragendes Brutjahr für Schleiereulen und andere Tiere, die sich von Mäusen ernähren. Doch Land- und Forstwirte sind in großer Sorge um frisch gesetzte Buchen und Eichen.

„Feld- und Wühlmäuse werden seit zwei Jahren ganz klar häufiger zum Problem“, sagt Hans-Casper Graf zu Rantzau, Vorsitzender des Waldbesitzerverbands. „Immer öfter sieht man Bäume mit abgenagter Rinde sowie Mäuselöcher auf Feldern.“

Und auch Peer Jensen-Nissen, Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes, hat das Problem schon erkannt. Er sagt: „Die Fressinseln auf Feldern und – aufgrund der weggefressenen Blattmasse – in Gerstenbeständen sind klar erkennbar.“ Fachleute haben einen Verlust von drei Euro pro Maus ermittelt, wenn zum Beispiel aus Gras Silage für Milchvieh gewonnen werden soll. Problematisch seien vor allem die Schäden durch unterirdischen Fraß. Wurzeln sterben ab und kahle Flächen entstehen – eine Eintrittspforte für Unkräuter.

Immer wieder gab es Ratten- und Mäuseplagen

Historische Aufzeichnungen verdeutlichten, dass es immer wieder Ratten- und Mäuseplagen gab. Aber das ist lange her. Im 18. und 19. Jahrhundert sowie in den 1950er-Jahren gab es Mäuseplagen. Wirksame Möglichkeiten zur Eindämmung fehlten, sagt Jensen-Nissens Stormarner Amtskollege Peter Koll. Die Lagerschädlinge tummelten sich auf Kornböden. Lose gebundene Getreidegarben böten paradiesische Bedingungen für die Nager. Seit Einführung der Mähdrescher und Silos könne die Mäusepopulation heute zumindest in der Nähe des Bauernhofes besser überwacht werden. Trotz allem: „Noch ist es kein allzu ernstes Problem“, sagt Peer Jensen-Nissen vom Pinneberger Kreisbauernverband. „Bei weiterer Ausbreitung allerdings kann im schlimmsten Fall ein Ernteausfall die Folge sein.“

In der Forstwirtschaft ist die Lage offenbar ernster. Nach dem extrem trockenen Sommer 2018 wurden im Kreis Pinneberg 14.000 junge Buchen und Eichen nachgepflanzt – in Schonungen mit Nadelbäumen. Die so entstehenden Mischbestände sollen den Wald in den kommenden Jahren unempfindlicher für extremes Wetter und Schädlinge machen. Vor allem der Borkenkäfer setzt den Forstwirten seit Jahren massiv zu. Doch jetzt sind es eben Erd- und Rötelmäuse mit ihrer Vorliebe für Laubholz, die die jungen Pflanzen in Gefahr bringen. „Die Mäuse ernähren sich hauptsächlich von der Rinde in der Stammregion, vor allem kleiner Bäume“, sagt Graf zu Rantzau. „So kann es sein, dass die ganze Pflanze abstirbt.“ 20 Prozent Ausfall bis zu einer kompletten Vernichtung der Bestände seien möglich.

Ackerbauern können wenig gegen die Mäuse ausrichten

Peer Jensen-Nissen erklärt: „Der Populationsanstieg erfolgt witterungsbedingt und ist somit kaum zu beeinflussen. Mögliche ackerbauliche Maßnahmen zur Eindämmung der Lage gibt es somit nicht.“ Neben Schäden stelle vor allem der Mäusekot eine Gefahr für Forst- und Landwirte und für Gartenliebhaber dar – wegen des gefährlichen Hantavirus’. Hohes Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen sind die Symptome der Krankheit, die in der Regel zwischen ein bis sieben Wochen nach Infektion auftritt. Im schlimmsten Fall kann es zu einem Nierenversagen kommen.

Bis Ende August wurden bundesweit 1184 Fälle vom Robert Koch-Institut gemeldet, im Vorjahreszeitraum waren es lediglich 123 gewesen. Einen Zusammenhang sieht das Institut vor allem mit der massiven Vermehrung der Rötelmäuse. Auch wenn das Virus derzeit hauptsächlich in Baden-Württemberg und Bayern auftritt, während sich in Schleswig-Holstein bis Mitte September diese Jahres nur fünf Menschen infiziert haben, ist dem Bauernverband das Problem bekannt.

Füchse sind dank der Mäuse wohlgenährt

Bei allem Ärger um die kleinen Tiere gibt es aber auch Nutznießer der starken Mäusepopulation. Das reichhaltige Nahrungsangebot führte zu einer Vermehrung der Füchse in den Wäldern. „Der Anstieg der Mäusepopulation hat sich noch nicht direkt bemerkbar gemacht“, meint Nils Fischer von der Revierförsterei Klövensteen. „Jedoch lässt sich erahnen, dass sie etwas mit den wohlernährten Füchsen zu tun haben, denen sie offenbar zum Opfer fallen. Solche Füchse sichtet man nämlich immer häufiger,“ sagt Fischer.

Auch Dirk-Peter Meckel vom Landesverband Eulenschutz in Schleswig-Holstein ist ganz begeistert: „Durch die guten Bedingungen wurden sogar zwei Schachtelbruten von Schleiereulen gemeldet“, sagt er. Damit wird eine zeitliche Überlagerung von zwei Bruten bezeichnet, bei der gleichzeitig die Ästlinge versorgt werden und ein zweites Nest mit neuen Eiern bebrütet wird. Neben den Schleiereulen gebe es in der Region vor allem den Waldkauz, die Waldohreule und den Uhu. „Von ganz Europa ist Schleswig-Holstein das am dichtesten mit Uhupaaren besiedelte Land“, sagt der Eulenexperte.

Ob sich die Jungvögel langfristig gut entwickeln, entscheide sich erst in den nächsten Monaten. Durch die späte Zweitbrut im August seien viele Vögel noch empfindlich, gerade bei Herbststürmen und feuchter Witterung. „Derzeit erreichen mich viele Meldungen, dass Jungvögel ein Revier suchen“, sagt Meckel zum Abendblatt. „Wir vom Eulenschutz stellen Nisthilfen zur Verfügung.