Pinneberg
Kreis Pinneberg

Clan-Fehde in Pinneberg löst Großeinsatz aus

Schwer bewaffnete Polizeieinheiten riegelten an Himmelfahrt mehrere Straßen ab, wie hier am Hogenkamp. Grund war eine Auseinandersetzung zweier deutsch-afghanischer Familien.

Schwer bewaffnete Polizeieinheiten riegelten an Himmelfahrt mehrere Straßen ab, wie hier am Hogenkamp. Grund war eine Auseinandersetzung zweier deutsch-afghanischer Familien.

Foto: Anne Dewitz

Himmelfahrt sperrten Polizisten Teile der Stadt ab. Dann wurde es ruhig um den Fall. Jetzt ist klar, was dahintersteckt.

Pinneberg. Die Beamten trugen komplette Schutzausrüstung, sie waren mit Maschinenpistolen bewaffnet und riegelten den Pinneberger Stadtteil Eggerstedt am Himmelfahrtstag entschlossen ab. Jetzt wird der Hintergrund des stundenlangen Großeinsatzes und der besonderen Sicherheitsvorkehrungen bekannt: eine erbitterte Auseinandersetzung zwischen zwei Familien, die ursprünglich aus Afghanistan stammen. Der Streit der Clans hatte bereits zuvor ein Todesopfer gefordert.

Die Todesdrohungen vom Himmelfahrtstag haben jedoch keine strafrechtlichen Folgen. „Wir haben das Ermittlungsverfahren eingestellt“, sagt Peter Müller-Rakow, Sprecher der Staatsanwaltschaft Itzehoe. Hauptgrund sei, dass die Bedrohten auf einen Strafantrag verzichtet haben. Müller-Rakow: „Ihnen steht jedoch noch der Privatklageweg offen.“ Dass dieser eingeschlagen wird, scheint angesichts der jahrelange Fehde zwischen den beiden deutsch-afghanischen Familienclans jedoch kaum denkbar. Nach Abendblatt-Informationen hat die in Pinneberg lebende Familie mit Wais O. (24) ein Mitglied in ihren Reihen, das in Hamburg im Juli vergangenen Jahres einen Mord verübt hat. Das Opfer: Nehmatollah H. (26), kurz Nehmat, stammt aus der anderen Familie.

Die Bluttat auf dem Parkplatz des Fitnessstudios McFit in Steilshoop – sie mutete wie eine Hinrichtung an. Wais O. hatte dem Kontrahenten aufgelauert, als dieser am 13. Juli das Sportstudio verließ und seine Tasche in den Kofferraum seines Wagens einlud. Drei Schüsse gab der Bordellbetreiber aus dem Hinterhalt auf den Landsmann ab. Das Opfer wurde aus drei Meter Entfernung im Oberkörper getroffen und brach zusammen.

Zu seinem Begleiter konnte der 26-Jährige nur noch sagen, „Bruder, er hat mir in den Kopf geschossen“. Dann verstarb er noch am Tatort. Wais O., der in Kabul geboren ist, musste sich von Mitte Januar 2019 an vor dem Hamburger Landgericht verantworten. Er gab an, seinem Opfer 8000 Euro für den Kauf eines Motorrads geliehen zu haben, damit dieser in den Rockerclub „Die Bruderschaft“ aufgenommen werden konnte. Nehmatollah H., mit dem er früher befreundet gewesen war, habe das Geld jedoch nicht zurückgezahlt, was ihn zutiefst in seiner Ehre gekränkt habe.

Täter wurde im Februar zu lebenslanger Haft verurteilt

Mehr als 40 junge Männer aus dieser Rockergang verfolgten den gesamten Prozess – ebenso wie die beiden Brüder des Erschossenen, von denen sich laut einem Medienbericht sogar der Verteidiger des Angeklagten bedroht fühlte. Der Schütze Wais O. wurde am 8. Februar zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Gerichtssaal kam es zu Tumulten, Richterin Jessica Koerner bescheinigte den Zuschauern und den Brüdern des Opfers ein „animalisches Rudelgehabe“, das den Blick auf „erhebliche Zivilisationsdefizite“ lenke, einigen würde es an „jeglichem Respekt“ fehlen.

Die Tat selbst bezeichnete die Richterin als „völlig überflüssig“. Sie sei Ausdruck eines in der Szene des Angeklagten verankerten Wertesystems, das allein auf Demonstration von Männlichkeit und Stärke basiere. Konflikte würden nach den eigenen Gesetzen geregelt.

Trotz des harten Urteils beruhigte sich die Fehde zwischen den verfeindeten Familien nicht. Der massive Polizeieinsatz von Himmelfahrt ist Ausdruck dessen. Die Polizei in Pinneberg bekam dabei offenbar von Kollegen aus Hamburg die Vorgeschichte erzählt – und packte als Reaktion das grobe Besteck aus. Personal der gesamten Polizeidirektion Bad Segeberg wurde in die Kreisstadt beordert, die Beamten richteten mehrere mobile Kontrollstellen und Sperren ein, um bedrohte Personen zu schützen und mögliche Täter zu stellen.

Teilweise wurden Bereiche vor der Theodor-Heuss-Schule, der ehemaligen Eggerstedt-Kaserne sowie am Stadtfriedhof am Hogenkamp abgeriegelt. Zeitweise kamen keine Personen in den Bereich hinein oder heraus. Betroffen waren etwa Straßen wie der Thesdorfer Weg, An der Raa oder Hogenkamp. Durch die Sperrungen kam es Himmelfahrt auch zu massiven Verkehrsbehinderungen. Immerhin wurde verhindert, dass die Mitglieder der verfeindeten Familien aufeinandertrafen und es zu weiteren schweren Straftaten kam.