Pinneberg
Schleswig-Holstein

Online-Preisschilder an Häusern sind „problematisch“

Ein Schild "Zu verkaufen" steht vor einem Haus (Symbolbild). Der Dienst „Scoperty“ veröffentlich ungefragt Schätzwerte Immobilien.

Ein Schild "Zu verkaufen" steht vor einem Haus (Symbolbild). Der Dienst „Scoperty“ veröffentlich ungefragt Schätzwerte Immobilien.

Foto: Arno Burgi / picture alliance / dpa

Datenschützerin Marit Hansen kritisiert den Internetdienst Scoperty, der ungefragt Schätzwerte für Immobilien veröffentlicht.

Pinneberg. Wie viel ist mein Haus wert? Und warum kostet das des Nachbarn nur so wenig? Der neue Online-Dienst, der diese Fragen auf einen Klick zu beantworten versucht, sei „problematisch“, die Gefahr falscher Daten sei groß.

Nach dem Start des Immobilienportals scoperty.de, das in einer digitalen Kartenansicht die Schätzwerte nahezu sämtlicher Privathäuser in der Metropolregion Hamburg veröffentlicht, rät Schleswig-Holsteins Datenschutzbeauftragte Marit Hansen jedenfalls zur Vorsicht. Denn das Immobilienportal legt nicht nur die Schätzwerte der Gebäude in Hamburg offen, sondern auch die des gesamten Kreises Pinneberg.

Datenschutzbeauftragte: "Keinesfalls auf Schätzwerte verlassen"

„Veröffentlichte Schätzwerte zu einzelnen Immobilien können wirtschaftliche Auswirkungen auf Personen haben“, sagt Hansen. Etwa auf Menschen, die kaufen oder verkaufen wollen, die einen laufenden Kredit haben oder deren Kreditwürdigkeit begutachtet werden soll. „Keinesfalls kann man sich darauf verlassen“, so Hansen, „dass der speziell entwickelte Algorithmus des neuen Anbieters stets richtig arbeitet.“ Ihrer Einschätzung nach wäre es „kritisch, wenn falsche Daten online stünden“.

Wie das Abendblatt bereits am Donnerstag berichtet hat, ist der Dienst „Scoperty“ nach einer Testphase in Nürnberg nun auch im Großraum Hamburg, München, Berlin, Frankfurt am Main und Köln gestartet. Mit der Online-Anwendung kann jeder den (geschätzten) Wert fast aller Immobilien im Kreis Pinneberg einsehen – ohne dass die Eigentümer vorher um Einverständnis gebeten worden sind.

Online-Preisschilder: drastische Unterschiede

So ist etwa ersichtlich, dass die Häuser in den nördlichen Einfamilienhausgebieten Elmshorns deutlich höher bewertet werden als die im Süden. Oder dass in der Pinneberger Oeltingsallee die Preisspanne für einen möglichen Haus- oder Wohnungskauf auf wenigen Hundert Metern von 100.000 Euro bis 660.000 Euro reicht. Ein ebenfalls erstaunliches Ergebnis des Schätzalgorithmus’: Einfamilienhäuser sind in Wedel an der Landesgrenze zu Hamburg etwa 100.000 bis 200.000 Euro günstiger eingestuft als auf der anderen Straßenseite – im hamburgischen Rissen.

Laut Eigenauskunft der Entwickler sei der Dienst datenschutzrechtlich unbedenklich. Die auf der Plattform dargestellten Immobilienpreise basierten auf einem Schätzalgorithmus, der sich aus einer Immobiliendatenbank, Adressverzeichnissen, Geobasisinformationen des Bundeslandes und Kartendaten von Google speist. Daten aus dem Grundbuch werden nicht verwendet.

Scoperty beruft sich auf "öffentlich verfügbare Daten"

Es handele sich um „pseudonymisierte und öffentlich verfügbare Daten“ wie Standort, Merkmale der Häuser, Merkmale von Vergleichsobjekten, Adresse, Baujahr, Grundstücksfläche, Wohnfläche, Flurstückumrisse sowie die Anzahl der Wohnungen in Mehrfamilienhäusern. Auch Umgebungsdaten wie Lärm, Kriminalitätsstatistik oder Preisentwicklungen fließen in die Bewertung ein.

Michael Kasch, Geschäftsführer der Scoperty GmbH, sagte dem Abendblatt zum Hintergrund der neuen Anwendung: „Gegenwärtig gibt es ein hohes Maß an Preisintransparenz am Immobilienmarkt. Das wollen wir ändern.“ Wenn zudem Immobilieneigentümer leichter zu einer Bewertung ihrer Objekte kommen würden, könne das auch ihre Verkaufsbereitschaft steigern.

Der Großteil der Schätzwerte sei valide, sagt Kasch. Das Angebot soll aber nur als erste Orientierung verstanden werden. Es könne vom Eigentümer verbessert werden, indem er weitere Angaben zum Objekt bis hin zur Innenausstattung liefere. Ein Zug des Unternehmens, der wohl als Strategie dient, an noch mehr Daten für Immobilien zu gelangen.

"Immer mehr Portale mit ungenauen Informationen"

Für die oberste Datenschützerin des Landes Schleswig-Holstein tun sich damit aber auch Schwierigkeiten auf: „Ich sehe hier den problematischen Trend, dass immer mehr Portale mit ungenauen oder unvollständigen Informationen online gehen.“ Denn die Auskünfte seien aus einer Vielzahl von Quellen zusammengesammelt worden. Eigentümer, die von solchen Veröffentlichungen betroffen sind, könnten sich laut Datenschützerin gedrängt fühlen, aktiv zu werden, um fehlerhafte Darstellungen zu korrigieren oder gegen die Veröffentlichung Widerspruch einzulegen.

Dabei würden sie aber weitere Daten von sich preisgeben müssen. „Auch erfährt man häufig gar nicht, dass Informationen online gestellt werden“, so Hansen. Hausbesitzern im Kreis Pinneberg, deren Werte falsch seien, rät die Datenschutzbeauftragte, bei Scoperty nachzufragen und auf Erklärung oder Korrektur zu drängen.

Zudem könne jeder, der feststellt, dass gegen seinen Willen Informationen zu seiner Immobilie dort zu finden sind, Widerspruch einlegen. „Wer einer Veröffentlichung vorbeugen möchte, sollte Widerspruch einlegen“, sagt Hansen. „Dafür kann man das bereitgestellte Widerspruchsformular auf der Seite Scoperty.de verwenden. Aber auch schriftliche Widersprüche müssen bearbeitet werden.“

Auch Hamburgs Datenschutzbeauftragter warnt

Hamburgs Datenschützer Johannes Caspar sieht das Grundprinzip der Seitenbetreiber ähnlich kritisch: „Sollte der Immobilienwert deutlich zu gering angesetzt sein, ergibt sich aus Sicht der Betroffenen der Druck, weitere Informationen zu offenbaren, um dies richtigzustellen.“ Die Freiwilligkeit der Weitergabe der Daten stünde dann infrage.

Generell sei zu berücksichtigen, dass die Geschäftsinteressen von Scoperty mit den Rechten und Interessen von betroffenen Personen in jedem Einzelfall abgewogen werden müssen. Diese Abwägung nehme aber die zuständigen Datenschutzaufsichtsbehörde vor, sagt Marit Hansen. Und das sei in diesem Fall das Bayerische Landesamt für Datenschutzaufsicht. Auf Abendblatt-Anfrage konnte dessen Chef Thomas Kranig aber noch keine Auskunft zur bisherigen Beschwerdelage geben.