Pinneberg
Betreuung

Warum der Kreis Pinneberg mehr Pflegefamilien braucht

Werben für mehr Pflegefamilien im Kreis: Landrat Oliver Stolz (l.), Schirmherrin Sandra Quadflieg und Fachdienstleiter Jasper Jensen.

Werben für mehr Pflegefamilien im Kreis: Landrat Oliver Stolz (l.), Schirmherrin Sandra Quadflieg und Fachdienstleiter Jasper Jensen.

Foto: Burkhard Fuchs

Mit Schauspielerin Sandra Quadflieg ist eine neue Kampagne gestartet. 190 Ersatzeltern gibt es bereits – aber das reicht bei Weitem nicht aus.

Kreis Pinneberg. Sie werden von ihren leiblichen Eltern vernachlässigt, werden geschlagen, fühlen sich nicht selten ungeliebt und sind oft auch traumatisiert. 250 Kinder im Kreis Pinneberg leben in Pflegefamilien, die ihnen Liebe, Sicherheit und Obhut geben. Eigenschaften, die ihre leiblichen Eltern nicht aufbringen konnten oder wollten. Doch die Zahl dieser „Ersatzfamilien“ reicht im Kreis bei Weitem nicht aus.

Um den Bedarf zu decken, werden mehr Menschen benötigt, die sich der vernachlässigten Kinder annehmen. „Wir haben viel zu wenige Pflegefamilien, um allen Kindern, die es nötig hätten, eine Heimstatt, Fürsorge und gutes Essen zu geben“, sagt Landrat Oliver Stolz bei der Eröffnung der neuen Räume für das Team Pflegestellen und Adoptionen mit seinen 14 Mitarbeitern in der Elmshorner Friedensallee.

Zugleich konnte Stolz eine prominente Mitstreiterin für das neue, kreisübergreifende Informations- und Werbeportal „Nestfamilien“ präsentieren. Es ist die Schauspielerin Sandra Quadflieg, Vorstand der Benita-Quadflieg -Stiftung. Die Großmutter ihres Mannes Mirco hat die Stiftung 1975 gegründet . Sie setzt sich für Kinder mit Entwicklungsverzögerungen, Behinderungen und frühkindlichen Traumata ein. „350 traumatisierte Kinder in Hamburg, davon 18 im Kinderhaus, betreut unsere Stiftung zurzeit“, so die prominente Schauspielerin. „Darum habe ich sofort zugesagt, als ich vom Kreis Pinneberg gefragt wurde, ob ich die Schirmherrschaft für die Kampagne übernehmen wolle.“ Die Darstellerin aus TV-Serien wie „Großstadtrevier“ oder „Die Rettungsflieger“ macht sich damit offiziell für mehr Pflegefamilien stark.

Ihre Erfahrung aus der Stiftungsarbeit in Hamburg zeige, dass es viele Mütter und Väter gebe, die zu gerne Pflegekinder aufnehmen würden. Allein „die Hemmschwelle ist oft zu groß“, weiß Sandra Quadflieg. Die potenziellen Ersatzeltern wüssten meist nicht, was von ihnen erwartet werde, worauf sie sich einlassen müssten. Eine öffentliche Informationskampagne, die über diese Fragen aufkläre und etwaige Unsicherheiten beseitige, sei genau das richtige für die betroffenen Kinder (und mögliche Pflegeeltern). Insofern sei ihr Engagement im Hamburger Umland eine Herzensangelegenheit.

Bei den Schützlingen, um die es geht und die ein neues, behütetes Zuhause brauchen, handele es sich in der Regel um Kinder und Jugendliche im Alter zwischen drei und zwölf Jahren, erklärt Pinnebergs Fachdienstleiter Jasper Jensen. Sie hätten oft Gewalt und Suchterfahrungen in ihren leiblichen Familien erlebt. Und ihre Eltern seien nicht in der Lage gewesen, die vom Jugendamt angebotenen Erziehungshilfen anzunehmen.

Bevor ein Kind von seinen leiblichen Eltern getrennt werde, müsse aber ein ganzes Bündel an vorbeugenden Hilfsmaßnahmen scheitern, erklärt Landrat Stolz. „Ambulante Hilfe hat bei uns immer Vorrang vor stationärer Hilfe. Wir versuchen, die Kinder solange wie möglich in ihren Familien zu halten.“ Erst wenn das nicht mehr gelinge, kämen die Pflegeeltern als Ersatzfamilien ins Spiel. Momentan gebe es kreisweit 190 Elternpaare, die sich dazu bereit erklärt haben.

Allein im vorigen Jahr wurden im Kreis Pinneberg 180 Kinder vom Kreis vorsorglich in Obhut genommen und zeitweise aus ihrem Elternhaus herausgeholt, erklärt Fachdienstleiter Jensen. Der weitaus größte Teil von ihnen könne nach einiger Zeit sogar zurückkehren, weil sich die Problemlage entschärft habe. Bei bis zu 30 Kindern im Jahr klappt das allerdings nicht. „Sie müssen dauerhaft von Pflegefamilien aufgenommen werden“, sagt Jensen. „So viele Plätze benötigen wir etwa auch im Jahr.“ Am liebsten noch etwas mehr, da nicht jedes Kind zu jeder Familie passe.

„Unser Ziel ist es dabei auch, dass die Kinder irgendwann zu ihren leiblichen Eltern zurückkehren können“, erklärt Jensen von der Pflegestelle des Kreises. Aber das sei leider allzu oft nur die Ausnahme. Jensen: „In zwei von drei Fällen bleiben die Kinder für immer in ihren Pflegefamilien. Manche von den Ersatzeltern adoptieren ihre Schützlinge sogar.“

In der Metropole Hamburg sind die Zahlen naturgemäß noch höher. Dort leben zurzeit 1300 Kinder in Pflegefamilien, sagt Sandra Quadflieg. Durchschnittlich 930 Kinder würden dort jedes Jahr von ihren leiblichen Eltern getrennt, um sie zu schützen.