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Mit dem Pilzsammler durch die Heeder Tannen

Pilzexperte Dieter Sydow (rechts) erklärt den Kursusteilnehmern Karin Gomme (v.l.), Elke Meier und Dirk Zygar wichtige Unterschiede zwischen giftigen und essbaren Pilzen.

Pilzexperte Dieter Sydow (rechts) erklärt den Kursusteilnehmern Karin Gomme (v.l.), Elke Meier und Dirk Zygar wichtige Unterschiede zwischen giftigen und essbaren Pilzen.

Foto: Isabella Sauer / HA

Pilzexperte Dieter Sydow führt Teilnehmer eines VHS-Kurses durchs Naherholungsgebiet in Heede und erklärt, was beim Pilzesammeln wichtig ist.

Heede.  Der Himmel ist grau und voller Wolken. Der Waldboden im Naherholungsgebiet „Heeder Tannen“ hat schon gelitten: Er ist matschig, tiefe Reifenspuren sind sichtbar, Wasser hat sich darin gesammelt. Und trotzdem: Nach und nach treffen zwölf Teilnehmer mit Regenhose und –jacke, Gummistiefeln sowie mit Regenschirmen bewaffnet am Treffpunkt des Kurses „Pilzwanderung unter fachkundiger Begleitung“ der Volkshochschule Halstenbek ein.

Auf einem kleinen Parkplatz wartet bereits Pilzexperte Dieter Sydow (77) aus Rellingen, der seit mehr als 60 Jahren Pilze sammelt und sein Wissen regelmäßig an Seminarteilnehmer weitergibt. Auch er ist bestens auf die herbstliche Wanderung vorbereitet, trägt wasserdichte Schuhe, eine dunkelgrüne Hose sowie eine hellgrüne Regenjacke. Der pensionierte Bundeswehr-Oberstleutnant trommelt seine heutige Truppe zusammen und sagt: „Haben Sie alle an ihre Ausrüstung gedacht?“ Damit meint Sydow einen Korb (so werden die Pilze nicht gequetscht) und ein kleines Küchenmesser. Die Teilnehmer nicken. Dann sagt Sydow weiter: „Zuerst gibt es ein wenig Theorie, das ist Pflicht.“ Gesagt, getan. Die angehenden Pilzsammler bilden einen Halbkreis um ihren Kursleiter, damit sie besser seinen Worten lauschen können.

Unter den Schwammpilzen gibt es essbare, ungenießbare und giftige Pilze

„In Mitteleuropa gibt es etwa 6000 Großpilze, davon sind rund 100 essbar und 150 giftig, hiervon wiederum zehn tödlich giftig“, sagt er. Die müsse man kennen, setzt er mit ernster Stimme nach. Dann kommt er auf die sogenannten „Hutpilze“ zu sprechen. „Die werden am häufigsten von den Spaziergängern identifiziert. Das sind die, die die klassische Pilzfigur haben, nämlich Hut und Stiel“, so Sydow. Daneben gebe es aber noch andere Formen, wie zum Beispiel Schleimpilze, Konsolen, Boviste, Ruten und Glucken. „Die Namen habe ich ja noch nie gehört“, heißt es von den meisten Kursteilnehmern.

Der Pilzexperte holt aus dem Korb seiner Frau Ursula eine Marone, streckt den Pilz in die Höhe und sagt: „Bei den Hutpilzen ist die Fruchtschicht als Schwamm, Lamellen, Leisten oder Stacheln ausgebildet. Unter den Schwammpilzen gibt es essbare, ungenießbare und giftige Pilze, aber keine tödlich giftigen Pilze.“ Das sehe bei den Lamellenpilzen anders aus: Da gibt es essbare, ungenießbare und giftige Pilze, aber auch tödlich giftige Pilze. Deswegen rät der Experte aus Rellingen: Um eine tödlich wirkende Vergiftung auszuschließen, sollte der Anfänger zuerst nur bekannte Schwammpilze sammeln wie Maronen, Steinpilze oder Ziegenlippen.

Unter den Zuhörern ist auch Angela Plath aus Halstenbek. Sie hat noch vor Kursbeginn in ihrem Garten Pilze gesammelt und ein etwa acht Zentimeter großes Exemplar mit bräunlichem Hut und gelblichen Schwamm mitgebracht. „Ist das ein Birkenpilz?“, fragt sie. Sydow antwortet: „Richtig, das ist ein Birkenpilz und somit ist er generell essbar.“ Jedoch nicht dieser, denn der sei schon alt und verdorben. Plath ist enttäuscht und fragt nach, woran man alte Pilze erkennen könne. Sydow: „Umso älter ein Birkenpilz ist, desto mehr verändert sich seine Form, die dann eher polsterförmig erscheint.“ Ansonsten helfe bei Schwammpilzen auch immer ein sogenannter Drucktest. Das heißt: Wer einen Pilz mit Schwamm findet, kann einfach leicht mit seinem Daumen auf den Hut drücken. Bleibt der Abdruck, ist der Pilz zu alt, um ihn zu verzehren.

Nach weiteren Erklärungen geht die Gruppe tiefer in den Wald hinein. Es riecht immer mehr nach nassem Laub. Die Pilzsammler blicken konzentriert auf den Boden. „Gar nicht so einfach zwischen all den braunen Blättern einen Pilz zu entdecken“, sagt Kursusteilnehmerin Elke Meier (77). Dann treffen sie auf eine Lichtung und siehe da: ein weißer, spargelähnlicher Pilz ragt inmitten von Moos und Geäst hervor.

Die Stinkmorchel ist „Pilz des Jahres 2020“

„Ih, der Pilz stinkt aber“, sagt Dirk Zygar (55). Pilzexperte Sydow nickt und entgegnet: „Richtig, das ist eine Stinkmorchel. Der Geruch führt zu Ekel und sein Aussehen veranlasst zu Scherzen.“ Wie man merkt – denn alle müssen beim Anblick kichern. Der Kursusleiter klärt auf: „Der lateinischer Name ‚Phallus impudicus‘ heißt übersetzt ‚unzüchtiger Penis‘.“ Seit diesem Wochenende trägt die Stinkmorchel den Titel „Pilz des Jahres 2020“, den die Deutsche Gesellschaft für Mykologie (DGfM) verliehen hat.

Nachdem die Grundlagen der Pilzkunde erklärt sind, dürfen die Neulinge selbst auf die Pirsch gehen und sammeln. Dabei sollen sie gelerntes Wissen anwenden. Nach einer Stunde folgt die Abrechnung: Kleine, dicke, dünne, mit oder ohne Hut - auf einem nassen Holztisch liegt all das aus, was gefunden wurde. So auch mehrere „Lila Lacktrichterlinge“. Der Experte nimmt sie in die Hände und sagt: „Diese behalten beim Braten ihre blaue Färbung und geben so im Mischpilzgericht eine interessante Note.“ Insgesamt ist Dieter Sydow mit den Funden zufrieden: „Wir haben nicht besonders viele Pilze gefunden, dafür aber die große Vielfalt kennengelernt.“ Das sei eben Natur, mal finde man mehr, mal weniger Pilze. Und da sei auch das Wetter, bis auf Frost, völlig egal.