Pinneberg
Elmshorn

Wenn die Rente kaum noch fürs Mittagessen reicht

Pastor Hans-Peter Mumssen und Dörte Lippold leiten die Elmshorner Tafel, die von der Freikirche Christus Zentrum Arche betrieben wird. Tafel und Gemeinde feiern Geburtstag. 

Pastor Hans-Peter Mumssen und Dörte Lippold leiten die Elmshorner Tafel, die von der Freikirche Christus Zentrum Arche betrieben wird. Tafel und Gemeinde feiern Geburtstag. 

Foto: Anne Dewitz

Die Elmshorner Tafel wird 20 Jahre. Nach der Eröffnung kamen zehn Bedürftige, heute sind es bis zu 1500 pro Woche.

Elmshorn.  „Die Zahl der Bedürftigen, die unseren täglichen Mittagstisch nutzen, wächst“, sagt Dörte Lippold, seit 2013 Leiterin der Elmshorner Tafel am Christus Zentrum Arche. Ein Großteil seien deutsche Senioren. Für einen Euro erhalten sie eine warme Mahlzeit. Auf der Speisekarte steht deftige Hausmannskost wie Hähnchenkeule mit Rotkohl und Kartoffeln oder Kasselerbraten. Religiöse Speisengebote werden nicht berücksichtigt. „So erreichen wir auch wieder deutsche Bedürftige.“ Viele hätten während der Flüchtlingskrise den Gang zur Tafel vermieden.

Die Tafel in Elmshorn gibt es seit 20 Jahren. Im Frühjahr 1998 fragte die Bürgermeisterin Brigitte Fronzek das Christus Zentrum Arche an, ob es bereit sei, eine Mahlzeit für Menschen anzubieten, die obdachlos oder finanziell sehr knapp begütert sind. Dazu erklärten sich die Mitglieder gern bereit. „Uns ist es ein Anliegen, Menschen in Not zu helfen. Da die Gemeinde gerade dabei war, die neuen Räume in der Lornsenstraße 53 auszubauen, war es möglich, eine Küche und Speiseräume einzuplanen“, sagt Pastor Hans-Peter Mumssen. Seit 1992 leitet er die freikirchliche Gemeinde mit 240 Mitgliedern. Als die Tafel 1999 den Betrieb aufnahm, kamen zehn Gäste.

„Während es vor zwei Jahren etwa 1000 Abholungen pro Woche waren, sind es heute 1200 bis 1500. Darin enthalten sind auch die Nutzer des Mittagstisches“, sagt Lippold. Zudem hat die Tafel Elmshorn seit 2015 eine zweite Warenausgabe am Hainholzer Damm, wo dreimal die Woche Lebensmittel verteilt werden. Die Tafel beliefert auch die Frischlinge im Stadtteil Hainholz. Der Verein bietet Kindern aus sozial schwachen Familien einen sicheren Rückzugsort und warmes Mittagessen. Das sind zusammen täglich rund 120 Warenausgaben. Etwa 50 Mitarbeiter kümmern sich darum, dass die Tafelbesucher mit Lebensmitteln oder einem warmen Essen versorgt werden. Einige waren selbst mal Gäste der Tafel, sind ehrenamtlich tätig, Mini-Jobber oder kamen als Flüchtlinge.

„ Gerade Rentner müssen mit einem Minimum auskommen und sind oft allein und ohne soziale Kontakte“, sagt Lippold. Der Mittagstisch biete auch eine Möglichkeit, Kontakte zu knüpfen. „Es sind hier schon Freundschaften entstanden.“ Im Unterschied dazu sind die meisten Nutzer der täglichen Lebensmittelausgaben Großfamilien aus dem arabischen Raum. Jeder Bedürftige muss eine Münze mit einer Nummer ziehen und weiß dann, wann er an der Reihe ist. So soll verhindert werden, dass Schwächere benachteiligt werden. Immer fünf Personen dürfen eintreten und sich unter Aufsicht nehmen, was sie brauchen. Nur qualitativ einwandfreie, aber nicht mehr zum Verkauf geeignete Lebensmittel werden entweder unentgeltlich oder gegen einen Euro verteilt.

Pastor Mumssen, der viel Zeit in Indien und Afrika verbracht und sich dort im Umgang mit anderen Mentalitäten eine gehörige Portion Gelassenheit angeeignet hat, sagt: „Die Elmshorner Tafel ist zu einem integrativen Treffpunkt für einheimische und ausländische Mitbürger geworden,“ Allerdings komme die Klientel noch nicht richtig zusammen, denn für die Integration spiele die gemeinsame Sprache eine zentrale Rolle. Feindseligkeiten, die es zunächst mit dem großen Zustrom an Flüchtlingen 2015 und 2016 gab, seien aber nicht mehr spürbar. Viele arme Deutsche hatten damals das Gefühl, sie kämen zu kurz. „Diese Bedenken konnten wir ausräumen“, sagt Dörte Lippold. „Wir haben bewiesen, dass wir treu sind und sie nicht vergessen.“ Zudem seien die Mitarbeiter geschulter. Bei einer neuen Flüchtlingswelle wüssten sie, wie und dass sie die Massen bewältigen können.

Das Christus Zentrum Arche selbst, das in diesen Tagen 60 Jahre alt wird, wurde von Flüchtlingen gegründet, die aus den Ostgebieten vertrieben worden waren. „Sie waren Christen und wahnsinnig fleißig“, sagt Mumssen. Sie hätten selbst etwas aufgebaut und mitgeholfen, das zerstörte Land wieder aufzubauen. „Dabei waren sie von der Flucht traumatisiert.“ Die Altvorderen hätten ohne psychologische Hilfe auskommen müssen. Über das Erlebte hätten sie erst im hohen Alter sprechen können, wenn überhaupt. In den Zeiten, in denen niemand etwas hatte, seien Selbsthilfe und Solidarität überlebenswichtig gewesen. „Man teilte das Brot“, so der Pastor. Heute gehe die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr auseinander. „Schon jetzt können viele Menschen nicht von ihrer Rente leben, obwohl sie 40 Jahre gearbeitet haben.“ Auch aus diesem Grund wehrt er sich gegen die Idee, den Preis für den Mittagstisch auf zwei Euro anzuheben.

Erschwerend hinzu komme die zunehmende Bürokratisierung. „Aus einem simplen ,wir sammeln und helfen‘ ist ein aufwendiger Verwaltungsakt geworden“, sagt Mumssen. „Wir sind ein Markt für Bedürftige, müssen aber strenge Hygienevorschriften wie Restaurants einhalten.“ So dürfe die Kühlkette nicht unterbrochen werden. Mitarbeiter könnten das Essen nicht mehr im VW Bus von den Supermärkten abholen. „Wir brauchen 41.000 Euro für ein zweites Kühlfahrzeug“, sagt Dörte Lippold und hofft auf großzügige Spender. „Dafür leisten wir auch viel.“ Denn ohne Solidarität wäre heutzutage vieles nicht möglich. Der Staat und die Politik würden sich inzwischen auf die Tafel als Pfeiler der Sozialpolitik verlassen, kritisiert der Pastor.