Pinneberg
Elmshorn

Senioren machen auf Armutsfalle Alter aufmerksam

Kämpfen gegen Altersarmut: Hans-Jürgen Nestmann (v.l.), Peter Kröger, Martina Bieller-Großkopf, Dörte Lippold und Wolfgang Stier

Kämpfen gegen Altersarmut: Hans-Jürgen Nestmann (v.l.), Peter Kröger, Martina Bieller-Großkopf, Dörte Lippold und Wolfgang Stier

Foto: Anne Dewitz

IG Metall will mit Fahrraddemo am 1. Oktober Öffentlichkeit schaffen. Tafel und Seniorenresidenz unterstützen das.

Elmshorn.  „Ein Minister, der vier Jahre in Amt und Würden ist, bekommt eine Pension von knapp 4000 Euro im Monat. Meine Frau, die 45 Jahre als Friseurin gearbeitet hat, muss mit einer Rente von 743 Euro haushalten“, sagt Hans-Jürgen Nestmann von der IG Metall Unterelbe in Elmshorn. Er selbst habe nach 45 Jahren Arbeit eine Rente von 955 Euro. „Viele Senioren fühlen sich um ihre Lebensleistung betrogen und über den Tisch gezogen.“ Massive Rentensenkung, Riestertäuschung, volle Pflegebeiträge und volle Besteuerung der Renten seien nicht mehr hinzunehmen, sagt das Mitglied der Arbeitskreise Senioren, Gerechtigkeit und Solidarität.

Unter der Überschrift „Gerechtes, ökologisches und soziales Deutschland“ wollen die Senioren der IG Metall auf das Thema Altersarmut aufmerksam machen. Dazu haben die Gewerkschafter eine Fahrradtour am 1. Oktober organisiert, die um 10 Uhr vor ihrem Büro im Wedenkamp 34 in Elmshorn beginnt. „Wir wollen mit gelben Westen und Fahrrädern durch die Stadt fahren und vor dem Seniorenheim Lindenpark und der Tafel, der IHK, der Deutschen Bank und der Verwaltung des Kreises unsere Forderungen erläutern“, sagt Nestmann.

Tafel registriert immer mehr Kunden

Armut hat viele Gesichter und Gründe, das weiß auch Dörte Lippold, seit 2013 Leiterin der Elmshorner Tafel am Christus Zentrum Arche. „Die Zahl der Bedürftigen, die unseren täglichen Mittagstisch nutzen, wächst“, sagt sie. Ein Großteil seien deutsche Senioren. Für einen Euro erhalten sie eine warme Mahlzeit. Auf der Speisekarte steht deftige Hausmannskost wie Hähnchenkeule mit Rotkohl und Kartoffeln oder Kasselerbraten. Religiöse Speisengebote werden nicht berücksichtigt. „So erreichen wir bei all der Not auch wieder deutsche Bedürftige.“ Viele hätten während der Flüchtlingskrise den Gang zur Tafel gemieden. „Während es vor zwei Jahren etwa 1000 Abholungen pro Woche waren, sind es heute 1200 bis 1500. Darin enthalten sind auch die Nutzer des Mittagstisches“, sagt Lippold. Zudem hat die Tafel Elmshorn seit einem Jahr eine zusätzliche Warenausgabe am Hainholzer Damm, wo dreimal die Woche Lebensmittel verteilt werden.

„Während es 1995 in Deutschland 35 Tafeln gab, ist ihre Zahl auf mehr als 900 angestiegen“, sagt Nestmann. Dennoch habe er das Gefühl, dass das Thema Armut im reichen Deutschland politisch kaum eines sei. Dabei bemerkt auch Martina Bieller-Großkopf, Einrichtungsleiterin der Johanniter-Seniorenresidenz Lindenpark, eine Verschärfung der Altersarmut. „Wir sind gerade in Pflegesatzverhandlungen mit den Krankenkassen“, sagt sie. Während der Eigenanteil der Bewohner stetig steige, stagniere der Anteil der Kassen seit Jahren. Die Rente reiche oft nicht für einen Platz im Seniorenheim. „Von den 145 Bewohnern beziehen 21 Prozent Sozialleistungen.“

Der Eigenanteil von 1654 Euro – damit liegt die Einrichtung im Mittelfeld – werde noch steigen, weil auch die Personalkosten, die 60 Prozent der Gesamtkosten ausmachten, gestiegen sind. „Wenn wir keine vernünftigen Löhne zahlen, können wir unsere Fachkräfte nicht halten“, sagt Bieller-Großkopf. Und die fehlten so schon an allen Ecken. „Wir haben Platz für 160 Senioren, aber nur Personal für 145.“ Die Einrichtung müsse keine Gewinne erzielen, aber im vergangenen Jahr sei sie defizitär gewesen. „In der Pflege muss sich endlich etwas ändern“, mahnt Bieller-Großkopf.

Zahl der von Armut betroffenen Rentner hat sich in den vergangenen elf Jahren verdoppelt

Die Zahl der von Armut betroffenen Rentner habe sich in den vergangenen elf Jahren verdoppelt, so Nestmann. „Die tatsächliche Zahl der Rentner, die an der Armutsgrenze und darunter leben, ist sehr viel höher“, sagt er. Denn Rentner, die Wohngeld beziehen, seien nicht berücksichtigt, und diejenigen, die mit ihrer Rente zwischen der Grundsicherungsgrenze von 790 Euro und dem Armutsschwellenbetrag von 980 Euro liegen, ebenfalls nicht. Nicht erfasst werden auch Personen, die zwar Anspruch auf Grundsicherung hätten, ihn aber nicht wahrnehmen, zum Beispiel aus Scham oder Unwissenheit. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat ermittelt, dass mittlerweile 3,2 Millionen Deutsche im Rentenalter arm sind. „Diese Zahl wird absehbar noch dramatisch zunehmen“, sagt Nestmann.

Im Jahr 2013 sei die Kaufkraft, und damit der Lebensstandard, auf das Niveau von 1983 gesunken. Nestmann geht mit der Politik hart ins Gericht: „Finanzminister Olaf Scholz führt mindestens neun Prozent seines Haushalts als Schattenhaushalt. Ohne Zugriff auf die Rentenkasse wäre seine schwarze Null Makulatur. 2019 hat er bereits 30 Milliarden Euro entnommen.“ Nicht beitragsgedeckte, versicherungsfremde Leistungen aus Steuermitteln müssten vollständig ausgeglichen werden, so Nestmann.

Er und seine Mitstreiter halten eine Reform für notwendig. So fordern sie eine Erwerbstätigenrente, in die auch Beamte, Politiker und Selbstständige einzahlen sowie Mindestrenten von 60 Prozent des mittleren Einkommens. Renten aus gesetzlichen Rentenversicherungen müssten 75 Prozent netto des im Arbeitsleben erzielten Einkommens betragen. Zudem sollte die Rentenkommission der Bundesregierung ihre Geheimhaltungsverpflichtung beenden. Nestmann hat eine entsprechende Petition an Sozialminister Hubertus Heil verfasst.