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„Lütt Paris“ – Spitzen-Theater aus Rellingen

Martha Joost (Heike Berg) eröffnet mit 80 Jahren einen Dessous-Laden.

Martha Joost (Heike Berg) eröffnet mit 80 Jahren einen Dessous-Laden.

Foto: Herbert Flick

Zwei Machos, fünf Frauen und ein Dessous-Laden: Am 20. September feiert der Theaterverein Rellingen mit dem Stück „Lütt Paris“ Premiere.

Rellingen.  Kann es sein, dass Frauen etwas länger brauchen, um ihren großen Traum zu verwirklichen? Die meisten der fünf Frauen in dem Stück „Lütt Paris“ müssen dafür jedenfalls älter werden als ihre Männer. Titelfigur Martha sogar, bis sie 80 wird. Dann allerdings geht sie in die Vollen und eröffnet – gegen den Widerstand des Pastors und des Bürgermeisters – einen Dessous-Laden. Stefan Vögel hat mit der neu betitelten plattdeutschen Komödie „Lütt Paris“ den erfolgreichen Schweizerischen Film „Die Herbstzeitlosen“ adaptiert. Sie wurde bereits am Ohnsorg Theater und an anderen plattdeutschen Bühnen aufgeführt - und jetzt in Rellingen vom rührigen Theaterverein. Premiere ist am Freitag, 20. September.

Hannelore Koebe und Anja Radtke, die beim Redaktionsbesuch über ihre neueste Produktion plaudern, ist die Vorfreude anzumerken: Nur noch gut eine Woche bis zur Premiere! Seit 1962 ist Hannelore Koebe im Amateurtheaterverein aktiv, sie führt Regie, und „wenn man mich lässt“, spielt sie auch mit. Plattdeutsch – kein Problem! „Wir haben es uns auf die Fahnen geschrieben, diese alte Sprache zu erhalten“, sagt die Hobby-Regisseurin und frühere Bürosachbearbeiterin. „Wenn ich Menschen zum Lachen bringen kann, ist das toll.“ Früher seien fast nur Bauernschwänke gespielt worden. Das ist vorbei, auch der Rellinger Theaterverein geht mit der Zeit. Heute kommen moderne Stücke auf die Bühne, meist Komödien, aber auch Krimis und manchmal sogar ein Musical.

Anja Radtke, die sechs Jahre Bürgermeisterin in Rellingen war, will dagegen nicht auf der Bühne stehen, zumal sie kein Plattdeutsch kann. Aber sie unterstützt den Verein nach Kräften, will „helfen, wo ich kann“ und ist total begeistert. „Das weiterzugeben ist wichtig für das Miteinander im Ort“, sagt sie.

Nach „Jungfer Julchen“, dem durchtriebenen Frauenzimmer, nun also „Lütt Paris“. Auch in diesem Stück haben die Männer nur scheinbar die Macht. In Wirklichkeit zeigen ihnen am Ende die Frauen, dass sie ja doch machen, was sie wollen. Hauptfigur Martha hat, als sie jung war, ihrem Mann zuliebe ihre Schneiderei aufgegeben und mit ihm einen Gemischtwarenladen geführt. Nun ist er tot, nach einer Sinnkrise schwindet ihre Lebensmüdigkeit, und Martha entsinnt sich, ermutigt durch ihre Freundinnen, ihres Jugendtraums, einen Laden für Unterwäsche zu eröffnen. Gegen die Stimmen der vermeintlichen Tugendwächter, des Pastors und des Bürgermeisters, die die Realisierung ihres Traums wider die guten Sitten zu vereiteln trachten.

Die Handlung macht nicht die Würze des Stücks aus. Es ist die Summe dessen, was zwischen den Zeilen steht, die Summe an verdrängten Wünschen, an Ungelebtem und schweigendem Einstecken - und auf der anderen Seite die Kraft des Humors, der Raffinesse, unbesiegbarer Lebenslust und Frivolität.

120 Mitglieder hat der Rellinger Theaterverein, der in diesem Jahr seinen 90. Geburtstag feiert. Rund 30 Mitglieder sind beim aktuellen Stück auf und hinter der Bühne dabei, es spielen „zwei Machos und fünf Frauen“, so Hannelore Koebe und Anja Radke. Neun Bilder hat die Geschichte, das heißt: Neunmal wird umgebaut. Das will gekonnt sein. In „Lütt Paris“ kündigt eine Art Nummern-Girl das nächste Kapitel an.

Jeder wolle natürlich mal spielen, aber die Rollen müssten auch passen, und „weniger Begabte bekommen dann kleinere Rollen“, sagt die Regisseurin. Der Fundus, der im selbst finanzierten Anbau an der Caspar-Voght-Schule untergebracht ist, umfasst mehrere hundert Kostüme, und wenn die Heizung ausfällt, werden noch kurz vor der Premiere Heizlüfter organisiert, damit niemand im Kalten sitzen muss.

Es gab natürlich noch mehr missliche Situationen. Was tun, wenn die Hauptdarstellerin keine Stimme hat? „Sie hat gespielt, und ich habe aus dem Soufflierkasten gesprochen und gesungen“, sagt Hannelore Koebe lachend.

Junge Leute sind eher selten, auf der Bühne ebenso wie im Publikum. Das macht den beiden Kopfzerbrechen. Wenn junge Darsteller mitspielen, bringen sie bisweilen ihre Freunde mit, „wir hoffen dann, dass sie wiederkommen“. Inzwischen müssen Studierende, Auszubildende und Schüler keinen Eintritt mehr zahlen - „so spricht sich das vielleicht besser herum, dass es beim Rellinger Theaterverein viel zu Lachen gibt.“

„Lütt Paris“ Premiere Fr 20.9. (19.30 Uhr) Turnhalle Egenbüttel, Schulweg 2, Sa 21.9. (19.30 Uhr) und So 22.9. (18 Uhr) Halstenbek, Wolfgang Borchert Gymnasium, Fr 27.9. (19.30 Uhr) Rellinger Hof, Sa 28.9. (19.30 Uhr) und So 29.9. (18 Uhr) Kulturtreff Rugenbarg, Ellerbek. Eintritt zehn Euro, Karten u.a. bei Lesestoff, Hauptstr. 74