Pinneberg
Hamburg/Pinneberg

Kunstaktion: Zu Fuß von Hamburg nach Pinneberg

Drostei in Sicht! Nach viereinhalb Stunden erreicht die in Altona gestartete Wandergruppe das Pinneberger Zentrum.

Drostei in Sicht! Nach viereinhalb Stunden erreicht die in Altona gestartete Wandergruppe das Pinneberger Zentrum.

Foto: Valentin Kraner

Künstlergruppe empfindet nach, wie die Hamburger wochenends der Sommerfrische entgegen gelaufen sind.

Hamburg/Pinneberg.  „Wer geht heutzutage noch zu Fuß, wenn er 15 Kilometer zurücklegen möchte?“, fragt sich Mioq vom Künstlerkollektiv Feine Menschen: „Unser Alltag wird immer schneller, es wird Zeit, dass wir ihn entschleunigen.“ Vor zwei Stunden hat ihre Wanderung von Altona nach Pinneberg begonnen, auf denselben Wegen, die Hamburger (und Altonaer) bereits im 18. Jahrhundert nutzten, um den damaligen Umfeldtourismusmagnet Pinneberg zu besuchen. Mit ihr wandern ihre Künstlerkollegen Gagel und Florian Huber. Auch die Leiterin des Pinneberg Museums, Ina Duggen-Below, und die beiden leidenschaftlichen Wanderer Kay Schultz und Karin Mündel aus Krupunder haben sich der Künstlergruppe angeschlossen.

Dieselben Wege wie damals, das bedeutet heute vor allem Lärm. Die Zeiten, in denen die Kieler Straße in Hamburg noch eine mit Kopfsteinpflaster bedeckte Allee war, über die hin und wieder ein trabendes Pferd einen Wagen zog, sind vorbei. Heute donnern Lkw über den Asphalt, statt kleiner Tante-Emma Läden stehen hier heute Schnellrestaurants. Doch wer genau hinschaut, findet grüne Oasen in der Großstadtwüste.

Eine davon: der Solar Bona Park direkt an der Kieler Straße. Hier pausiert die Wandergruppe zum ersten Mal. Knapp sieben Kilometer Weg liegen bereits hinter ihnen, für müde Füße hat die Künstlerin Gagel ein Fußbad aufgebaut. Währenddessen erzählt Mioq die Geschichte des Parks: Ende des 18. Jahrhunderts legte ein Geistlicher den Park an, den er als Garten für seine Gaststätte nutzen wollte. Zunächst zog er mit dem naturbelassenen Park insbesondere Städter an, die im damals beschaulichen Eidelstedt ihre Freizeit verbrachten. Doch nachdem der Geistliche seine Gäste nur noch von als Schäferinnen verkleideten jungen Mädchen bedienen ließ, geriet sein Geschäft schnell als anrüchig in Verruf und musste schließen. Heute ist der Park eine öffentliche Grünfläche.

Doch viel Zeit für Wellness und Geschichte bleibt nicht, schließlich hat die Wandertruppe noch einen weiten Weg vor sich. Weiter geht es über die Holsteiner Chaussee, vorbei am Eidelstedter Platz, gerade Richtung Halstenbek.

Viele Details erkennen Reisende nur zu Fuß

Die Wanderlust früherer Hamburger wird nun nachvollziehbarer. Weniger Lärm, mehr Grün. „Bei einer Fußreise ist der Weg ein Teil vom Ziel“, erklärt Gagel: „Mit dem Auto bin ich vielleicht schneller, aber viele Details bleiben verborgen.“ Nun nehmen sie jeden Vorgarten an der Pinneberger Chaussee genau unter die Lupe und begutachten die schönsten Wildblumen.

Dann führt die Wanderroute die Fußreisenden an den Krupunder See, die zweite Möglichkeit, eine kleine Pause zu machen. Statt Fußbad hat die Künstlerin Mioq hier auf einem kleinen Steg, der in den malerischen See zeigt, eine kleine Lesung organisiert. Das Buch „Pinneberg als Pensionopolis“ beschäftigt sich mit der Ausrichtung Pinnebergs auf den Tourismusverkehr vor mehr als 100 Jahren. Die beschauliche Kleinstadt sei ein wahres Refugium für Städter gewesen, die hier der industriellen Luft und dem Großstadtleben zu entfliehen versuchten. Zwar hätte sich auch Pinneberg in dieser Zeit industriell weiterentwickelt, doch die Anlagen seien meist versteckt oder dekorativ gestaltet worden. Eine romantische Idylle.

Nach einer viertel Stunde setzt sich die Gruppe wieder in Bewegung, Reihenhäuser und Wohnungsblocks weichen nun Feldern und Wiesen. Doch der Schein vom ruhigen Landleben währt nur kurz, dann erreichen die Reisenden die auch als Wohnmeile bekannte Gärtnerstraße. Schlagartig wird es lauter, die Parkplätze der Möbelgeschäfte sind gefüllt, im Hintergrund rauscht beständig die Autobahn 23. Doch auch hier sind die Hamburger damals gewandert, und deshalb halten sich die Feinen Menschen und ihre Begleiter an die ursprüngliche Route. Sie lassen die Meile zügig hinter sich, biegen ab in kleinere Straßen, entlang der neuen Fahrradstraße direkt bis zum Pinneberger Ortseingang – dem letzten Stop vorm Ziel am Pinneberg Museum. Diese Pause fällt kürzer aus, nach einer kleinen Stärkung in Form von Traubenzucker beginnen die letzten Kilometer. Diese erstrecken sich auch entlang des Fahlts. Der Pinneberger Stadtwald war im 18. Jahrhundert eines der Highlights für Besucher. Ruhig und dennoch zentrumsnah, dazu ein einzigartiges Licht, das durch die Baumwipfel scheint. Wenigstens dieses Licht leuchtet auf die Blätter der Bäume heute genauso wie dereinst.

Am Museum ist die Reise zu Ende. Mioq sagt: „Jetzt bin ich wirklich entspannt.“