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Ortsentwicklung – Quo vadis, Rellingen?

Unternehmer Thomas Pötzsch, Chef der Rellinger Logistikfirma CTP, auf dem Dach seines Firmensitzes

Unternehmer Thomas Pötzsch, Chef der Rellinger Logistikfirma CTP, auf dem Dach seines Firmensitzes

Foto: Katja Engler

Die einen wollen sich erholen, die anderen wollen Neuansiedlungen: Die Frage, wie Rellingen sich künftig entwickeln soll, ist ein Zankapfel.

Rellingen.  Alles scheint wunderbar im schuldenfreien Rellingen: Gewerbesteuern füllen das Säckel, die Geschäfte laufen gut bei geringem Leerstand, es gibt genug Parkplätze, wenig Kriminalität, die Einwohner sind gut betucht und soziale Konflikte selten. Doch ist wirklich alles so positiv? Wie hat sich die jahrzehntelange absolute Mehrheit der CDU ausgewirkt? Wie viel Initiative kommt noch von Grünen und SPD, die in der Gemeindevertretung gemeinsam eine Stimme weniger haben als die CDU? Und wo soll der Ort in 20, 30 Jahren stehen? Ein Stimmungsbericht.

Seit Kurzem weht der Wind in Rellingen ungewohnt kräftig von vorn: Bürger gehen auf die Barrikaden, weil sie die Verkehrsflut am Baumschulenweg nicht mehr aushalten, zu Hunderten kommen sie ins Rathaus, um sich über das geplante Gewerbegebiet Kellerstraße zu informieren und zu echauffieren. Über Gewerbeansiedlung und die Zukunft des Ortszentrums macht sich Bürgermeister Marc Trampe bereits länger Gedanken. Und der Rellinger Unternehmer Thomas Pötzsch arbeitet konkrete Konzepte aus, während sich die Parteien mit Ideen eher zurückhalten.

Geht es um die Weiterentwicklung des Ortskerns und nicht nur der Gewerbegebiete, zeichnet sich also ebenfalls ein heterogenes Bild ab. Fest steht: Auch in Rellingen läuft es im Einzelhandel nicht mehr so rosig wie früher. Nach Vorliegen eines Einzelhandelskonzeptes sind nun alle gespannt auf ein Gutachten zur Ortsentwicklung, mit dem, wie berichtet, ein Planungsbüro beauftragt worden ist. Bürgermeister Marc Trampe wünscht sich, dass neue Orte der Begegnung entstehen. Er hofft, „mit einem stimmigen Gesamtkonzept auch die zu überzeugen, die noch auf der Bremse stehen“.

Im teilverwaisten Arkadenhof etwa stellt Trampe wenig Leben fest. Es sei wünschenswert, das gesamte Areal mit der leeren alten Post neu zu überplanen. Warum, ist gleich zu sehen: ein Sammelsurium gesichtsloser Hinterhofbauten verschiedener Eigentümer. Auch die Wohnungseigentümer im Arkadenhof haben ein Wörtchen mitzureden.

Stadtplaner ist ein eigener Beruf, der ein langes Studium voraussetzt. Wer Städte plant, hat zwar die wirtschaftliche Blüte des jeweiligen Ortes im Blick, es spielen aber noch weitere Faktoren eine zentrale und keine Nebenrolle: Verkehrs- und Lärmplanung, ein Bewusstsein für das historisch Gewachsene, das Können, Vorhandenes ästhetisch überzeugend mit Neuem in Einklang zu bringen, Fußgängerfreundlichkeit, durchdacht und ausreichend angelegtes Grün, Bänke, Spiel- und Aufenthaltsflächen für alle Altersgruppen, Sichtbeziehungen, Pflege und vieles mehr.

Unternehmer machte sich die greifbarsten Gedanken

Wieland Witt, Vorsitzender des Heimatvereins, sieht die aktuelle Situation kritisch: „Es muss auf dem Sektor Planen und Bauen zukünftig eine Mischung geben aus einer ökonomisch und einer humanistisch orientierten Regelung der Vernunft“, sagt er. Derzeit regiere aber „die pure ökonomische Logik. So wie die Arbeitsergebnisse des Sektors Planen und Bauen sich in den letzten Jahren zeigen, müssten sie eigentlich der Stabsstelle Wirtschaftsförderung der Gemeinde Rellingen unterstellt sein.“

Diese arbeite als serviceorientierter Dienstleister für die heimische Wirtschaft und für externe Investoren und „eigentlich gegen die für die Bauausschussmitglieder geforderten und zu treffenden Entscheidungen, etwa Berücksichtigung der Belange der Ortbildgestaltung, Verbindung von Altbestand und Neubauten hinsichtlich Architektur, Historie, Ästhetik, Natur- und Umweltschutz“, sagt Witt.

Wenn auch nicht in diesem Umfang, so hat sich der studierte Diplompädagoge Thomas Pötzsch über sinnvollen Einzelhandel und Dienstleistungen vor Ort die greifbarsten Gedanken gemacht und zu diesem Zweck diverse Unternehmen angesprochen. Seine Logistik-Firma CTP hat seit 2012 ihren Sitz in Rellingen, wo Pötzsch am Stawedder eine schöne, alte Villa mit einem modernen, schiffsförmigen Glas-Stahlbau amalgamiert hat.

Mit seinem Engagement verfolgt Pötsch auch eigene Interessen: Denn weil das Logistikgeschäft längst keine sichere Bank mehr ist, hat Pötzsch vor zehn Jahren begonnen, in Rellingen, wo er seit 25 Jahren lebt, abgängige Immobilien aufzukaufen, die inzwischen in der Summe ein beachtliches Gestaltungspotenzial bergen. Darunter sind auch einige Ladenflächen im Arkadenhof. Ortsentwicklung, sagt Pötzsch, sei ohne eine florierende Wirtschaft nicht möglich. Rellingen will er zu einem interessanten, anziehenden Standort machen. Als ehemaliger Waldorfschüler und Quereinsteiger wählt er dafür einen unüblichen Weg: Er möchte seine Flächen und die umliegenden gemeinsam mit möglichst vielen umgestalten. Das allerdings stockt.

In Rellingen beklagt Pötzsch „ein jahrelanges konzeptionsloses Ausprobieren“. Mehrere alte Gewerbegebiete stünden leer oder würfen kaum Steuern ab, da sei es doch besser, solche Flächen künftig zu verpachten, statt sie zu verkaufen. Er sei kein Investor, der Rellingen umgestalten wolle, aber beim Arkadenhof wolle er „die Gestaltungskraft übernehmen“. Eine Einkaufsstraße ohne Konzept sei zum Scheitern verurteilt, deshalb möchte Pötzsch das stärken, was sowieso schon vorhanden ist: Er will Rellingen zum Zentrum für Lifestyle, Prävention, gutes Leben und Gesundheit machen, Gastronomie für Junge und Ältere herholen.

In der Tat ist für diese Spezialisierung, die von Teilen der Politik und dem Bürgermeister begrüßt wird, bereits vieles vor Ort: das gerade gerettete Sportartikelgeschäft Nordsport, einige Physiotherapeuten und Osteopathen, das Sanitätshaus S’tatics, die Tanzschule und ein Fitnesscenter mit Powerplate. Die freien Flächen möchte Pötzsch so besetzen, „dass es allen nützt. Mit einer möglichst großen Vielfalt und ohne die Gefahr der Kannibalisierung.“ Das alles will er nicht allein stemmen, sondern er kann sich vorstellen, seine Flächen mittelfristig in einen neu zu gründenden Rellingen-Fonds einzubringen: „Jeder, der will, könnte Anteile daran kaufen und Stimmrechte erwerben. Ich will nicht der König sein, der alles bestimmt. Ich suche Mitmacher.“

Die Grünen haben ihn kürzlich eingeladen, weil „wir uns im Klaren darüber sind, dass sich Eigentümer und Politiker wunderbar gegenseitig blockieren können“, sagt der Fraktionsvorsitzende Achim Diekmann. Über das ideale Konzept habe bislang keine Auseinandersetzung stattgefunden, klagt sein Parteikollege Heiner Hofmann. Die Grünen wünschen sich bei der Umgestaltung eine Bürgerbeteiligung und machen sich außerdem Sorgen um die zunehmenden Blechlawinen: „Mehr Verkehr ist nicht mehr gesund“, sagt Hofmann.

SPD und Grüne wollen den Ortskern entschleunigen

Der Ort solle attraktiver werden, was für die Grünen heißt: fahrrad- und fußgängerfreundlicher. Für die Hauptstraße wünschen sie sich Tempo 30. Ähnlich stellt sich das auch die SPD vor. „Die jetzigen Pläne haben mit Stadtplanung nichts zu tun. Da vermisse ich den Weitblick“, sagt der Fraktionsvorsitzende Christian Zimmermann. „Stadtentwicklung bedeutet nicht, dass möglichst viele Leute zum Einkaufen kommen. Sondern zum Beispiel, dass die Hauptstraße ruhiger wird, damit man entspannt daran entlangspazieren oder in einem Café sitzen kann“, sagt der SPD-Fraktionschef.

Im Jahr 2015 haben Studierende der Hamburger Hafencity-Universität das aufwendige, analytische und visionäre Vorort-Projekt „Suburbia“ in Rellingen realisiert. Sie redeten über mehrere Tage mit Bewohnern, schauten sich genauestens um. Den historischen Ortskern nahmen sie „als sehr netten und freundlichen Ort wahr. Durch die Hauptstraße und die geringe Nutzung wirkt dieser jedoch nahezu verlassen und vergessen“, so ihre Beobachtung.

Studenten sahen Potenzial im Flüsschen Mühlenau

Das interessanteste Potenzial Rellingens sahen sie in der durch die Gemeinde fließenden Mühlenau: „Ein möglicher Wanderweg entlang des Flusses könnte zur Erholung genutzt werden“, schlugen sie vor. Der kleine See in der Nähe „würde sich als Erholungsgebiet anbieten, da es in Rellingen an solchen Flächen mangelt.“ SPD-Mann Christian Zimmermann sagt dazu: „Wir finden das super. Wir sollten das, was wir haben, veredeln, den Fluss zum Spazierengehen erreichbar machen.“

Es gehe eben nicht nur um volle Geschäfte, sondern es gehe auch darum, sich im Ort wohlzufühlen: „Es gibt viele Außenaktivitäten, die nicht ins Einkaufen münden“, sagt Zimmermann. Deshalb müsse im Zentrum auch mehr für Jugendliche passieren, die derzeit in die Oase an der Caspar-Voght-Schule fahren müssten, um sich dort mit ihren Freunden zu treffen.

Aus Sicht der CDU steht und fällt die Ortsentwicklung mit der Modernisierung von Edeka. Von einem weiteren Gutachten erwartet der Fraktionsvorsitzende Dieter Beyrle nicht allzu viel: „Eine positive Gestaltung kann helfen, ist aber nie die Antwort“, sagt er. „Die Geschäfte müssen für sich Antworten finden, wie sie ihre Kunden halten.“ Von dem Gutachten erhofft er sich „Ideen, die uns einen oder zwei Schritte weiter bringen“.

Der Unternehmer Thomas Pötzsch hat Dieter Beyerles Vorstellungen von Eigeninitiative bereits entsprochen. Er wird wohl als Erster in der Gemeinde seinen Rellingen-Traum in die Tat umsetzen.