Kreis Pinneberg

Rellinger ächzen unter dem Schwerlastverkehr

| Lesedauer: 6 Minuten
Nico Binde
Schon wieder donnert ein Lastwagen vorbei. Die Anwohner Bernd Huckfeldt (r.) und Thomas Haut fordern eine Beruhigung der Straße.

Schon wieder donnert ein Lastwagen vorbei. Die Anwohner Bernd Huckfeldt (r.) und Thomas Haut fordern eine Beruhigung der Straße.

Foto: Nico Binde / HA

Raser, Lkw, kaum Platz und jetzt noch eine tiefer gelegte Brücke: Rellinger Anwohner und Gewerbebetriebe fordern Gemeinde zum Handeln auf.

Rellingen. Es dauert es keine Minute, bis Bernd Huckfeldt unterbrochen wird und sein eigenes Wort nicht mehr versteht. Gerade hat er im Schatten seines Hauses Platz genommen, um vom täglichen Irrsinn zu erzählen, da wird er von der Realität eingeholt. Er muss den Satz abbrechen, lässt den dröhnenden Lkw vorbeischeppern und fängt neu an. Erzählt, wie aufreibend der Alltag am Baumschulenweg in Rellingen so ist – und dabei sei der Lärm noch das geringste Problem.

Es ist früher Nachmittag an der verkehrsberuhigten Wohnstraße, doch die Uhrzeit ist egal. Denn jeden Tag schieben sich hier rund um die Uhr etliche Lastwagen, Transporter und der ganz normale Abkürzungsverkehr an den Anwohnern vorbei. An das eigentlich geltende Tempo 30 hält sich kaum jemand. Das hat eine Verkehrsmessung im Juni ergeben (siehe Infotext).

Lärm und Temposünder sind das eine, das andere ist die Straße selbst. Fünf Meter breit, links und rechts wird geparkt, der Asphalt ist in bedauernswertem Zustand. Radwege fehlen, die Bürgersteige sind schmal, wenn sich hier zwei Lastwagen begegnen, ist erst mal Stillstand. Für diese Verkehrsbelastung ist der Baumschulenweg nicht vorgesehen. In Summe, sagt Anwohner Huckfeldt, „würde ich meine Kinder hier nicht allein auf die Straße lassen.“ Zu risikoreich. „Es muss dringend etwas passieren.“

Es passiert aber nichts. Deshalb haben sich mehr als 100 Anwohner zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen und sich mit einer Vier-Punkte-Forderung an die Gemeinde Rellingen gewandt. Sie fordern die Sanierung der Fahrbahndecke, eine Wiederherstellung des Schutzstreifens für Radfahrer und ein fest installiertes Geschwindigkeitsmessdisplay. Allein das Display bringe einen nachweisbaren psychologischen Effekt bei Autofahrern und damit zumindest eine Temporeduzierung.

Verkehrsausschuss war gegen Geschwindigkeitsmessdisplays

Um ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen, waren die Anwohner erst im Verkehrsausschuss, dann haben sie Bürgermeister Marc Trampe geschrieben. Bislang ohne zufriedenstellende Antwort. Im Verkehrsausschuss wurden die etwa 6000 Euro teuren Displays mehrheitlich abgelehnt, eine Sanierung der Straße soll beim derzeit erstellten Rellinger Sanierungskonzept abgewägt werden. Mit anderen Worten: Es dauert. Wenn überhaupt etwas passiert. „Wir hatten keine utopischen Forderungen“, fasst Bernd Huckfeldt zusammen. „Wir wollen nur ernst genommen werden.“ Dieses Gefühl haben den Anwohnern die Gemeindevertreter bisher nicht vermittelt. „Dabei wollen wir nur Sachen, die der Sicherheit der Bürger dienen, und über solche Einwohner sollte man sich doch eigentlich freuen.“

Verschärft wurde das Leben an der beliebten und belebten Ausweichstrecke durch die Sperrung der Tangstedter Straße. Wegen der A-23-Brückensanierung mussten Autos andere Wege nach und aus Pinneberg finden – viele fanden den Rellinger Baumschulenweg. Infolge dessen gesellt sich zum Schwerlastverkehr für die ansässigen Baumschulen oder die Betonwerke nun noch ein Teil der Umleitungsfahrenden. Und Besserung ist vorerst nicht in Sicht.

Denn nach der Brückensanierung an der A 23 werden viele Lkw auch die Tangstedter Straße nicht mehr befahren können, die Durchfahrtshöhe reduziert sich auf 3,8 Meter. „Normale Sattelzüge brauchen 4 Meter“, sagt Dirk Clasen von der ansässigen Clasen & Co. Baumschulen GmbH. Sein Zufahrtsweg werde deshalb zu einer Sackgasse. „Das ist eine massive Einschränkung unseres Geschäftsbetriebes.“ Auch er fordert eine Lösung der Verkehrsprobleme, denn dass der übrig gebliebene Baumschulenweg den Schwerlastverkehr nicht schlucken kann, meint auch er.

„Unterm Strich führt es zu dieser im negativen Sinn einzigartigen Verkehrssituation“, sagt Anwohner Huckfeldt. Er wohne seit 25 Jahren an der Straße, und so schlimm wie jetzt sei es noch nie gewesen. Er schätzt, dass jährlich 2500 Lkw durch die Anwohnerstraße donnern. Dafür sei sie nie angelegt worden.

„Uns geht es nicht um Wohlfühlkriterien, sondern um die einfache Verkehrssicherheit“, sagt Huckfeldt. Die Baumschulen und die Betonwerke sollen auch weiter beliefert werden. Die Betriebe seien auf Wachstumskurs, und die Anwohner stünden mit den Firmen in gutem Kontakt. Aber von der Gemeinde und vom Kreis erhoffen sie sich eben auch eine Anpassung der Straße an die geänderten Gegebenheiten. „Damit die vielen Familien, die hier noch immer wohnen, auch gefahrlos auf die Straße gehen können.“

Fahrradschutzstreifen soll wieder aufgemalt werden

Da die Gemeinde die Geschwindigkeitsdisplays nicht zur Verfügung stellen will und selbst die Polizei bei einer Verkehrsmessung zum Schluss gekommen sei, „das geht hier gar nicht“, ergreifen die Anwohner jetzt selbst die Initiative und wollen zumindest die Geschwindigkeitsmessgeräte beschaffen. „Wir haben uns gekümmert. Mal sehen, ob wir eines oder zwei bekommen“, sagt Huckfeldt.

Firmenchef Dirk Clasen fordert, dass die Tangstedter Straße unter der nun tiefer gelegten Autobahnbrücke ebenfalls abgesenkt wird, damit Sattelzüge wieder diesen Weg nehmen können und den Baumschulenweg entlasten. „Denn so kann es nicht noch zehn Jahre bleiben.“ Allerdings hatte der Landesbetrieb Verkehr diesen Plänen bei einem Vor-Ort-Termin wegen eines zu hohen Grundwasserspiegels eine Absage erteilt.

Und der Radweg? Der sei 2015 auf Geheiß des Verkehrsausschusses vom Kreis aufgehoben worden. Nun empfiehlt der Ausschuss der Gemeinde auf Drängen den Anwohner immerhin, dass die Verwaltung einen neuen Fahrradschutzstreifen nebst Piktogrammen bei der Verkehrsaufsicht des Kreises Pinneberg beantragen soll. Die Anwohner hoffen, dass bis dahin keine Unfälle zu etwas größerer Eile zwingen.

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