Pinneberg
Kreis Pinneberg

Der Widerstand gegen die XXL-Gastrasse wächst

Neuendeichs Bürgermeister Reinhard Pliquet (v. l., SPD), Harm Johannsen (Kreisbauernverband), Hetlingens Bürgermeister Michael Rahn (FW).

Neuendeichs Bürgermeister Reinhard Pliquet (v. l., SPD), Harm Johannsen (Kreisbauernverband), Hetlingens Bürgermeister Michael Rahn (FW).

Foto: Thomas Pöhlsen

Bürgermeister aus zehn Marschgemeinden unterschreiben Resolution gegen Leitungsbau. Vorwurf: Netzbetreiber prüft beste Variante nicht.

Hetlingen.  In der Unterelberegion wächst der Widerstand gegen den Bau einer XXL-Gastrasse von Brunsbüttel nach Hetlingen. Mit einer Resolution machen die Bürgermeister der zehn betroffenen Gemeinden aus dem Kreis Pinneberg Front gegen das Projekt der Gasunie Deutschland. „Es reicht! Unsere kleinen Gemeinde sind genug belastet“, sagt der Hetlinger Bürgermeister Michael Rahn (FW), und sein Kollegen aus Neuendeich, Reinhard Pliquet (SPD), sieht das auch so. Aus den Diskussionen in den Dörfern wissen sie, dass die große Mehrheit der Bürger ihre Meinung teilt.

Denn in Hetlingen stehen die beiden europaweit größten Strommasten. Die Leitungen von und zu den Riesenmasten durch die Marsch werden derzeit noch einmal aufgerüstet, um mehr Windstrom aus dem Norden in den Süden transportieren zu können. In Hetlingen arbeitet das größte Klärwerk Schleswig-Holsteins. Zudem ziehen sich zahlreiche Abwasserleitungen durch die Marschdörfer. Außerdem sind die Elbgemeinden noch als Alternativroute für die XXL-Stromleitung SuedLink im Gespräch. In Hetlingen würde die XXL-Gastrasse an eine bereits bestehende Gasunie-Trasse angeschlossen werden. Durch Neuendeich würde sich der mit Abstand längste Teil der Leitung ziehen. Zudem sind die Gemeinden Raa-Besenbek, Seester, Seestermühe, Groß Nordende, Moorrege, Haselau, Haseldorf und Heist betroffen.

Aus der Sicht der beiden Bürgermeister ist schon das derzeitige Raumordnungsverfahren, das das Kieler Innenministerium betreibt, eine Farce. Fünf Varianten mit mehreren Untervarianten hat Gasunie vorgeschlagen, gleichzeitig die Hetlingen-Variante als die einzig sinnvoll bezeichnet.

Bauern befürchten Schäden am Entwässerungssystem

Die nach Meinung der Bürgermeister beste Variante hat Gasunie aber gar nicht erst in das Planungsverfahren aufgenommen. „Es gibt bereits eine Trasse, und zwar von Brunsbüttel nach Klein Offenseth-Sparrieshoop“, erklärt Pliquet. An der dortigen Verteilstation hängt auch das Gasunie-Netz. Diese Trasse müsste nur aufgerüstet werden angesichts der deutlich größeren Menge Gas, die in Zukunft durch sie hindurchfließen soll. Allerdings gehört sie nicht der Gasunie, sondern der Schleswig-Holstein Netz AG. Die Leitungsbetreiber aus der niedersächsischen Hauptstadt müssten aus der Sicht der Bürgermeister jedoch ein vitales Interesse an einer Einigung haben, würden sie doch eine erhebliche Investitionssumme sparen. Ein weiterer Vorteil: Die bereits bestehende Trasse wäre zehn Kilometer kürzer als die zu bauende Trasse von Brunsbüttel nach Hetlingen.

Für Pliquet ist klar, warum die Gasunie eine Trasse durch die Marsch plant. „Hier sind hauptsächlich die Bauern betroffen“, sagt der Neuendeicher. Protest aus breiten Bevölkerungsschichten sei nicht zu erwarten, ganz anders als um die Jahrtausendwende, als der Bau der A 20 durch den Kreis Pinneberg geplant wurde. Irgendwann sei der Bau abgeschlossen, die Gasleitung liege unter der Erde, und das Ganze werde vergessen – das sei das Kalkül der Planer.

Zu den Gegnern des Projekts gehören damit auch die Landwirte, also die Besitzer des Bodens, den die Trassenbauer nutzen wollen. „Die Marsch hat ein differenziertes Entwässerungssystem, das durch die Bautätigkeit geschädigt werden kann“, sagt Harm Johannsen vom Kreisbauernverband. Schäden könnten sich teilweise erst nach einigen Jahre zeigen. Um diese Schäden ausgleichen zu können, wird in der Regel von dem Bauherren ein Ausgleichstopf geschaffen. Wenn der allerdings aufgebraucht ist, gehen auch die Landwirte leer aus, bei denen späte Schäden auftreten. Deswegen bringt der Hetlinger Michael Rahn eine Fondslösung ins Gespräch. Aus einem Fonds könnten auch zu einem späten Zeitpunkt Schäden ausgeglichen werden.

Positive Erinnerungen hat Rahn an die frühere Zusammenarbeit mit dem Fernleitungsnetzbetreiber mit Sitz in Hannover. Von 2013 bis 2016 erneuerte die Tochter des niederländischen Staatsunternehmens Gasunie NV aufwendig einen Elbdüker zwischen Hetlingen und Lühesand. „Es gab ein vernünftiges Verkehrskonzept, die Planer zeigten sich kompromissbereit, und es wurden mit den Landwirten vernünftige Verträge geschlossen“, berichtet er.

Seine jüngsten Erfahrungen mit dem Leitungsbetreiber seien allerdings negativ. Erst nach massivem öffentlichen Druck von Rahn und der Hetlinger CDU-Landtagsabgeordneten Barbara Ostmeier war Gasunie bereit, eine Informationsveranstaltung für die Bürger zu organisieren. Da lief allerdings schon die Einspruchsfrist im Rahmen des Raumordnungsverfahrens, dem ersten Schritt zur Genehmigung des Mega-Projekts. Und Rahn verweist auf ein Pilotprojekt der Schleswig-Holstein Netz AG in Brunsbüttel, mit dem Windstrom in Gas umgewandelt werden soll. „So etwas hätte ich mir auch von der Gasunie gewünscht“, sagt der Bürgermeister. „Wir alle wollen die Energiewende und dann muss man auch etwas dafür tun.“

Einen nicht ganz ernst gemeinten Vorschlag hat der Hetlinger Bürgermeister für den Fall, dass die Gastrasse durch die Marsch tatsächlich kommen sollte. „Dann können die Bauern auf dem erwärmten Boden über der Gasleitung Südfrüchte anbauen.“