Pinneberg
Elmshorn

Dem Untergang entgegen – aber mit viel Stil

Spektakuläre Aktion in Elmshorn: Der Performancekünstler Frank Bölter geht mit einem selbst gefalteten Papierboot auf der Krückau baden.

Elmshorn.  Am Anfang ist das Papier. Am Ende auch, allerdings von Wasser durchtränkt. Zwischen Anfang und Ende geht es um eine abenteuerliche Bootsfahrt. Und um einen Schiffbruch, der irgendwie vorhersehbar ist, einen Untergang erster Klasse. Trotzdem oder gerade deshalb: „Bis zum Ende der Welt“ – das hat Papierkünstler Frank Bölter als Ziel für sein neustes Projekt ausgegeben.

Zurück zum Anfang. Ein etwa 50 Quadratmeter großes Stück Papier, an sich wasserfestes Tetrapak-Material, liegt ausgebreitet auf dem Pott-Carstens-Platz am Nordufer der Krückau in Elmshorn. Bölter, Jahrgang 1969, steht am Rande auf der weißen Fläche und gibt Anweisungen. Denn aus dem Papier möchte er jetzt ein Boot falten, und die vielen neugierigen Menschen, die ihn umringen, sollen dabei helfen.

„Es geht mir dabei um die Gemeinschaft, um die Kommunikation, um das gemeinsamen Tun“, sagt Bölter. Schnell wird deutlich, was Gemeinschaft hier bedeutet. Alle packen mit an, um das überdimensionale Stück Papier in Form zu bringen. Das stellte sich als gar nicht so einfach heraus, insbesondere weil sich zwischendurch niemand so wirklich sicher ist, wie es denn jetzt weitergeht. Zum Glück hat Bölter einen Plan, denn dies ist nicht sein erstes Papierboot. Und im Team lässt sich tatsächlich jedes Problem umschiffen.

Nach etwas mehr als einer Stunde sieht das Papier tatsächlich aus wie ein Boot. Bölter hat noch ein paar Holzstäbe, Seile und Kabelbinder verbaut. Inzwischen regnet es in Strömen. Der Künstler ist begeistert, spricht: „Allein wäre das alles nicht möglich gewesen. Vielen Dank an alle, die heute mit dabei sind und mitgeholfen haben.“

Nun wäre das Boot bereit, um in die Krückau gelassen zu werden. Gemeinsam tragen die Helfer es ans Ufer. Die Spannung steigt. Es zu diesem Zeitpunkt vollkommen offen, ob die Fahrt gelingen wird. „Es darf und kann alles passieren“, sagt Sandra Havemeister, Künstlerin und Vorstand im Kunstverein Elmshorn. Frank Bölter stellt vorsichtshalber noch mal klar: „Es geht mir nicht darum, mit dem Schiff möglichst weit zu kommen.“ Also vielleicht doch nicht bis zum Ende der Welt.

Bölter trägt hellblaues T-Shirt, wadenlange, graue Funktionshose und braune Sandalen. So ein Outfit mag zum Bootsbau geeignet sein. Aber nicht, um an Bord zu gehen und abzulegen. Der Künstler verschwindet, um sich umzuziehen.

Bölter hat schon Panzer aus Papier gefaltet

Der Mann hat Erfahrung mit Papierschiffen, er beschäftigt sich bereits seit 20 Jahren öffentlichkeitswirksam mit Origamikunst. Vor zwölf Jahren beispielsweise versuchte er, mit einer ähnlichen Konstruktion von Lauenburg bis Brunsbüttel die Elbe entlang zu schippern. Das gelang damals nicht ganz. Neben seinen Schiffsprojekten entstanden bereits andere Pappe-Arbeiten wie „Auto mobil“, als er ein maßstabsgetreues Auto faltete und es für drei Wochen auf der Straße parkte, oder auch ein von Bundeswehrsoldaten und Flüchtlingen gemeinsam gefalteter Papier-Panzer. Bei all seinen Werken geht es Bölter immer besonders um die Nachricht, die hinter dem Projekt steht: „Die kollektive Erfahrung des Ereignisses verändert nachwirkend auch die Art und Weise, wie der Ort des Geschehen im gesellschaftlichen Gedächtnis wahrgenommen wird“, sagt er.

Passend dazu ist seine neueste Idee in Kooperation mit dem Projekt „Königstraße Elmshorn – 773 Schritte durch die Zeit“ realisiert worden. Bei diesem Projekt des Industriemuseums Elmshorn geht es um die Lage der Elmshorner „Kö“ an der Wasserstraße Krückau.

Frank Bölter erscheint wieder. Er hat jetzt einen dunkelblauen Anzug an, trägt dazu weißes Hemd und gestreifte Krawatte. Ein ungewöhnlicher Aufzug für so ein Projekt. Frank Bölter sagt: „Wenn ich untergehe, dann mit Stil.“ Er nimmt einen Passagier mit an Bord, es ist der zehn Jahre alte Fiete Wohlers aus Elmshorn, dem die Helfer vorsichtshalber eine Schwimmweste überstreifen.

Dann beginnt die Reise bis zum Ende der Welt. Sie endet nach 40 Metern an einem gelben Pfahl im Fluss. Das Boot sinkt. Helfer ziehen Passagier Fiete in ein Beiboot. Frank Bölter watet klatschnass, aber stilvoll an Land. Später wird er sagen, dass er die Aktion trotz des Schiffbruchs als vollen Erfolg werte. Da scheint die Sonne wieder.

Das gesunkene Schiff wird nach seinem großen Auftritt aus dem Wasser gefischt und kann seit Sonntag für drei Wochen im Torhaus in einer Kunstausstellung angesehen werden. Sie wird vom Kunstverein Elmshorn präsentiert und zeigt weitere Werke des Künstlers, darunter auch kleinformatige Papiermodelle, Zeichnungen und Dokumentationen über andere seiner Projekte.

Ausstellung: bis 8.9., Di–Fr 10–12 u. 16–18 Uhr, Sa+So 11–13 Uhr, Torhaus, Probstendamm, Eintritt frei