Pinneberg
Moorrege

Wenn die Mitarbeiterin zur Chefin wird

Sakine Boye (45), Geschäftsführerin von Holstein Kunststofftechnik, mit einem in Ihrer Firma hergestellten Spezialbehälter, der über ein Eingangsloch für Wartungszwecke verfügt.

Sakine Boye (45), Geschäftsführerin von Holstein Kunststofftechnik, mit einem in Ihrer Firma hergestellten Spezialbehälter, der über ein Eingangsloch für Wartungszwecke verfügt.

Foto: Arne Kolarczyk

Heute in der Serie „Wo in aller Welt“: Holstein Kunststofftechnik aus Moorrege stellt Spezialbehälter nach den Wünschen der Kunden her.

Moorrege..  Von der Mitarbeiterin zur Chefin – Sakine Boye ist diesen Weg gegangen. Seit 2015 ist sie Geschäftsführerin der Firma Holstein Kunststofftechnik GmbH in Moorrege und damit die Vorgesetzte von acht Mitarbeitern. Die stellen Spezialbehälter aus Kunststoff in allen Größen und Formen her – und beliefern damit Kunden in aller Welt.

1991 wurde das Unternehmen gegründet, der damalige Firmensitz lag an der Mühlenstraße in Pinneberg. Einige Jahre später, als die Auftragslage sich stetig verbesserte und mehr Platz benötigt wurde, erfolgte der Umzug in das Gewerbegebiet an der Beesenweide in Moorrege. Dort stieß auch Sakine Boye zum Team. „Damals wurde eine technische Zeichnerin gesucht“, erinnert sich die heutige Chefin, die Bauzeichnerin gelernt hat und viele Jahre als technische Zeichnerin und auch als Projektleiterin tätig war.

Sakine Boye legte siebenjährige Pause vom Berufsleben ein

Sie hatte damals aufgrund ihrer zwei Kinder eine siebenjährige Pause vom Berufsleben eingelegt. „Anfangs war es schwer, sich wieder einzufinden. Und ich musste ja vieles neues erlernen.“ Doch die heute 45-Jährige, die zunächst in Teilzeit anfing, machte ihre Sache gut. So gut, dass sie später von ihrem Chef, der sich zur Ruhe setzen wollte, das Angebot erhielt, die Firma zu übernehmen. „Ich habe damals nicht lange überlegt, bin quasi ins kalte Wasser gesprungen.“

Bereut hat sie es nie. „Wir arbeiten hier quasi wie in einer Familie zusammen, der Teamgedanke ist mir sehr wichtig.“ Die Chefin ist außer der Sekretärin die einzige Frau im Team. Die Arbeitsteilung sieht wie folgt aus: Sakine Boye konstruiert die Spezialbehälter, die dann von ihren Mitarbeitern gebaut werden. „Ich helfe auch mal in der Werkstatt aus“, sagt die 45-Jährige. Ihr fehle nur der Schweißerschein, ansonsten beherrsche sie alle Handgriffe, die ihre Mitarbeiter können müssen. „Den Schweißerschein will ich irgendwann auch noch machen“, sagt die Geschäftsführerin.

Die Spezialbehälter aus Kunststoff werden in Moorrege in allen Formen und Größen produziert. „Wir richten uns ganz nach den Wünschen und den Anforderungen der Kunden“, sagt die 45-Jährige. Die Firma stellt etwa Schwallwasserbehälter für Schwimmbäder her, die als Zwischenspeicher für Wasser dienen, das vom Schwimmbecken zur Wasseraufbereitung fließt. Auch Grauwasserbehälter, die meist auf Schiffen das Abwasser von Duschen und Waschbecken auffangen, gehören zum Sortiment. Transportbehälter, etwa für den Lebendtransport von Fischen, sind ebenfalls ein Standbein. „Wir haben auch die bauaufsichtliche Zulassung des Deutschen Institutes für Bautechnik, um Behälter zur Lagerung wassergefährdender Flüssigkeiten herzustellen“, sagt Boye. Dafür werden Doppelwandbehälter produziert, die etwa Säuren, Laugen und andere Stoffe aufnehmen können. Auch Rührwerks- und Salzlösebehälter, Filter, Galvanikbehälter, Apparate und Sonderbauteile gibt es made in Moorrege.

70 Prozent der Kunden sind bundesweit zu finden

„Häufig sollen die Behälter in den Produktionsgebäuden stehen“, so die 45-Jährige. In diesen Fällen liefere ihre Firma die Bauteile an, die Mitarbeiter von Holstein-Kunststofftechnik würden dann vor Ort den Aufbau mitübernehmen. „Ich selber bin ab und an auch beim Aufbau oder der Abnahme mit vor Ort“, verrät die Geschäftsführerin.

70 Prozent der Kunden des kleinen Unternehmens sind bundesweit zu finden, der Rest im Ausland. Aktuell kommen Aufträge aus Finnland, Frankreich und Russland. Doch auch Kunden in anderen Ländern hat das Unternehmen in seiner 28-jährigen Geschichte bereits beliefert – beispielsweise in Italien, Portugal oder den USA.

Sakine Boye will mit ihrem kleinen Unternehmen in Zukunft weiter wachsen. Die Auftragslage lässt dies auch zu, allerdings ist dafür die Personaldecke zu dünn. Und neue Mitarbeiter zu finden, werde immer schwieriger. „Der Fachkräftemangel wird für uns zum Problem.“ Alle Mitarbeiter, die aktuell im Unternehmen arbeiten, seien Quereinsteiger. „Wir brauchen Leute, die handwerklich gut sind die penibel und selbstorganisiert arbeiten können und keine Angst vor einer Bohrmaschine oder eine Tischkreissäge haben“, so die 45-Jährige. Doch gerade jüngere Leute hätten heutzutage keine Lust mehr auf eine auch körperlich herausfordernde Arbeit in der Werkstatt. „Viele bleiben ein bis zwei Tage oder halten maximal drei Monate durch“, bedauert Sakine Boye. In ihrer Not hat sie zuletzt einen 60-Jährigen eingestellt – und es nicht bereut. „Das passt, ich bin sehr glücklich mit dieser Entscheidung.“ Allerdings mache ihr Sorgen, dass der neue Mitarbeiter sich bald in die Rente verabschiedet.

Junge Frauen sollen sich in technischen Berufen ausbilden lassen

Über das Problem des Fachkräftemangels hat sich die 45-Jährige vor kurzem mit Paul Raab, Leiter der Geschäftsstelle der Industrie- und Handelskammer zu Elmshorn, und der Grünen-Landtagsabgeordneten Ines Strehlau aus Halstenbek ausgetauscht. Bei einem Besuch des kleinen Unternehmens rief Strehlau insbesondere junge Frauen auf, „sich zu trauen und sich in technischen Berufen ausbilden zu lassen“. Und IHK-Chef Raab riet der Geschäftsführerin, verstärkt in die Ausbildung im eigenen Haus zu investieren. „Die IHK hilft kleinen und mittelständischen Unternehmen dabei, passgenau die Anforderungen zu formulieren und die Auszubildenden zu suchen.“

Zwei Mitarbeiter im Porträt

Der dienstälteste Mitarbeiter kam über das Arbeitsamt

Stefan Heydorn (49) arbeitet seit zwölf Jahren für Holstein-Kunststofftechnik. „Ich bin damals über das Arbeitsamt zur Firma gekommen“, erinnert sich der gelernte Tischler. Er habe gleich zum damaligen Chef einen guten Draht gehabt und sei nach einem Praktikum eingestellt worden – zu diesem Zeitpunkt noch am Firmensitz in Pinneberg.„Das, was ich jetzt mache, ist gar nicht so weg von meinem alten Beruf“, sagt der 49-Jährige. Ihm gefalle besonders, dass die Arbeit abwechslungsreich ist. „Es gibt keinen Behälter, der dem anderen gleicht.“ Stefan Heydorn hat auch eine Vorliebe, was er am liebsten herstellt. „Meine Lieblingsbehälter sind rund und so groß wie möglich“, sagt er.In den zwölf Jahren für Holstein-Kunststofftechnik ist der 49-Jährige weit rumgekommen. „Ich habe schon Behälter in Portugal, der Türkei, Italien, Österreich und auch in New York montiert.“ Am liebsten, so Stefan Heydorn weiter, arbeite er jedoch in der Werkstatt in Moorrege.

Er wurde über eine Stellenanzeige auf die Firma aufmerksam

Matthias Wingert (37) ist gelernter Gas- und Wasserinstallateur, jüngster Mitarbeiter im Team und arbeitet seit 2011 für Holstein-Kunststofftechnik. „Ich bin durch eine Stellenanzeige auf das Unternehmen aufmerksam geworden“, erinnert er sich. Zunächst habe er gar nicht so genau gewusst, womit sich die Firma eigentlich beschäftigt. Das habe sich jedoch schnell geändert. „Heute erledige ich alle Abeiten. Bei uns muss jeder alles können“, sagt der 37-Jährige. Ihm gefalle besonders die Arbeitsatmosphäre. „Die Kollegen sind alle nett, die Chefin ist es auch.“Dafür nimmt Matthias Wingert auch einen langen Anfahrtsweg in Kauf. Der 37-jährige kommt jeden Tag aus Neumünster nach Moorrege zur Arbeit. „Ich brauche pro Strecke 50 Minuten bis eine Stunde“. Die Fahrt spart sich der 37-Jährige nur, wenn er für seinen Arbeitgeber auf Montage geht. Diverse Regionen in Deutschland und Länder in Europa hat er so schon kennen gelernt. „Am liebsten arbeite ich aber hier in der Werkstatt in Moorrege.“