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Kreis Pinneberg

Gewalt gegen Polizisten: Wenn die Angst mit auf Streife geht

Polizeigewerkschafter Sebastian Kratzert von der Polizeidirektion Bad Segeberg mit Kollegin Cindy Thiel, die Gewalt gegen die Polizei unmittelbar selbst erlebt hat.

Polizeigewerkschafter Sebastian Kratzert von der Polizeidirektion Bad Segeberg mit Kollegin Cindy Thiel, die Gewalt gegen die Polizei unmittelbar selbst erlebt hat.

Foto: Burkhard Fuchs

Gewerkschafter Kratzert und die betroffene Beamtin Thiel sprechen über ein Problem, das immer größer wird.

Kreis Pinneberg.  Die Gewalt gegen Polizeibeamte im Dienst nimmt zu. Das Innenministerium in Kiel hat dazu gerade auch den 90 Sekunden langen Image-Film „Respekt? Ehrensache“ drehen lassen, der demnächst in den Kinos gezeigt und für mehr Verständnis für uniformierte Beamte werben soll.

Auch in der für den Kreis Pinneberg zuständigen Polizeidirektion Bad Segeberg würden immer mehr Kollegen tätlich angegriffen, bedroht und beleidigt, sagt Sebastian Kratzert (42), Leiter der Regionalgruppe der Gewerkschaft der Polizei, die etwa 500 der 1000 Polizeibeamten in der Direktion vertritt.

„Betroffene Kollegen gehen mit Wut und Frust ins Bett“, sagt Kratzert und appelliert: „Die Bürger sollten sich darüber im Klaren sein: In jedem Polizeibeamten steckt ein Sohn, eine Tochter, ein Vater, eine Mutter, ein Bruder, eine Schwester. Menschen mit Gefühlen, die alle wieder gesund nach Hause kommen wollen.“

Die junge Polizeimeisterin Cindy Thiel (28), die seit sieben Jahren als „Freundin und Helferin“ arbeitet, hat so einen Vorfall vor vier Jahren miterlebt, der sie und ihren mitbetroffenen Kollegen lange beschäftigt hat. „Wir hatten Nachtdienst und wurden gegen 23 Uhr zu einem heftigen Streit mit Prügelei in eine Wohnung in ein Mehrfamilienhaus in Elmshorn gerufen.“ Als die Beamten dort ankamen, war nur noch der Bewohner da, der die Polizei um Hilfe gerufen hatte. Die Beamten kannten ihn schon wegen kleinerer Drogendelikte.

„Er hatte eine blutige Nase und ein Hämatom am Kopf“, erinnert sich Thiel. Die Wohnung war durchwühlt. Notärzte brachten den Verletzten ins Krankenhaus. An sich war aus polizeilicher Sicht alles vorbei. „Wir warteten nur noch auf den Erkennungsdienst“, erzählt Cindy Thiel. Doch plötzlich klopfte jemand an die Tür, die nur angelehnt war. Sie und ihr Kollege dachten, es wären die Kollegen vom Erkennungsdienst.

Sie waren es nicht. Vor Schreck, die Polizei und nicht seinen Kumpel anzutreffen, ließ der kräftige, untersetzte Mann, der schon fast in der Wohnung war, Zigarettenpapier und Rauchutensilien fallen. Die Beamten sprachen ihn an, dann ging plötzlich alles ganz schnell. Der Mann wurde aggressiv und griff den Kollegen Thiels sofort an. Es entwickelte sich eine Rangelei bis auf den Vorflur hinaus. Ein richtiges Kuddelmuddel, das immer mehr zu eskalieren drohte. Cindy Thiel fiel das Funkgerät runter.

„Die beiden rollten und rauften sich am Boden und gerieten immer dichter zur Kellertreppe, die direkt an die Wohnung angrenzte“, erzählt sie. „Ich hatte Angst, gleich knallen sie die Treppe runter und brechen sich die Knochen.“ Mit der einen Hand versuchte sie, dem Kollegen zu helfen, mit der anderen, das Funkgerät zu ergreifen, um in der Zentrale nach Verstärkung zu rufen.

Jeden zweiter Tag kommt es zu Gewalt gegen Beamte

Schließlich gelang es den beiden Beamten, den Schläger am Boden zu halten. Völlig außer Atem und mit blutigen Kratzern am Arm und Beule am Kopf warteten der Kollege und sie auf die Verstärkung, die schließlich den kräftigen Osteuropäer mit auf die Wache nahmen. „Ich hatte mir den Finger geprellt, der Kollege Schürfwunden an Hand, Gesicht und Hals.“ Der Angreifer wurde später wegen Widerstandes gegen die Staatsgewalt zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Es gebe bestimmt schwerwiegendere Vorfälle wie etwa den vor einem Jahr, als ein Kollege von einem Radfahrer mitten in der Elmshorner Innenstadt verprügelt worden sei, nur weil er ihn anhalten und zur Rede stellen wollte, sagt Cindy Thiel. Aber diese plötzliche, unsinnige Gewalt aus dem Nichts heraus habe sie dermaßen überrascht und mitgenommen, dass sie darüber lange nachgedacht habe: „Was wäre passiert, wenn der Kollege bei der Rauferei die tiefe Treppe heruntergestürzt wäre? Er hätte schwer verletzt sein können. Das ging mir tagelang durch den Kopf.“

Der vom Radfahrer verprügelte Beamte sei immer noch so aufgewühlt, dass es ihm schwerfalle, überhaupt darüber zu reden. Das Strafverfahren gegen den Angreifer läuft noch.

Dies sind keine Einzelfälle, sagt Kratzert und nennt Zahlen: 2017 seien 19 Polizeibeamte bei 130 Einsätzen mit gewaltbereiten Tätern, 2018 bereits 35 Beamte bei 142 Einsätzen verletzt worden. Und im ersten Quartal 2019 gab es bereits 56 Vorkommnisse mit 57 gewaltbereiten Tätern gegen Beamte, bei denen 132 Kollegen beteiligt waren und fünf verletzt wurden. Alles nur in der Direktion Segeberg. „Durchschnittlich jeden zweiten Tag kommt es hier zu einem solchen Vorfall.“ Landesweit wurden von Januar bis März 2019 55 Beamte verletzt.

Posttraumatische Fürsorge ist inzwischen Standard

Kratzert war bei Cindy Thiels Nachtstreifenvorfall als Gruppenleiter einer der ersten Beamten, die zur Verstärkung kamen. Zum Glück sei dabei nur körperliche Gewalt und kein Messer oder eine Schusswaffe zum Einsatz gekommen. Wie jüngst, als in Bad Segeberg auf dem Parkplatz-Areal vor dem Kalkberg ein polizeibekannter und offensichtlich kranker Mann mit einem Sturmgewehr einen Parkplatzordner bedrohte; die Waffe erwies sich hinterher zum Glück als Attrappe.

Für die Funkgeräte gebe es neuerdings einen Festhalteclip am Gürtel der Uniform, der verhindere, es im Handgemenge wie beim Einsatz von Cindy Thiel zu verlieren, erklärt der GdP-Regionalleiter.

Die Polizeibeamten werden auf Probleme vorbereitet und regelmäßig geschult. Abgesehen vom Gebrauch von Pfefferspray, Schlagstock oder Dienstwaffe, erklärt Kratzert. „Das gehört zum Training im Alltag.“ Auch psychologisch würden die Kollegen heute gut betreut. Da gebe es sofort Gespräche mit den Vorgesetzten und ausgebildeten Psychologen, die abklärten, wie der Kollege reagiert, ob sich sein Verhalten verändere, ob er anfange zu zittern, Schweißausbrüche bekomme und sich etwa posttraumatischer Stress verfestige.

Die posttraumatische Fürsorge innerhalb der Polizei habe sich erst in den vergangenen 15 Jahren zum Standard entwickelt, sagt Kratzert. Das sei auch gut so. Auch Einsätze mit Todesopfern gingen jedem Beamten an die Nieren. „Ich kann immer noch alle Namen der vier Verkehrstoten aufsagen, die ich miterlebt habe.“

Ein Problem sei auch das junge Alter, und zwar auf beiden Seiten, sagt Kratzert. Etwa jeder dritte Angreifer sei jünger als 25 Jahren, 73 von 132 angegriffenen Beamten in der PD Segeberg waren jünger als 30. Offenbar fehle es jungen Leuten an Respekt gegenüber Funktionsträgern. Und auch die Polizeidirektion Bad Segeberg leide wegen ihrer Nähe zu Hamburg unter einer hohen Fluktuation.

„Zehn Prozent der Streifenpolizisten wechseln jedes Jahr“, sagt Kratzert. Da mangele es den Kollegen manchmal an der Erfahrung und dem nötigen Gespür, Situationen richtig einzuschätzen. „Wir können nur an die Bevölkerung appellieren, respektvoll miteinander umzugehen – auch gegenüber Polizisten.“