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Ein besonderer Stuhl kehrt zurück nach Elmshorn

Wilhelm Knecht, Sohn des Firmengründers, an seinem Schreibtisch in der Elmshorner Fabrik

Wilhelm Knecht, Sohn des Firmengründers, an seinem Schreibtisch in der Elmshorner Fabrik

Foto: G. von Grumbkow

Ein Urgroßenkel schenkt der Krückaustadt den Schreibtischsessel des Elmshorner Lederfabrikanten Johann Knecht. Ein Stück aus den 1870er-Jahren.

Elmshorn.  Der in Metzingen am Fuße der schwäbischen Alb geborene Johann Knecht (1851–1905) gründete 1873 im Alter von 22 Jahren in Elmshorn in der Friedrichstraße 1–3 (heute Klostersande) eine Gerberei. Diese Gründung war der Grundstein für die Lederwerke Joh. Knecht & Söhne in Elmshorn. Fünf Jahre später erwarb er die Gerberei von Isaac Sussmann in der Neuen Straße.

Ein Foto von Johann Knecht gibt es nicht, dafür aber seinen Schreibtischstuhl, einen Armlehnsessel aus den 1870er-Jahren mit einem eigenen Monogramm. Der Stuhl wurde am Donnerstag im Rathaus offiziell von Ursula und Jan Knecht an die Stadt übergeben. Er soll künftig einen Ehrenplatz im neuen Rathaus erhalten. Bis dahin wird er in einer Glasvitrine vor dem Kollegiumssaal öffentlich ausgestellt. Es ist ein Zeugnis der Zeitgeschichte Elmshorns. Die Lederindustrie prägte die Stadt bis Mitte des 20. Jahrhunderts.

Mit 24 Jahren wurde Wilhelm Knecht Geschäftsführer

Als erste Gerberei nahm Firma Knecht Ende der 1880er-Jahre eine Dampfmaschine in Betrieb, um eigenen Strom zu erzeugen und galt damals als Vorreiter in der Branche. Während im Maschinenraum penibel auf Sauberkeit geachtet wurde – er durfte nur mit Filzpuschen betreten werden – wurden die stark belasteten Abwässer einfach in die Krückau geleitet.

Obwohl die Arbeit mit gesundheitsgefährdenden Substanzen hart war und trotz der beißenden Gerüche, der Schichtarbeit und Akkordentlohnung arbeiteten die Menschen gern bei Knecht. Das Verhältnis zwischen Meistern und Arbeitern soll gut gewesen sein. Außerdem wurde in der Lederbranche relativ gut bezahlt.

Von Johann Knechts sieben Kindern, die das Erwachsenenalter erreichten (drei Kinder starben in sehr jungen Jahren) waren später nur die Söhne Wilhelm, Adolf, Ernst und Johannes in der Firma tätig. Bereits mit 24 Jahren wurde Wilhelm Knecht Geschäftsführer der elterlichen Fabrik. Außerdem übernahm er 1904 die Gerberei in der Kaiserstraße (heute Vormstegen) seines Schwiegervaters Jakob Ferdinand Wördemann. Nach der Übernahme wurden die Firmengebäude in der Neuen Straße als Lager genutzt.

Nach und nach erweiterte Knecht die Hallen zwischen Vormstegen, Schloßstraße und heutiger Berliner Straße. Die Lederfabrik war der größte Elmshorner Betrieb mit bis zu 500 Arbeitnehmern. Firmengründer Johann Knecht starb am 21. August 1905. Seine Söhne Wilhelm und Adolf wurden Eigentümer.

Das Verhältnis der beiden galt als schwierig. Der ewige Streit zwischen den Brüdern soll darauf zurückgehen, dass Wilhelms einziger Sohn Johann Ferdinand Wilhelm, der einmal sein Nachfolger werden sollte, im Ersten Weltkrieg in Frankreich fiel. Ein Verlust, den der Vater sein Leben lang betrauerte. Adolf Knecht wollte seine Söhne Hans und Kurt als Wilhelms Nachfolger etablieren.

Adolf Knecht geriet ins Fadenkreuz der Nationalsozialisten, weil er im Besitz des Gutes Tralauerholz war. Den Nationalsozialisten galt er als Staatsgegner, „der als Bauer und Besitzer des Gutes nur Nutznießer sein will, aber keineswegs daran denkt, dem Staat gegenüber auch nur annähernd seine Verpflichtungen zu erfüllen“, wie ein Kreisleiter in einem Brief an die Gestapo schrieb.

Auch die Kreisbauernschaft monierte, Knecht erhebe grundsätzlich gegen alle Bescheide von Behörden Einspruch, sei es nun die Strohumlage, die Haferumlage oder die Agrarumlage. Die Gestapo verhaftete Adolf Knecht am 23. Dezember 1940. Er wurde bis 5. Mai 1941 im Gefängnis in Lübeck inhaftiert und starb 1946 an einer Kieferknochenentzündung, die er sich dort zugezogen hatte. Sein Bruder Wilhelm wurde Alleininhaber der Firma. Adolfs Sohn Kurt Knecht wurde zum Geschäftsführer bestellt.

1953 wurde Lederfabrik Joh. Knecht & Söhne stillgelegt

1950 wurde der bisherige Aufsichtsrat abberufen und durch einen Beirat ersetzt, der de facto aus der Geschäftsführung bestand: aus Wilhelm Knecht und seinen Töchtern Louise Behrens und Maria Harries sowie Adolfs Erben Kurt, Hans und Karla Knecht.

1953 wurde die Lederfabrik Joh. Knecht & Söhne stillgelegt. Die Nachfrage nach Leder war aufgrund alternativer Produkten wie Gummi und Kunstleder stark zurückgegangen. Das Eigenkapital reichte nicht, um den Konkurs abzuwenden. Auch das Zerwürfnis zwischen Wilhelm Knecht und seinen Neffen Kurt und Hans dürfte eine Rolle gespielt haben. So soll er sich gegenüber seiner Privatsekretärin negativ über deren Lebenswandel geäußert haben: „Die kannten ja nichts anderes als die seidenen Betten, in denen sie lagen. Ich hätte die beiden nie in den Betrieb aufgenommen. Wilhelm Knecht hat man immer große Geldbeträge anvertrauen können, bei den beiden machte man das nicht“, gab die Zeitzeugin einst zu Protokoll.

Dass nun der Stuhl, auf dem einst Firmengründer Johann Knecht saß, in den Besitz der Stadt Elmshorn kam, ist Landschaftsführerin Annkatrin Holbach aus Elmshorn zu verdanken. Bei ihrer Recherche über die Elmshorner Unternehmensfamilien Rostock, Knecht und Carstens für den Tag des offenen Denkmals 2017 unter dem Motto „Macht und Pracht“ lernte sie auch Jan Knecht, Sohn von Luise und Hans Knecht, kennen. Der erinnerte sich noch gut, wie er „als kleiner Steppke auf dem Stuhl rumgesprungen“ ist. Er lebt mit seiner Frau Ursula in Borgstedt (Kreis Rendsburg-Eckernförde). Sie hatten den Stuhl 1971 von Adolf Knechts Tochter geerbt.