Pinneberg
Wirtschaft

In Bokholt-Hanredder blüht der Onlinehandel

Marcus Lehmann (34) trägt einen blühenden Rhododendron ins Hauptgebäude. Er ist der Chef der Versand-Baumschule „Garten Schlüter“

Marcus Lehmann (34) trägt einen blühenden Rhododendron ins Hauptgebäude. Er ist der Chef der Versand-Baumschule „Garten Schlüter“

Foto: Katja Engler

Serie „Wo in aller Welt“: Der traditionsreiche Pflanzenversand Garten Schlüter steht auch im Internetzeitalter sehr gut da, wächst und gedeiht.

Bokholt-Hanredder.  Sein Urgroßvater war Bahnhofsvorsteher. Aus purer Lust am Gärtnern hatte er gegenüber der beschaulichen Bahnstation von Bokholt-Hanredder ein Stück Land gepachtet und begann dort, Rosen zu züchten. Jener Gustav Schlüter verkaufte die frischen Blumen alsbald am Zug als Schnittrosen nach Berlin, denn die Berliner waren schon vor 100 Jahren verrückt nach Blumen. 1923 gründete Gustav Schlüter seinen Betrieb, den sein Urenkel Marcus Lehmann bis heute weiterführt. Wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen. Garten Schlüter wächst jährlich um zehn bis zwanzig Prozent. Und das, weil Marcus Lehmann rechtzeitig umgeschwenkt ist.

Garten Schlüter hat diverse Prädikate bekommen

Der Pflanzenverkauf über das Internet macht mittlerweile 85 Prozent des Geschäftes aus, sagt der jugendliche Chef. Hätte er den Versandhandel, der schon immer Teil des Geschäfts war, nicht rechtzeitig ausgebaut, „würde es den Betrieb nicht mehr geben“, sagt er ganz unverblümt. Seine Mutter hatte bereits 2007 mit dem Online-Geschäft angefangen. Sohn Marcus hat es dann weiter ausgebaut: „Früher hat es drei bis zehn Wochen gedauert, bis eine Pflanze beim Kunden war. Heute geschieht das innerhalb von einer Woche.“

Die meisten seiner Kunden kommen aus Berlin, aus Bayern oder Österreich, er exportiert aber auch nach Schweden, Finnland, Polen, Rumänien, Griechenland, Italien, Spanien, Frankreich und auch mal in die USA. Über Umsatzzahlen schweigt sich Lehmann aus, er erinnert sich aber mit Sorge an den extrem trockenen Sommer des vergangenen Jahres, in dem es „eine Delle“ in der wirtschaftlichen Entwicklung gegeben habe. Rund 30 Mitarbeiter sind bei ihm beschäftigt, davon gut die Hälfte Saisonarbeiter. Fast alle wohnen in der Umgebung, nur vier kommen aus Polen.

Diverse Prädikate hat Garten Schlüter in den letzten Jahren bekommen, darunter 2015 eines von der Stiftung Warentest, einen Preis von NTV und einen von Home & Garden. Das liegt nicht allein daran, dass Lehmann, der 2012 den Pflanzenhandel übernommen hat, ihn gut führt. Es ist eine ganze Reihe von Gründen, die den Erfolg trägt. Sehr wichtig sind die superfreundlichen Damen am Telefon. Frauen wie Dagmar Tiedtke-Harth, die schon mal geduldig, den Hörer am Ohr, mit einer älteren Dame gemeinsam deren Balkon bepflanzt. Manche ihrer Kunden schicken ihr hinterher Fotos. Die hängen dann zur Freude aller an einer Pinnwand, unter der der Firmenhund Adele spazieren geht. Und dann ist da der farbige Katalog, den sich Garten Schlüter trotz Onlinepräsenz noch immer leistet, da noch immer viele Kunden es lieben, darin herumzublättern.

Ein zweiter Faktor ist die Arbeitsatmosphäre, die Lehmann knapp mit „flache Hierarchien“ beschreibt. Seine Mitarbeiter hingegen schwärmen. Der Chef selbst sagt, er achte darauf, dass neue Leute gut ins Team passen. Fast das Wichtigste aber ist die Qualität der Pflanzen, die sich offenbar als permanente Grundzufriedenheit bei Lehmann auswirkt: „Wir verkaufen ein grundlegend positives Produkt, hinter dem ich stehen kann“, betont er.

Spätestens hier kommt die Familie ins Spiel: „Familie ist superwichtig“, sagt Lehmann. „Die Familie verbringt viel Zeit miteinander.“ Damit meint er nicht so sehr seine Frau, die gelegentlich mitarbeitet, oder seine kleine Tochter. Sondern mindestens ebenso sehr seine Eltern. Mutter und Vater Lehmann haben nämlich gleich nebenan eine Baumschule, aus der viele der 1400 Pflanzensorten kommen, die Garten Schlüter anbietet.

Was von nebenan kommt, darauf kann sich Marcus Lehmann blind verlassen: „Mein Vater hat eine grüne Hand. Ich nur einen grünen Daumen“, sagt er lachend. Sein Vater sei „ein superguter Kultivateur. Er kann den Pflanzen ansehen, was sie brauchen, und liebt Pflanzen über alles. Vielleicht haben wir auch deshalb so viele Preise bekommen, weil wir so tolle Ware produzieren.“ Eine besondere Stärke sieht Lehmann in den Rosen, die er im Sortiment hat. Darunter Seltenheiten wie die französischen Duftrosen „NIR Parfum“, die „Anastasia“, die „Amour de Molene“. Das liegt der Familie ja im Blut, denn damit hat Urgroßvater Gustav schließlich einst angefangen.

Damit es auch gut weitergeht mit der guten Ware, hat Garten Schlüter den Extra-Service ausgebaut, den Pflanzen Infokärtchen beizulegen. Damit die Kunden auch wissen, wie sie die online gekauften Pflanzen zum Blühen und Gedeihen bringen. „Früher musste so etwas nicht erklärt werden“, sagt Lehmann. „Aber heute wird das Wissen über Pflanzen oft nicht mehr vermittelt. Einen schönen Garten zu haben braucht Erfahrung.“ Der gesamte Beruf lebe davon: „Wir leben ja mit der Natur. Da ist Erfahrung das Entscheidende“, sagt Marcus Lehmann.

Alle Generationen nach Gustav Schlüter hatten mit Pflanzen zu tun. Auch die Familie von Marcus Lehmanns Großmutter. Die war aus Aschersleben geflohen und fand Zuflucht in Schleswig-Holstein. Dennoch war es nicht von vornherein klar, dass der 34-Jährige in die Fußstapfen seiner Eltern, Groß- und Urgroßeltern treten würde. Er hat zwar mal eine Ausbildung als Baumschuler gemacht und ein Studium als Gartenbauingenieur angeschlossen. „Pflanzentechnisch wusste ich schon sehr viel“, sagt er. Er studierte dann aber noch Betriebswirtschaftslehre und EDV.

„Zweifel, ob ich das weitermachen wollte, gab es“, gibt er zu. „Ich habe vieles ausprobiert, habe aber auch die Möglichkeiten und die Freiheit gesehen, die ich jetzt durch die Selbstständigkeit habe.“ Er rechnet es seinen Eltern hoch an, dass sie nie Druck auf ihn ausgeübt haben, „obwohl ich ihr einziger Sohn bin und damit die einzige Hoffnung. Aber ihr Hauptaugenmerk ist, dass ich glücklich bin und nirgendwo hineingepresst werde.“

Frische Ware genügt nicht. Es muss auch was Neues her

Mit diesem Vorgehen haben sie offensichtlich richtig gelegen. Heute weiß Marcus Lehmann, dass er in Bokholt-Hanredder am richtigen Ort ist. Er hat die internen Prozesse in seinem Unternehmen verändert, damit die Kundenanfragen schneller und besser bearbeitet werden können. Da bleibt er dran, denn die Ware soll noch immer „frischer und schneller beim Kunden sein“. Doch längst genügt es nicht mehr, nur gute Ware frisch und schnell zu versenden. Es muss auch was Neues her, weshalb Lehmann Messen im In- und Ausland besucht, in Deutschland, Holland, und manchmal sogar im englischen Chelsea, wo die Leute viel gartenverrückter sind als hier. Dann tauscht sich der junge Mann aus dem deutschen Norden fachmännisch darüber aus, was auch hierzulande gut wachsen könnte und probiert es selbst. Im Garten von Freunden oder auch im eigenen.