Pinneberg
Bönningstedt

Trauernde entsetzt: Grabschmuck im Friedwald entfernt

Ein Herz aus Tannenzapfen, zwei Primeln: Familie H. hat die letzte Ruhestätte der Ehefrau und Mutter wieder ein bisschen geschmückt.

Ein Herz aus Tannenzapfen, zwei Primeln: Familie H. hat die letzte Ruhestätte der Ehefrau und Mutter wieder ein bisschen geschmückt.

Foto: Annabell Behrmann

Vor einigen Tagen wurden Erinnerungsstücke im Ruhehain in Bönningstedt ohne Ankündigung entfernt. Angehörige verlangen eine Erklärung.

Bönningstedt.  Nur ein winziges Schaukelpferd aus Holz, kaum größer als eine Fingerspitze, hängt noch neben dem Grab von Dagmar H. in einem Strauch. Der Gärtner muss es übersehen haben, als er vor wenigen Tagen sämtliche Erinnerungsstücke der Angehörigen aus dem Ruhewald in Bönningstedt entfernt hat. Ohne Vorwarnung. Claus H. läuft mit seiner Tochter Katharina einen Pfad entlang, schaut sich zwischen den Bäumen um. „Traurig sieht es aus“, sagt der 72-Jährige und stöhnt. Würden keine Namensplaketten an den Ästen und Stämmen hängen, wüsste niemand, dass hier die Asche Verstorbener beigesetzt worden ist. An Baum 123 bleiben beide stehen. Bei Dagmar. Ihrer geliebten Ehefrau und Mutter.

Bis vor Kurzem lagen noch lauter Herzen aus Tannenzapfen geformt an den Wurzeln der Birken, Eichen und Kiefern. Sie kennzeichneten die Stellen, an denen die Toten ihre letzte Ruhe gefunden haben. Viele Angehörige wollen damit verhindern, dass Besucher auf den Grabstätten ihrer Liebsten herumtrampeln. Viele dekorieren sie zusätzlich mit Steinen, Muscheln oder Federn, pflanzen kleine Stiefmütterchen oder Schneeglöckchen als Farbtupfer ein. So wie Katharina und Claus H. aus Norderstedt es getan haben.

Sie kommen jede Woche in den Ruhehain. Bei der Dekoration achten sie darauf, dass die „Grüße“ an Dagmar dezent aussehen und aus natürlichen Materialien bestehen. Denn: In einem Friedwald soll alles so bleiben, wie die Natur es geschaffen hat. So verlangt es die Satzung. Streng genommen sind also nicht einmal aus Tannenzapfen gelegte Herzen gestattet, Blumenkränze schon gar nicht. Doch in Bönningstedt wurde eine schlichte Grabpflege in den vergangenen Jahren stets geduldet. Schon im September 2017, als Familie H. einen Ort suchte, um ihre verstorbene Ehefrau und Mutter zu beerdigen. Damals empfanden Katharina und Claus H. Trost und Herzlichkeit im Ruhehain. „Jetzt spüren wir nur noch Brutalität.“ Den plötzlichen Kahlschlag vor einigen Tagen können sich die Angehörigen einfach nicht erklären.

„Warum hat man uns vorher nicht informiert?“ Diese Frage stellt sich die 36 Jahre alte Katharina H. seit dem Tag, an dem sie das Grab ihrer Mutter nicht mehr wiedererkannte. „Ich bin in Tränen ausgebrochen. Jeder, der in seinem Leben schon einmal einen geliebten Menschen verloren hat, weiß, wie sehr man an Erinnerungen und Ritualien festhält“, sagt sie. Gemeinsam mit ihrem Vater hat sie beim Friedhofsgärtner nach einer Erklärung verlangt. Doch nachdem bereits etliche Beschwerden anderer Angehöriger auf ihn eingeprasselt seien, habe er sich laut Familie H. in sein Büro eingeschlossen. Zudem habe sich der Friedhofsangestellte herausgenommen, selbst zu entscheiden, welche Erinnerungsstücke es wert sind, aufbewahrt zu werden. Der Rest wurde vermutlich entsorgt. Ihre Natursteinvase hat Katharina H. nicht mehr zurückbekommen.

Klar ist: Den Gärtner trifft keine Schuld. Er hat nur eine Anweisung befolgt. Doch wer hat ihm diese gegeben? Seit eineinhalb Jahren ist der Wald im Privatbesitz von Emile Jurgens, der das Familienunternehmen nach dem Tod seines Vaters weiterführt. Der Ruhehain verkauft zwar die Urnenplätze an den Bäumen, doch für die Beisetzungen sowie den Grabschmuck ist die Gemeinde Bönningstedt zuständig. Mitarbeiter sehen im Wald regelmäßig nach dem Rechten. „Der Grabschmuck wird nicht jeden Tag abgeräumt, aber bestimmt ein- bis zweimal pro Woche“, sagt Bürgermeister Rolf Lammert (CDU).

Er kann nicht bestätigen, dass dezenter Schmuck auf den Gräbern bisher geduldet wurde – nicht einmal Tannenzapfen. Lammert betont: „Alles wird abgeräumt. So verlangt es der Vertrag, den die Angehörigen unterschrieben haben.“ Doch die Aussagen des Bürgermeisters stehen im Widerspruch zu den Erzählungen von Familie H. aus Norderstedt.

Und auch Waldbesitzer Emile Jurgens sagt: „Der Grabschmuck wurde diesmal intensiver weggeräumt als normalerweise.“ Warum, das weiß auch er nicht. Die Verantwortung liege bei der Gemeinde. „Juristisch ist die Angelegenheit klar, Grabschmuck gehört nicht in den Wald. Aber es geht hier auch um Gefühle“, sagt Jurgens weiter. Ihm tue es wahnsinnig leid, was passiert sei. „Ich weiß, dass die Angehörigen an solchen Sachen hängen.“

Familie H. hat das Grab ihrer Dagmar inzwischen einigermaßen wieder hergerichtet. Ein Herz aus Tannenzapfen umrahmt eine kleine Primel. Am Strauch hängt immer noch das hölzerne Schaukelpferd. Katharina H. hatte es für ihre Mutter aufgehängt, als Zeichen dafür, dass sie ihr erstes Kind erwartet. Ein Mädchen. „Es wäre schön gewesen, wenn meine Mami das auch miterlebt hätte“, sagt sie und streichelt sich über den Bauch. Die Sportwissenschaftlerin ist im achten Monat schwanger. Wenn sie über die schwere Krankheit ihrer Mutter spricht, füllen sich ihre Augen mit Tränen. „Ich weiß noch, wie ich neben ihr im Bett lag. In der Nacht, als sie plötzlich keine Luft mehr bekommen hat ...“ Ihre Stimme bricht.

Familie H. hofft, nicht noch einen Kahlschlag zu erleben

Dagmar H. erhielt mit 65 Jahren die Diagnose Lungenkrebs. Obwohl die Krankheit weit fortgeschritten war, der Tumor bereits auf sieben Zentimeter anwuchs, hätte sie den Krebs durch starke Chemotherapien fast besiegt. Doch nach der letzten Bestrahlung bekam sie wegen ihres geschwächten Immunsystems eine Lungenentzündung und verstarb.

Katharina und Claus H. marschieren die geschlängelten Wege durch den Wald zurück zum Parkplatz. „Meine Mutter war immer sehr naturverbunden. Sie hat mir und meinem Zwillingsbruder das Reiten beigebracht. Und in einem Fluss haben wir Schwimmen gelernt. Deswegen passt es auch so gut, dass sie hier im Friedwald, in der Natur, beigesetzt wurde.“ Katharina H. lächelt jetzt.

Die Familie hofft, dass das Grab von Dagmar nicht noch einmal ohne Ankündigung kahl geräumt wird. Claus H. schüttelt den Kopf. „Würde ich so etwas noch einmal erleben, wäre ich verzweifelt. Das würde mir so schwer auf dem Herzen liegen, dass ich nicht mehr hier herkommen würde, um meine Frau zu besuchen.“