Pinneberg
Wirtschaftsserie

Warum Schrauben aus Pinneberg durchs All fliegen

Geschäftsführer Hardy Tempelmann (l.) richtet gemeinsam mit seinem Kollegen Stanislav Gross eine Roboterzelle zur automatischen Beladung einer Fräsmaschine ein.

Geschäftsführer Hardy Tempelmann (l.) richtet gemeinsam mit seinem Kollegen Stanislav Gross eine Roboterzelle zur automatischen Beladung einer Fräsmaschine ein.

Foto: Tempelmann Feinwerktechnik

Produkte von Tempelmann Feinwerktechnik fliegen in Airbus- und Boeing-Jets mit – und sogar in Satelliten.

Pinneberg.  Rechts ein schlichter Backsteinbau. Links die graue Halle, ein fraglos eher funktionelles Gebäude. In der Mitte das blaue Betriebstor. Wer hier durchgeht, betritt das Gelände der Firma Tempelmann Feinwerktechnik in Pinnebergs Norden. Unweit der Autobahn 23 sitzt hier ein Familienunternehmen, dessen Produkte es sogar ins Weltall schaffen. Tempelmann produziert komplizierte Dreh-, Bohr- und Fräs-Teile für Flugzeuge, Automobilindustrie und Schifffahrt. Und eben für Satelliten.

Fast überall, wo Präzisionstechnologie zum Einsatz kommt, finden sich die oft winzigen, aus edlem Stahl gefertigten Stücke aus Pinneberg. Mit bloßem Auge zu erkennen sind sie selten. Mit einem Jahresumsatz von sieben Millionen Euro gehört das Unternehmen Tempelmann Feinwerktechnik zu den bedeutenden Gewerbesteuerzahlern in der Kreisstadt. Ein erheblicher Teil der Einnahmen wird im Ausland erzielt, wenn auch nicht immer auf direktem Wege. Die Türkei, Frankreich, Griechenland, Länder in Skandinavien und die USA gehören zu den Abnehmern. „Insgesamt macht der Export rund 60 Prozent unseres Geschäfts aus“, sagt Firmenchef Hardy Tempelmann. „Aber vieles läuft über Zwischenhändler.“

Airbus und Boeing zählen zu den Kunden des Unternehmens

Nur jedes zehnte Teil wird direkt an einen Käufer im Ausland abgegeben. Zu den rund 200 Kunden des Unternehmens zählen etwa Airbus und Boeing. In Flugzeugen sind winzige, in Pinneberg gefertigte Düsen aus Aluminium zu finden, die in den Sauerstoffmasken von Flugzeugen verbaut wurden. Dass die funktionieren, kann lebenswichtig sein. „Die meisten unserer Teile kommen in der Sicherheitstechnik zum Einsatz“, sagt Tempelmann.

65 Mitarbeiter beschäftigt das Pinneberger Unternehmen. Viele von ihnen haben auch bei Tempelmann gelernt. Der Betrieb bildet seit Jahrzehnten Feinwerkmechaniker und Industriekaufleute aus. Zwei bis drei Azubis pro Lehrjahr lernen an der Flensburger Straße, derzeit sind es neun. Die meisten werden nach der Lehre übernommen. So begegnet Tempelmann auch dem anhaltenden Fachkräftemangel. Wenn in der Region für Ausbildungsberufe geworben wird, ist stets jemand von der Flensburger Straße dabei. Zudem kooperiert die Firma eng mit Schulen. „Wir sind nicht hip“, sagt Hardy Tempelmann. Da gelte es zu werben. Und die Chancen einer Wachstumsbranche aufzuzeigen.

Damit gut ausgebildete Fachkräfte an Bord bleiben, muss Tempelmann einiges bieten. Tariflohn, Weihnachts- und Urlaubsgeld sind selbstverständlich. „Hier muss niemand um seinen gerechten Lohn kämpfen, und wenn Mitarbeiter Sorgen haben, versuchen wir gemeinsam, Lösungen zu finden“, sagt der Geschäftsführer.

Seit Kurzem arbeiten in der Produktion auch Roboter

Die Historie der Firma Tempelmann ist geradezu beispielhaft für ein Familienunternehmen. 1947 gründet Hardys Großvater Helmut den Betrieb in Magdeburg, um neun Jahre später angesichts drohender Enteignung in den Westen zu fliehen, zunächst nach Oldenburg, dann nach Halstenbek, wo die Firma nur zwei Jahre bleibt. Einem weiteren Gastspiel in einem Altbau an der Pinneberger Koppelstraße folgt 1965 der Bau eines Firmensitzes am jetzigen Standort, nahe der Autobahn. Vier Jahre darauf sitzt bereits Helmuts Sohn Bernd mit im Chefzimmer, das Unternehmen wächst. Enkel Hardy studiert Maschinenbau und Produktionstechnik, um 2000 ebenfalls in den Betrieb einzutreten und vier Jahre später die Geschäfte von Vater Bernd, der ihm noch heute beratend zur Seite steht, zu übernehmen.

Doch zurück zur Gegenwart. Die sieht rosig aus, wenn es nach dem Chef geht. „Wir erleben anhaltendes Wachstum, die Auftragsbücher sind voll“, sagt Hardy Tempelmann. Dass sich das auf dem Firmengelände an der Flensburger Straße auch baulich niederschlagen wird, davon geht er nicht aus. „Wir setzen stattdessen auf eine Optimierung der Arbeitsabläufe und investieren in Technik.“ So kommen an der Flensburger Straße seit Kurzem etwa Roboter zum Einsatz. Die Arbeiten noch genauer als Menschen. Und sie sind Tag und Nacht im Einsatz.

Fast eine halbe Million Euro hat sich Hardy Tempelmann die Geräte, die auf vorhandene Technik abgestimmt werden mussten, kosten lassen. „Plus Lehrgeld, das wir im Umgang mit neuer Technik zahlen müssen“, sagt der 44-Jährige. Er geht übrigens keineswegs davon aus, dass der Einsatz von Robotern Arbeitsplätze kosten wird. „Das einfache Knöpfedrücken wird weniger, aber qualifizierte Kräfte werden wir immer brauchen.“ Auch im Vertrieb und für den Handel mit dem Ausland – denn der wird komplett aus dem Pinneberger Firmensitz abgewickelt.